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Kritik

Polyphone Bedeutungsströme

Hamburg

Beim Titel "gestammelte werke" drängt sich unwillkürlich der Gedanke an ein naheliegendes Wortspiel auf, das man in literarisch verarbeiteter Form eigentlich gar nicht mehr erwarten würde, so abgegriffen ist es. Machen Sie einmal die Probe aufs Exempel und googeln sie den Begriff. Erster Treffer ist, wen wundert's, der Hinweis auf ein Youtube-Video mit dem verbalen Ausschuss eines zwischenzeitlich nach Brüssel weggelobten ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten. Auch ein älteres Buch des Comedians Johann König trug (wie vorher viele andere ebenfalls) den gleichen Titel. Falls Sie mit dem Namen Rozalie Hirs nichts anzufangen wissen, dann könnte das alles einigermaßen abschreckend wirken.

Sollte es aber nicht, denn die sprachlichen Kunstwerke der niederländischen Komponistin und Lyrikerin sind alles andere als Käse, auch wenn sie 1965 in Gouda geboren wurde, womit ihre Dichtung betreffend auch schon der Höhepunkt möglichen weiteren Kalauerns erreicht wäre. Außerdem führt dies bereits mitten hinein in das eigentliche Thema, denn "gestamelde werken" erschien in niederländischer Sprache bereits im Jahre 2012 bei Querido in Amsterdam, als bereits fünfter Gedichtband von Hirs seit 1998, und es mag durchaus sein, dass der Begriff im Niederländischen längst nicht so besetzt erscheint wie im Deutschen.

Der Inhalt der beiden Bücher ist alles andere als deckungsgleich, denn Rozalie Hirs hat in ihrem neuen Band gemeinsam mit ihrer Verlegerin und Mitübersetzerin ins Deutsche, der Lyrikerin Daniela Seel, vielmehr eine Werkschau der vergangenen Jahre zusammengetragen, die sich aus einigen ihrer vorangegangenen Amsterdamer Publikationen bedient. Damit nicht genug sind die Gedichte in insgesamt zehn weitere Sprachen übertragen abgedruckt, nicht jedes in alle, meist nur in drei oder vier weitere, doch selbst Russisch und Chinesisch sind dabei; insgesamt sind nicht weniger als neunzehn Personen allein mit Dichtung und Übersetzung beschäftigt gewesen, so dass Rozalie Hirs uns in gewisser Weise als Komponistin und Dirigentin eines interlingualen Lyrikorchesters entgegentritt.

Die Dichterin möchte den Gesetzmäßigkeiten von Lyrik in unterschiedlichen Sprachen nachspüren, den etymologischen Wurzeln und ihren Entwicklungen, nicht zuletzt auch dem oralen Aspekt von Gedichten, und erklärt in ihrem Nachwort:

"Die Klänge verschiedener Sprachen sind an unterschiedlichen Stellen im Rachenraum verortet. Sie werden an verschiedenen Stellen der Stimmbänder geformt. Und durch unterschiedliche vorgegebene grammatische Strukturen. Wie erscheinen diese Strukturen in der Lyrik? Gibt es für jede Sprache eine diesen Strukturen gemäße charakteristische Lyrik?"

Für dieses Unterfangen wäre es schön gewesen, auch eine CD mit den aufgesprochenen Gedichten und Übersetzungen zu produzieren und dem Buch beizugeben. So erschließt sich der erwünschte Effekt allenfalls für die Sprachen, die die jeweilige Leserschaft selbst zu sprechen in der Lage ist. Leider findet sich Rozalie Hirs nicht einmal auf dem einschlägigen Hörkanal lyrikline.org, und so bleiben die meisten wohl bei deutsch, niederländisch, englisch und französisch kleben, es sei denn, unter Bekannten finden sich noch AlbanerInnen, LitauerInnen oder SchwedInnen, was im polyglotten Deutschland, in dem ja bekanntlich die Jugend der Welt studiert, immerhin im Bereich des Möglichen ist. Denn ansonsten gilt für Kuchen und fremdsprachige Gedichte gleichermaßen: vom Anschauen allein wird man nicht satt.

Aber auch in den Sprachen, in denen sich die Leserschaft einigermaßen heimisch fühlt, erscheinen ja Neologismen wie "zungenschnalzwickel" zunächst nur schwer übertragbar. Doch das Englische macht wie von selbst ein "tongue in cheek clacking" daraus, das Niederländische ein "in klakken gehulde tong" und zaubert, den ÜbersetzerInnen sei es gedankt, ein verständnisinniges Lächeln hervor, und so geht es einem an vielen Stellen des Buches. Die Leserschaft mag es am Ende als Mangel begreifen, nicht allen Sprachen und ihren Eigenheiten selbst nachspüren zu können, und damit ginge im Grunde ein Wunscheffekt für Rozalie Hirs in Erfüllung:

"Wir atmen Sprache. Sie atmet durch uns. Wir sind Sprache. Finden zueinander. Im Sprechen. Dieses Buch ist Europa für mich, es ist die Welt, die wir mit bilden durch unser Verhalten."

