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Kritik

»Aber sie können mich nicht brauchen«

Rüdiger Safranski schreibt über Friedrich Hölderlin – mit durchwachsenem Ergebnis
Hamburg

Nein, der richtig große Wurf ist es nicht geworden. Wie könnte es denn auch? Natürlich ist es allzu verständlich, daß Verlage stets hoffen, ein Anschub durch Jubeltage und magisch beschworene Jahreszahlen bewirke deutlich höhere Verkaufszahlen. Wenn man also schon die Gelegenheit nutzen wollte, an Friedrich Hölderlins Geburtstag vor 250 Jahren im März 1770 zu erinnern, dann hätte man ein umfangreicheres Buch wagen sollen als das nun von Rüdiger Safranski vorgelegte. Es ist nicht schlecht, im Gegenteil, es ist ein gut lesbares und erhellendes Buch, aber eben nicht der richtig große Wurf, weil man ihm an vielen Stellen anmerkt, daß es überstürzt auf das Datum hin konzipiert wurde. Aber ist Hölderlin tatsächlich noch weiter »ferngerückt« als andere ›Klassiker‹, so daß man glaubt, ihn jetzt gesondert heranholen und die Frage stellen zu müssen: »Erreicht er uns noch, und erreichen wir ihn?«

Safranskis »Biographie« verschiebt die genauere Chronologie in die »Zeittafel« am Ende des Buchs und betrachtet die Ereignisse vor allem im Hinblick auf die innere Entwicklung des Dichters. Eine Großbiographie, die ältere Bemühungen ersetzt, liegt somit noch immer nicht vor. Wer also mehr Details, Namen, Daten, Fakten und Hintergründe erfahren möchte, kann auch weiterhin nicht auf die Biographie von Pierre Bertaux aus dem Jahre 1978 oder auf verschiedene Monographien verzichten, etwa »›Dort drüben in Westphalen‹. Hölderlins Reise nach Bad Driburg mit Wilhelm Heinse und Susette Gontard« von Erich Hock oder »Hölderlins Elegie ›Brod und Wein‹ oder ›Die Nacht‹« von Wolfram Groddeck, beide leider nicht in Safranskis Literaturverzeichnis aufgeführt. Für ein lebendiges Bild reichen die Einlassungen jedoch, man bekommt eine plastische Vorstellung von Hölderlin, ohne daß ihm das Rätselhafte und im letzten Grund nicht Erklärbare genommen wird. Spekulationen geht Safranski sehr behutsam nach, verwirft sie indes zum Glück nicht pauschal. Bertauxs These vom edlen Simulanten, der seinen Wahnsinn nur spielt, um sich vor drohender Inhaftierung zu schützen, teilt Safranski nicht: Der Hölderlin von den Ärzten attestierte Wahnsinn habe zwar seinem Schutz gedient, aber zerrüttet sei die Seele dann wohl doch gewesen. Allerdings wäre die von dem Pharmakologen Reinhard Horowski kürzlich aufgebrachte und durchaus ernstzunehmende Theorie, Hölderlin sei während seiner Behandlung im Autenriethschen Klinikum mit Kalomel (Diquecksilberdichlorid) mißtherapiert, d.h. unwissentlich vergiftet worden, zumindest einer Erwähnung wert gewesen, denn sie versöhnt die unterschiedlichen Positionen um die Grenzen des Genius ein wenig miteinander.

Safranski konzentriert sich vor allem auf die philosophischen Grundlagen von Hölderlins Dichtung und deren anfängliche Zerrissenheit zwischen Abstraktion und Anschauung. »Die Hymnen der Tübinger Zeit sind so hoch angesiedelt, dass sie weder gedankliche Deutlichkeit noch sinnhafte Anschaulichkeit gewinnen und das lyrische Ich ohne Lebensbezüge scheint«, konstatiert Safranski, dem die frühe Dichtung auch ansonsten eher epigonal erscheint, abhängig besonders vom Vorbild Schillers –: dieser Befund ist bei oberflächlicher Betrachtung nicht vollends von der Hand zu weisen, doch rechtfertigt es das Verdikt kaum, denn auch aus der Nachahmung – und was für eine kühne, Schiller sogar dreist korrigieren wollende Nachahmung ist das! – können bedeutende Texte entstehen. Im Spätwerk sind es vor allem die berühmten Gedichte »Brod und Wein« und »Andenken«, die Safranksi voller Bewunderung genauer unter die Lupe nimmt. Allerdings ist die Entscheidung, sie vollständig zu zitieren, insgesamt etwas problematisch, da sie sich ohne weiteres anderswo nachlesen ließen (immerhin erstreckt sich allein der Abdruck von »Brod und Wein« über sechseinhalb Druckseiten!). Sehr schön faßt Safranski auch die Intentionen der verschiedenen Fassungen des Romans »Hyperion« und des Schauspiels »Empedokles« zusammen und stellt sie in ihren politischen Kontext.

