Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Jin jiyan azadî

Frauen, Leben, Freiheit
Hamburg

Leyla wächst in einem kleinen unscheinbaren Ort in der Nähe von München als einzige Tochter einer Krankenschwester aus dem Schwarzwald und eines aus Nordostsyrien geflüchteten Êsîden auf. Die Sommer verbringt die kleine Familie in Gesellschaft der großen Familie des Vaters in dessen Heimatdorf Tel Khatoun (das diesen Namen freilich erst seit der erzwungenen Umbenennung seitens der alles arabisierenden Behörden trägt) nahe der türkischen Grenze, und Leyla, die etwas introvertierte Leseratte aus Almanya, findet anfangs nur schwer Anschluss. Nicht nur die Jungen, auch ihre zwei Jahre jüngere Kusine Zozan lassen sie ob ihrer Andersheit immer wieder auflaufen. Von dem einfachen Leben zwischen Tabakfeld und Hühnerhof, den vorbestimmten Tagesabläufen, den Besuchen der Nachbarn fühlt sie sich gleichermaßen angezogen wie abgeschreckt. Anker in dieser empfindungsmäßigen Ambivalenz ist ihr die Großmutter, eine kleine gottesfürchtige Frau, die sie in die Religion der Êsîden einführt. ___STEADY_PAYWALL___Wir erfahren vom poetischen Schöpfungsmythus dieser nordkurdischen Glaubensgemeinschaft, von Ezda, dem Schöpfer, der die Welt aus einer weißen Perle erschuf und den sieben Engeln, deren wichtigster Tawsî Melek, der Engel Pfau, gerade deshalb zum Statthalter Ezdas auf Erden wurde, weil er sich in einer entscheidenden Frage einem Befehl seines Schöpfers widersetzte und auf diese Weise eine göttliche Prüfung erfolgreich bestand. Ein Umstand, der historisch zu dem Missverständnis bei Christen und Moslems führte, dass die Êsîden gewissermaßen Teufelsanbeter seien, da in den anderen monotheistischen Religionen Satan der "Aufsässige" unter den Engeln ist.

Dem Vater Leylas ist das alles zuviel Religion. Er identifiziert sich mit seinem Kurdentum, erzählt Leyla in vielen Rückblicken aus seinem und dem Leben seiner Familie, den systematischen Zurücksetzungen der kurdischen Bevölkerung Syriens durch die Behörden der alles kontrollierenden Baath-Partei unter Vater und Sohn Assad, der Ausgrenzung durch Staatenlosigkeit und Passverweigerung, die unter anderem zum Verbot des Universitätsbesuches führt, den Folterungen durch den Geheimdienst und schließlich seiner Flucht nach Deutschland. Er beschwört seine Tochter, nie zu vergessen, dass auch sie kurdischer Abstammung sei. Ihr Name gehe auf drei heldenhafte Frauen namens Leyla zurück, die für Kurdistan starben.

Leyla spürt in sich diese Fragen nach ihrer Identität, die sich dann insbesondere in der Pubertät immer mehr verdichten. Weder in Deutschland noch in Syrien gehört sie richtig dazu, hat nur wenige intensive Freudschaften. Immer wieder wird sie mit haarsträubenden Vorurteilen konfrontiert, von deutscher, türkischer, arabischer Seite, aber auch durch die Familie des Vaters, die nur allmählich die als Mesalliance betrachtete Verbindung des Vaters zu einer Deutschen akzeptiert. Die Êsîden praktizieren gewöhnlich eine strikte Endogamie - interreligiöse Verbindungen sind tabu. Leyla muss sich mit ihrem Deutschsein, ihrem Kurdischsein, ihrem Êsîdischsein auseinandersetzen, und als sie allmählich feststellt, körperlich mehr von Frauen als von Männern angezogen zu sein, ist dies zunächst eine weitere identitäre Irritation für sie. Nur allmählich lernt sie sich zu akzeptieren, studiert in Leipzig Germanistik, lernt eine faszinierende Frau kennen, trennt sich wieder von ihr. Inzwischen tobt der Krieg gegen den IS im Nahen Osten, und der Mutter Leylas gelingt es durch endlose Eingaben an die deutschen Behörden und Institutionen, die Familie des Vaters einreisen zu lassen. Der Schluss des Buches ist offen, in einer letzten Szene ist von einem Aufbruch Leylas die Rede, der Spekulationen Raum lässt, ob sie sich nicht sogar dem bewaffneten Kampf in Kurdistan anschließen wird. Schon vorher scheint Leyla von dieser Perspektive positiv Notiz zu nehmen:

"Leyla sah sich Videos an. Die Kämpferinnen flochten sich gegenseitig ihr langes Haar zu Zöpfen. Sie trugen weite ockerfarbene Hosen, dazu Westen, alles in Camouflage-Mustern. Sie hielten Kalaschnikows in den Händen, sie riefen: Jin jiyan azadî, Frauen, Leben, Freiheit. Berxwedan jiyan ê, Widerstand ist Leben. Nachts tanzten sie um Lagerfeuer, sangen. Tagsüber schossen sie, auch davon gab es Videos. Nie schienen sie zu schlafen."

Die Autorin Ronya Othmann selbst ist ja nicht zuletzt durch ihren eindringlichen Text über den Genozid des IS an êzidischen Kurden 2014 in Syrien bekannt geworden, welcher letztes Jahr den Publikumspreis zum Bachmannpreis gewann. Die Thematik von Flucht und Widerstand erscheint einer an über die vergangenen Jahre hinweg mit sogenannter Migrationsliteratur befassten Leserschaft durchaus vertraut (wobei der Begriff im engeren Sinne auf die 1993 in München geborene Schriftstellerin natürlich gar nicht zutrifft). Aber die Arbeitsweise, das poetische Programm und die Schwerpunktsetzung unterscheiden sich nicht unwesentlich von den allermeisten dieser literarischen Hervorbringungen und machen sie jenseits aller identitären Zuschreibungen zu einem Stück authentischer Gegenwartsliteratur.

So entwirft die junge Autorin, die offenbar freilich Einiges an biografischen Erfahrungen ihrer kurdisch-deutschen Familie in ihren ersten Roman hat einfließen lassen, vor allem einen literarischen Aufbewahrungsort für Erinnerungen. Sie kompiliert handwerklich geschickt eine Unmenge von Details und sinnlichen Eindrücken und beleuchtet dabei auch immer wieder das Leben der Frauen, meist im Schatten der Männer der jeweiligen Gesellschaften. Ihre Figuren gewinnen oft nur durch wenige Merkmale, über die Othmann sie skizziert, mit leichter Hand an Kontur. Mit poetischer Genauigkeit sammelt sie, was das Leben vor dem Verschwinden beschützt. Ihr Roman "Die Sommer" liest sich wie eine Verteidigung des geschriebenen Wortes als unverbrüchlicher Verbündeter der Erinnerung, in gewisser Weise gegen die Auffassung von Leylas Großmutter, von der es heißt: "Die Großmutter trug ihr Buch auf der Zunge. Besser im Kopf, Leyla, sagte sie. Da ist es vor allen sicher."

Ronya Othmann
Die Sommer
Hanser Verlage
2020 · 288 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26760-2

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge