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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

einen sack insektenflügel

Hamburg

Róža Domašcynas neuester Gedichtband stimmen aus der unterbühne, im Poetenladen Verlag erschienen, ist ein durchkomponiertes Werk, das in jedem Abschnitt sich auf einzelne Aspekte von Sprechen/ Sehen konzentriert, sie gewissermaßen sortiert. Im Wesentlichen nicht unbedingt an der Abstraktion interessiert, sondern im Gegenteil mittels einer persönlichen, ausgefärbten und zugänglichen Sichtweise, fokussieren die mehrheitlich meist kurzen Gedichte auf Details wie Ortsbegehungen, Personenporträts, Sprachreflexionen und -untersuchungen zu beispielsweise Markennamen oder Lehnwortkonstruktionen. Nicht alle der hier strukturierten Gedichte wollen das gleiche, ansonsten hohe, Niveau Domašcynas halten; nicht ganz klischeefrei verlässt sich der eine oder andere Text ein wenig zu schnell auf gebrauchte Sprache oder etwas banale Sprachspiele. Wirkungsvoll durchbrochen allerdings werden sie sämtlich durch mehrfach auftauchende, prosastück-artig gesetzte längere Blocktexte, die eine offenere Wirkung erzielen, in denen sich das Sprachmaterial verkürzungslos entfalten kann, und schließlich durch das klug gesetzte abschließende Langgedicht Im vorstau, abgelassen, ein später Höhepunkt das Bandes.

Eine wesentliches Konstituens der Sprechwelt in stimmen aus der unterbühne sind die Vermischungen des Sorbischen mit dem lokal abgetönten Deutschen, nicht nur in den Ortsnamen. Das sich ebenfalls seinen Entfaltungsraum nehmende, spätere, lang laufende Wie oft hatte der pijahss der hund beginnt mit:

vor der türschwelle gewartet vor der sich
die kinder nicht verneigen mussten
wie oft hatten die gefisselten röcke der frauen
diese gestreift die weißen timpmützen
den balken berührt irgendwann hatte der vater
der Schultze ein spinnrad drüber gehoben
das er aus fernem lande geholt die leute
staunten nicht schlecht als das ding garn
von sich selbst fressen konnte
sowas kam doch nur in nebesai vor

oder war hier schon der himmel? auf der zyme
der sumpfigen erde stapften die männer barfuß
[...]

Die Texte aus dem ersten Drittel setzen sich mit Momenten vor dem Sprechen auseinander. Vor dem Entschluss, welche Zunge zu benutzen sei, auch was die jeweiligen Konsequenzen wären. Bewusst schleppend, fast bedrohlich, wie vor dem gerade noch verkniffenen Abheben infolge einer möglichen Maßregelung, “argumente als jagdwaffen”, mag hier das folgende Gedicht für sich sprechen:

Kerne in der schachtel

bin aus unseren dörfern gekommen
die sprache habe ich mitgenommen
keiner wollte sie verstehen
sie haben zu meiner sprache geschwiegen
sie haben über die sprache gelacht
sie haben gesagt: lass sie im halse stecken
sie haben gesagt: es gibt bessere sprachen

jedes wort habe ich bis auf den kern abgenagt
die kerne anschließend ausgespuckt

kehre die kerne auf, haben sie gesagt
ich hab sie in eine schachtel getan
den deckel draufgelegt und angeklebt
hab nun wortkerne in der schachtel

wenn du sie schüttelst kannst du sie hören
die kernworte

Schließlich kommt in den weiteren Abschnitten eine biblisch angehauchte Sprachführung mit hinein. “das paradiesne stück” wie es an einer Stelle heißt. Dabei lässt Domašcyna diese gerne direkt auf “endmoränen” oder andere Landschaften treffen, sich mittels Erinnerungen an Orte verbeißen, oder sich direkt auf Wanderschaft begeben. Generell in einem unsteten, sich den Veränderungen fast verzweifelnd bewusst machenden Gestus.

und förderbrücken förderten ins helle
nun nichts mehr doch ausleger an ausleger
sich reihte und schwankte am gewachsenen
dann knickte

ich nahm’s als spielen und ich blickte weiter

stimmen aus der unterbühne hat Gewicht, trägt ein Gewicht an sich, das sich an vielen Stellen zu starken Gedichten motiviert, besonders in den längeren, weitläufigeren. Doch auch die etwas schwächeren Texte fügen sich durch die stringente Dramaturgie der Komposition in ein wohldurchdachtes Werk ein. Die Unterbühne scheint ein müdes Bye-Bye dem Großen Geschehen hinterherzusoufflieren.

innerhalb baulicher fluchten die menschen
werden gegangen sein wird man sagen
des sagens mächtig noch vielleicht

Róža Domašcyna
stimmen aus der unterbühne
Poetenladen
2020 · 120 Seiten · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-948305-05-5

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