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Kritik

Kurz, knapp, brillant

Ruth Klügers Beiträge zur „Frankfurter Anthologie“ der letzten zehn Jahre
Hamburg

Seit mehr als vierzig Jahren, nämlich seit 1974, als Marcel Reich-Ranicki die „Frankfurter Anthologie“ erfand, erscheint in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ jeden Samstag ein Gedicht und dessen Interpretation durch eine Kritikerin, einen Literaturwissenschaftler, eine Dichterin oder den Autor selbst. Waren es bis zu Reich-Ranickis Tod im Jahr 2013 nur deutschsprachige Gedichte, die Aufnahme fanden, so sind, seit Hubert Spiegel die Auswahl 2014 übernahm, auch fremdsprachige Gedichte erlaubt, sofern eine gelungene Übersetzung vorliegt oder der/die das Gedicht Besprechende selbst eine Übersetzung liefert.

Inzwischen wurden mehr als zweitausend Gedichte abgedruckt und interpretiert. Einundzwanzig von ihnen hat die Schriftstellerin und Germanistin Ruth Klüger in den letzten zehn Jahren ausgewählt und gedeutet. Diese einundzwanzig nebst Übertragungen und Interpretationen sind nun als Sammelband im Zsolnay-Verlag mit einem Vorwort Klügers erschienen, in dem sie auch den für die eigene, kleinere Anthologie gewählten Titel, „Gegenwind“, erklärt.

Keine zwei Leser, so schreibt Klüger, läsen dasselbe Gedicht – sie läsen nur denselben Text.

„Und so hat jeder Interpret eines Gedichts mit mehr Widerstand seiner Lesart zu rechnen, als wenn es sich um Prosa handelte, die von der Gattung her zugänglicher ist. Und doch ist gerade dieser Widerstand anregend, denn er fördert das Gespräch, das die Lyrik braucht, um brauchbar zu bleiben. Diesen Widerstand nenne ich einen Gegenwind zum Gedicht selbst. Daraus entstehen Kommentare, in denen sich die Prosa einmischt, um dem Gedicht zu dienen.“ (Seite 6)

Ruth Klügers „Gegenwind“ weht durch Chamisso, Hebbel, Rilke, Hesse, durch Tucholsky, Kreisler, Aichinger und Grünbein. Es ist ein stetig blasender, frischer Wind, der die Dinge sortiert: Inhalt, Form, Hintergrundinformationen zu Autor und Werk, Entstehungszeit und -umständen des Gedichts. Klüger vermeidet alles germanistische Fachvokabular, schreibt verständlich und wirkt auf den geübteren Leser daher hier und da ein wenig schulmeisterlich. Doch so ist sie gedacht, die „Frankfurter Anthologie“, sie richtet sich zuerst und vor allem an den lyrikinteressierten Laien und soll daher alle literaturwissenschaftliche Verstiegenheit wie auch bildreiche Deutelei vermeiden. Ruth Klüger ist eine Meisterin des nüchtern-erläuternden Stils, ihre Richtschnur lautet: Bloß kein Geschwafel. Ihre Texte geraten dadurch aber doch manchmal etwas trocken und erinnern an die Gattung Bildbeschreibung, in der Kunsthistoriker mit Worten über Vorder-, Mittel-, Hintergrund führen und aufzählen, was, so möchte man meinen, doch jeder, der sehen kann, ohnehin vor Augen hat: unten links ein weißer Hund (Klecks), rechts oben eine Reihe von Blauschleiern (Wolken) usf. Aber manchmal wird etwas eben erst deutlich (sichtbar), wenn es benannt wird.

Eine Ausnahme von der streng abgewickelten Form-Inhalt-Analyse bildet Klügers Interpretation zu Hermann Hesses „Ich weiß von solchen …“, einem Antikriegsgedicht (Hesse schrieb es als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg), in der sie sehr persönlich wird. Sie nennt es ein „unpoetisches Gedicht“ – was erstaunt, denn es poetelt trotz Thema und Anliegen ziemlich und verwendet, anders als sie behauptet, doch zahlreiche Metaphern – und beschreibt vor allem die Wirkung, die es auf sie ausgeübt hat, als sie es Ende der vierziger Jahre zum ersten Mal las. „Das ist kein gutes Gedicht“, hat sie sich da gleich und seither immer wieder gesagt, um jetzt aber festzustellen, dass es das doch sein müsse, jedenfalls in seiner Wirkung, denn seit der ersten Lektüre habe es sie ja nicht losgelassen, sondern gehöre, anders als kunstvollere, zu ihrer „inneren Bibliothek“. Der Grund ist ein gleichfalls persönlicher und durch Jüngere vielleicht nicht mehr nachzuvollziehen: Das, was das Gedicht beschreibt, Menschen, die durch den Krieg in ihrem Innersten zerstört und nicht mehr zu heilen sind, kennt sie, Ruth Klüger, aus eigenem Erleben: nach Deportation, Konzentrationslager, Krieg und dem Weitermachen inmitten der Trümmer war (und ist) sie selbst eine „solche“. Aber anders als die von Hesse Beschriebenen reagiert sie darauf nicht mit Flucht und Hoffnungslosigkeit, sondern mit Disziplin und dem Wunsch (und Willen), das Leben dennoch anzunehmen, zu gestalten, zu leben.

Im zweiten Teil der Sammlung finden sich die englischsprachigen Gedichte (nebst Übersetzungen, darunter einige von Ruth Klüger selbst, die, seit langer langer Zeit in den Vereinigten Staaten lebend und lehrend, ebenso sehr in der englischen und amerikanischen Literatur zu Hause ist wie in der deutschen). Es ist der überzeugendere und anregendere. Ein Sonett von Elizabeth Barrett Browning, ein kurzes Gedicht von Whitman, in dem er seine Homosexualität und New York preist, außerdem Dickinson, Emma Lazarus, Anne Sexton, Adrienne Rich, Jane Hirshfield. Auffallend viele Dichterinnen finden sich hier (unter den deutschsprachigen ist als einzige Frau nur Ilse Aichinger), und die Gedichte sind wirklich erstklassig (von Emma Lazarus' Inschrift für die Freiheitsstatue einmal abgesehen, aber da ist der Kontext natürlich hochspannend).

Anne Sexton schreibt über eine Abtreibung in den Fünfzigern/Sechzigern, beschreibt die Reise, die diese notwendig macht, und die ambivalenten Gefühle, die die Erinnerung  an die Liebe hervorruft, deren Frucht das Ungeborene ist, die vom Bergbau aufgerissene Landschaft, durch die die Fahrt geht, die Schuld, die nach dem vorgenommenen Abbruch das Herz belastet.

Und Langston Hughes' „I, Too, Sing America“, eines der Gedichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, in dem er als Schwarzer seinen Platz am gedeckten Tisch nicht nur fordert, sondern einnimmt, wirkt so jung und aktuell, als wäre es gerade geschrieben worden.

Macht es die fremde Sprache, dass auch Klügers Interpretationen so frisch und interessant wirken? Dass man sie länger im Kopf behält? Oder die Aktualität der Texte, die bis in die Gegenwart führen, gegenwärtige Probleme thematisieren: Rassismus, ungewollte Schwangerschaft, Missachtung, Denunziation der Forschung durch die Trump-Regierung? Nichts mehr von Deutschunterricht, sondern analytische Brillanz. Und gerade deshalb, neben dem Vergnügen, eine kleine Schule, Schulung darin, wie man pointiert ein Gedicht interpretiert.

Ruth Klüger
Gegenwind
Zsolnay
2018 · 128 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-552-05882-8

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