Der Band gliedert sich in neun Kapitel und das Nachwort; ein zehntes, "spielraum", ist als  Schutzumschlag und gleichzeitig als zusammengefaltetes blaues Plakat gestaltet. Die Texte des ersten Kapitels, "kurviren und musikeln", gemahnen in ihrer intelligenten inhaltlichen Unerwartbarkeit von fern an Oskar Pastior, und gleich das erste Gedicht wirkt wie eine Art Gebrauchsanweisung zur Rezeption des ganzen Buches:

" bewegungslinien. markiere sechs ziele deiner / wahl auf einer karte deiner wahl. die ziele / dürfen ganz verschieden sein nach geschichte, alter, einwohner- und kioskzahl. zeichne sechs / verschiedene wege deiner wahl von <hier> zu / jedem der ziele, sechsunddreißig verschiedene / wege zusammen. ergänze noch einen, der alle / sechs orte verbindet, mit kürzestmöglicher strecke / am besten, unter beachtung unüberwindlicher / hindernisse wie berge, seen. kauf ein paar / neuer schuhe, pack deinen rucksack. womit? / zelt, schlafsack, gewehr?"

Es könnte also gefährlich werden. Und so haben die folgenden Texte auch immer etwas  unterschwellig Bedrohliches, erinnern Motelbesitzer an einschlägige Horrorfilmfiguren, tragen sich, offenbar in einem Krankenhaus, geheimnisvolle Metamorphosen zu:

"beharrliches ding in diesem zimmer, über dem tisch, in der schwebe. / weckt sie wieder und wieder, für neue geschichten, die heimlichen, / unter dem buch versteckten, unter dem kissen - das / ihr gehirn ist. walnüsse. ein narzissenfeld verbrennt / wangen. den klee, der nicht nachgibt."

Diesen an Foucaults Episteme der Analogie erinnernden Assoziationen von Gehirn und Walnuss begegnen wir in zahlreichen Varianten auch auf Schritt und Tritt in den Übersetzungen, wo beispielshalber eine Wendung wie "ein leben zu führen" im Niederländischen als "een leven te leiden" erscheint und auf unsere Rezeption im Deutschen einwirkt, sie im wahrsten Sinne des Wortes spürbar dramatisiert.

Doch in den folgenden Kapiteln ändern sich sowohl der sprachliche Duktus als auch die Thematik der Gedichte. Satzzeichen entfallen komplett, oft können einzelne Satzteile inhaltlich sowohl zu vorhergehenden als auch zu nachfolgenden gehören, wobei sich mannigfaltige Sinnverschiebungen ergeben (ein in der modernen Lyrik häufig genutztes Verfahren, was Rozalie Hirs als "Staffellesen" bezeichnet); es werden aber auch autobiografische und traum-assoziative Elemente verarbeitet und Lesegewohnheiten aufgebrochen durch ungewöhnliche grafische Anordnung der Worte, etwa Rorschach-Formen, die wie Falter über die Seiten flattern und je nach optischer Zuweisung durch den Leser ebenfalls wieder changierende Sinneinheiten ergeben. Und auch hier sind Spiel und Varianten in den anderen Sprachen nicht selten verblüffend und öffnet die Sinne in alle Richtungen. Dabei wird die Leserschaft permanent gefordert, aber das Sich-Einlassen lohnt. Hierzu schreibt Rozalie Hirs:

"In mehrstimmiger Lyrik ist es schwierig, alle simultanen Bedeutungsströme gleichzeitig nachzuvollziehen, sie aufzunehmen und ihnen zu folgen. Aber Lyrik kann verschiedene Lesemöglichkeiten, wie ich sie nenne, gleichzeitig anbieten, aus denen man beim Lesen wählen kann."

Das Gedicht "een dag / ein tag" sei zum Anlesen des Bandes empfohlen - wenigstens die erste Strophe ist im Niederländischen Original auf Youtube zu hören und lässt ahnen, was uns durch die bloße Darreichung der Gedichte in schriftlicher Form leider entgangen ist.

 

 

 

 

Rozalie Hirs
gestammelte werke
Broschur mit Umschlag-Poster, gestaltet von Andreas Töpfer
kookbooks
2017 · 240 Seiten · 22,90 Euro
ISBN:
9783937445670

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