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Ror Wolfs Gedichte und Collagen geben sich altertümlich, erweisen sich aber als raffiniert gebaute kleine Dichtwerke
Hamburg

Ror Wolfs Gedichte und Collagen sind seit Jahren bekannt und werden ob ihres merkwürdigen Blicks auf die Realität sehr bewundert. Immer wieder gelingt es Zeitungen, ihn zum Abdruck seiner Collagen zu bewegen; ein echter Augenschmaus, der wegen seiner Appetitlichkeit vergessen macht, dass es um Inhalt nicht wirklich gehen kann. Das ist für ein Genre, was die akademische Reflexion angeht, nicht eben hinderlich, aber dennoch verwunderlich. Denn trotz aller Bekenntnisse zur ästhetischen Wahrnehmung und zur Funktion der Form spielt sie in der Diskussion kaum eine Rolle. Zumeist geht es um Inhalte und um mehr nicht.

Allerdings ist das mit dem Inhalt bei dem 1932 im thüringischen Saalefeld geborenen Wolf eine merkwürdige Sache. Denn auf der Suche nach irgendetwas davon wird man in diesen „39 Gelegenheitsgedichten aus dem Nachlaß“ nicht wirklich fündig. Und das, obwohl Wolf wie kaum ein zweiter sich im Alltäglichen und Nebensächlichen bewegt, was seine Ausstattungen angeht. Das Bahnhofshotel, das es sogar in einen Titel geschafft hat, die Feuchtigkeit oder „Die plötzlich hereinbrechende Kälte im Dezember“. Es sind viele kleine Themen, die hier angespielt werden, aber dahinter kommt mit großer Wahrscheinlichkeit etwas hervor, wie man – Wolf-erfahren – wohl zurecht vermutet, etwas ziemlich Ungeheures.

Man mag vor allem in den späteren Texten den älteren Mann wahrnehmen, der sich damit begnügt zuzusehen, was um ihn herum geschieht. Dass Wolf aber ein Beobachter sei, wird man ihm wohl kaum attestieren. Denn unvermittelt springt einem aus den kunstvoll gefertigten Zeilen, die sich ganz altmodisch reimen, ein zerstückelter Frauenleib an oder irgendeine andere Unsäglichkeit, die man nicht an dieser Stelle vermuten würde.

39 Gedichte sind in diesem etwa 120 Seiten langen bibliophilen Band zusammengestellt. Ihre Entstehungsdaten reichen bis 1959 zurück und bis zum Jahr 2014 vor. Sie sind – ähnlich wie die Collagen – mit großer altertümlicher Sorgfalt zusammengestellt, was es eben auch ermöglicht, dass hier selbst Banales lyrikreif wird. Und das soll dann ja auch der Zweck sein.

Damit sich der Vergleich lohnt, sind den Gedichten zahlreiche Collagen beigestellt, die in der bewährten Wolf'schen Art kombinieren, was so dringend zusammengehört. Die am Meer, hinter dessen Wellen der kahle Kopf eines Mannes auftaucht, wartende Frau? Wir könnte man besser die gegenseitige Zuordnung der Geschlechter ins Bild setzen als so? Oder die Frau, die den Mann mit den verbundenen Augen führt – geradewegs in das Maul des schnappenden Hechts.

Aber so einfach bleibt es nicht, denn in den Collagen werden auch befremdliche Elemente zusammengefügt, die sich nicht sofort erschließen, aber einen vagen Stimmungsraum erzeugen, in dessen Fonds die Gedichte eingepasst sind. Denn auch sie sind vor allem als Stimmungserzeuger angelegt, allerdings nicht als romantische Duftlyrik, sondern als Versuche, eine allzu sichere Selbstverankerung in einer vermeintlich gesicherten Realität zu unterbinden.

Das wird etwa an einem Gedicht aus dem Jahr 2013 erkennbar, das die „Schwierigkeiten beim Heben der Füße“ thematisiert. Vier vierzeilige Strophen, mit regelmäßigen Reimen und Versmaß: Die Reime umschließen einander, vierhebige Verse bilden den belastbaren Grund für eine durchaus nicht haltbare Situation. In dieses Gerüst ist ein merkwürdiges Kollektiv eingebaut, das aber anscheinend auf seine kleinste Größe reduziert ist, auf ein Existenzmaß, das nicht weiter belastet werden kann. Dass am Ende der vier Strophen, die wie ein Schiffskonvoi über die Seiten ziehen, das

rote Blut aus den Bettbezügen

quillt und der

schwarze Schlamm aus dem offnen Mund

fließt, korrespondiert mit der strengen Form.

Die Wolf im Übrigen nie verlässt. Die Bilder, die seine Lyrik bevölkern, mögen bekannt sein, dennoch geht von ihnen eine große allgemeine Verunsicherung aus, die sich eben darin begründet, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Nicht einmal die Worte stehen ihm fraglos zur Verfügung, wie es in „Die Macht der Worte“ heißt. Allerdings geht der Herr Waldmann, um den sich der letzte Zyklus des Bandes dreht, allmählich zugrunde. Verlässlich ist er also nicht gerade.

Das geht einher mit der permanenten Todesdrohung, die diese Gedichte durchzieht. In „Das Zerfließen“ ist die Welt nicht nur

weich und nass du kalt

..., es liegt noch Schnee aus den Straßen und es quillt Schlamm aus dem Nachtcafé, das wir bei anderen deutschen Lyrikern so gut kennengelernt haben. Aber dann liegt eben auch – Benn läßt grüßen – eine Dame auf dem Billardtisch,

aufgeschlitzt, gespreizt und ausgebleicht,
nackt und kalt am Abend, seidengleich.

Wie sie dahin kommt? Man kann es ahnen.

Die Frauenleichen verbinden denn auch die frühen mit den späten Gedichten. Waldmann als Leichenzerstückler findet sich bereits unter anderem Decknamen in „Der dunkle Hut des Täters“ aus dem Jahr 1960:

Die Witwe liegt im Ofenrauch,
im Zimmer, in der Ecke,
und vor dem Fenster raucht es auch,
und an der Zimmerdecke

und an der Zimmerdecke hängt
der Mantel des Vertreters
und auf dem Tisch liegt, blutgetränkt,
die nackte Hand des Täters.

Täter und blutgetränkt muss man erstmal aufeinander reimen, wie auch später Hände und Gelände – es geht, wie man hier sieht. Und das kalauert selbstverständlich, wenngleich nicht ohne Ernst.

Dieser Waldmann ist nicht ohne Vorbilder: Brechts „Baal“ gehört dazu, der ebenso aus der Welt verschwinden will und ein mächtiger Frauenzerstörer ist. Aber dennoch gehen Wolfs Gedichte in solchen Extremen nicht auf. Sie weisen stattdessen mit der ihnen eigenen Leichtigkeit darauf hin, dass es so etwas wie eine sinnvolle Existenz nicht gibt. Nur deshalb ist das Verschwinden Waldmanns von vorneherein eine beschlossene Sache. Nur leider gelingt das nicht so einfach, denn dieser Waldmann taucht immer wieder auf. Es braucht sage und schreibe 24 Gedichte, um ihn verschwinden zu lassen. Und das ist immerhin beachtlich.

Ror Wolf
Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember
Schöffling & Co.
2015 · 128 Seiten · 24,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-306-7

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