Überhaupt gehören zu den Tugenden des Buchs die kluge Einschätzung der Sachverhalte und die mit essayistischem Schwung in nüchtern-präzisem Stil erläuterten poetologischen Überlegungen Hölderlins. Illustrativ schildert Safranski, wie aus der Sprachüberfülle allmählich ein Sprachmangel und am Ende gar ein nur selten durchbrochenes Verstummen wird. Hölderlin im Tübinger Stift in Gesellschaft von Hegel und Schelling, Hölderlin auf der Suche nach Anerkennung und Auskommen, Hölderlins Ablehnungen und sein Scheitern (»Aber sie können mich nicht brauchen«), Hölderlin im Turm unter Obhut des Schreinermeisters Zimmer –: hier nimmt die Gestalt des Dichters greifbare Züge an, ohne daß sich Safranksi indessen in romanhafte Ausschmückungen verliert. Der Freund Isaak von Sinclair und die Geliebte Susette Gontard, beides durchaus schillernde Gestalten, verbleiben dagegen leider in eher bläßlichen Umrissen. Gerade bei den späten Hymnen, die ohne die beiden letztlich wohl undenkbar wären, hätten einige Überlegungen zu den Fragmenten und unvollendeten Gedichten sowie über deren editorische Problematik, aus der ganz unterschiedliche Darstellungsweisen resultierten – man denke an Dieter E. Sattlers und Dietrich Uffhausens Texterschließungen –, das Buch sicherlich sinnvoll ergänzt.

Generell hätte eine Notiz zu den zitierten Ausgaben nicht geschadet; denn der Wechsel zwischen den Quellen dürfte dem weniger kundigen Leser kaum plausibel sein. Nirgends wird das Eilfertige des Buchs so deutlich, wie im Umgang mit den Zitaten. Sie sind oft recht ausführlich – selbstverständlich hört man Hölderlins Briefe gern im O-Ton! –, aber muß man die Formulierungen wörtlich wiederholen? Ärgerlicher ist eine gewisse Schludrigkeit, die sich z.B. darin zeigt, daß bei manchen Gedichten auf die typische Einrückung der Zeilen verzichtet wurde oder daß sich Sachfehler eingeschlichen haben. So wird etwa irrtümlich behauptet, die erste Strophe von »Brod und Wein« sei unter dem Titel »Der Weingott« veröffentlicht worden, d.h. unter dem Titel des ersten Entwurfs, zwei Seiten später führt Safranski jedoch korrekt aus, diese Strophe sei unter dem Titel »Die Nacht« erschienen (als Hölderlin bereits im Turm saß); doch bei dem anschließenden Abdruck der vollständigen Elegie unterschlägt er die wichtige Information, daß es sich hierbei um die sogenannte erste Reinschrift handelt, nämlich die überarbeitete Version von »Der Weingott«, und nicht um die z.T. erheblich im Wortlaut abweichende zweite Reinschrift, die natürlich ebenfalls »Brod und Wein« lautet.

Safranski endet mit einem Abriß der späteren Rezeptionsgeschichte, die eine posthume Erfolgsgeschichte ist; und hier zeigt sich eine der Stärken des Buchs: die raffende Zusammenschau, verbunden mit subjektivem Zugriff. Ja mag sein, hätte Safranski anders gewichtet, hätte stattdessen einen Essay über Hölderlin mit biographischen Zügen und philosophiegeschichtlichen Einlassungen geschrieben, wäre es dem Projekt wahrscheinlich besser bekommen. Nun muß man andererseits zugutehalten, daß sich Safranskis Hölderlin-Buch gegen einige Konkurrenten jüngsten Datums zu behaupten hat, etwa die (andere Schwerpunkte setzenden) Biographien von Jürgen K. Hultenreich und Eberhard Rathgeb, und gegen den brillanten poetischen Essay von Karl-Heinz Ott, der zeitgleich im Hanser Verlag erschienen ist. Unterm Strich schneidet Safranski gar nicht einmal so schlecht ab; Leben und Werk des Dichters bieten nämlich viele unterschiedliche Aspekte und mögliche Zugänge. Für Einsteiger und alle, die ihre Kenntnisse zum Jubeljahr rasch auffrischen wollen, ist Safranskis »Hölderlin« sicherlich eine lohnende Lektüre. Aufregende neue Einsichten bietet er aber nur selten.

Rüdiger Safranski
Hölderlin / Komm! ins Offene, Freund!
Hanser Verlage
2019 · 336 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26408-3

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