Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
use your voice
x
use your voice
Kritik

Jene eigensinnigen Möglichkeitswelten des Erzählens

Hamburg

2016 ist auch das Jahr der Preise; Schweizer Literaturpreis, Solothurner Literaturpreis, Zürcher Kunstpreis

Vier Buchstaben. Dies kleine Wörtchen „auch“!

Denn 2016 ist das Jahr, das das Leben der Schweizer Schriftstellerin Ruth Schweikert jäh verändert, doch nicht deshalb, weil sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet wird.

Die Fakten: Am 23.1.2016 ertastet sie unter der Dusche einen kleinen Knoten in ihrer linken Brust. Eine Biopsie und zwei Wochen emotionale Hochschaubahn später, am 9.Februar 2016, erfährt sie die Diagnose: triple negative breast cancer, eine besonders aggressive Form von Brustkrebs. Es kann brusterhaltend operiert werden, sechzehn Chemotherapien und Bestrahlung folgen.

Doch was sagen nüchterne Fakten schon über die Wirklichkeit, jene Wirklichkeit nämlich einer eigenen Krebsdiagnose, ihrer Neben- und Nachwirkungen, die nicht nur Folgen der Therapien sind und für jede und jeden anders und immer einschneidend verändernd sind, für immer sein werden? Wie sich den Unterschieden nähern zwischen der Zeit vor und jener nach dem persönlichen Schicksalsschlag Krankheit, durch den ein „beschämtes, gekränktes, beschädigtes, bedrohtes, trotziges, sterbliches Ich“ von einem Tag auf den anderen mit der Gewissheit seiner Fragilität und der eigenen Endlichkeit konfrontiert ist?

fünfzig ist die Schallgrenze, die Wasserscheide zwischen Schicksal und natürlichem Verfall; ich bin einundfünfzig

konstatiert Schweikert. Gelten wird für sie ab nun nicht mehr die statistische Lebenserwartung eines Menschen, sondern die statistische Überlebensdauer. Wie alle von einer schweren Erkrankung Betroffenen, und es sind ihrer, wie man weiß, nicht wenige, betritt sie Neuland, für das es keine Einübung gibt. Als angemessene Reaktion verordnet sie sich

bloß keine Larmoyanz, nichts unverzeihlicher, nichts hässlicher als Selbstmitleid; Kampfbereitschaft ist die angemessene Haltung; dass man mit aller Kraft gegen den Krebs kämpft (bloß wie genau?)

Früh entscheidet Schweikert, dass sie sich nicht ihre Sprache verschlagen lassen, sondern ein Buch über diese existentielle Grenzsituation schreiben will. Ein Aufenthalt im Herrenhaus Edenkoben wird ihr dafür das nötige Umfeld bieten, dass sie die Auseinandersetzung mit ihrem Krebs und die Frage, was er für sie bedeutet, zu Papier bringen kann. Sie weiß rasch wie:

keine Betroffenheitsprosa, oder vielleicht doch; weil er mich trifft und betrifft; ... keine Heldinnengeschichte, kein Ich-habe-den-Brustkrebs-besiegt-Triumphmarsch, aber auch keine Tragödie; noch nicht mal eine richtige Geschichte mit Anfang und Ende; eine Recherche eher zu bestimmten Motiven; Fragmente, Erfahrungen, denen ich nachgehe mit Hilfe eines abstrahierten Tagebuchs; ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind, die nachhallen

Womit schon viel gesagt ist. Merkmal dieses Buchs ist seine stimmige Heterogenität, ist die Fragmentierung, das Mischen unterschiedlicher, oft kurzer und kürzester Texte, Überlegungen, Erlebnisse, Beobachtungen, Erinnerungen. Manchmal bleiben Sätze unvollständig, Satzzeichen fehlen. SMS von Bekannten werden eingewoben mit ihren Tippfehlern. Diese SMS zeugen von Ratlosigkeit, man ringt um die richtigen Worte, landet bei Floskeln, berührt durch den passenden Ton. Die verschiedenen Texte sind nicht chronologisch geordnet und dieses zerrissene, wohlbedacht ungeordnete Aufeinanderfolgen gibt das innere Chaos der Krebspatientin kongenial wieder, dem Schweikert durch eine Art Tagebuchstruktur eine äußere Ordnung verpasst. Sie gibt den einzelnen Kapiteln Wochentage als Titel, die wie Haltegriffe funktionieren könnten, aber doch nicht Halt, schon gar nicht Struktur zu geben vermögen, wenn ein Schicksalsschlag jede bisher gekannte Struktur zerschlägt.

Inhaltlich geht es um die Krankheit und „die Einübung ins Sterben“, um schul- und komplementärmedizinische Therapien, um Nebenwirkungen und Ängste, die die Welt ihrer Möglichkeiten verkleinern.

Und dann liege ich im Bett und kann weder schreiben noch lesen; die Tage zwei und drei nach der Chemotherapie sind die schwierigsten.

Es geht um die Bedeutung der Sportausübung und das Ringen um die Hinwendung zum Leben. Schweikert veranschaulicht, dass und wie ihr Weg zwischen Terminen und Verpflichtungen weitergeht. Sie webt Schnipsel aus dem Alltag ein, Treffen mit Freund*innen, Reisen allein oder mit dem jüngsten ihrer fünf Söhne, der zum Zeitpunkt ihrer Diagnose neun Jahre alt ist. Die Schriftstellerin macht deutlich, wie sich ihr Blick und der ihrer Umgebung weitet, wie sie auf einmal erkennt, wie häufig die Krankheit Krebs auch in ihrem Umfeld ist. Sie tauscht Erfahrungen aus, merkt, dass auch das Leben jüngerer Menschen von dieser Krankheit bedroht ist. Und sie erinnert das Sterben in ihrem Bekanntenkreis, etwa den Tod ihrer Eltern oder jenen des kleinen Sohns eines Freundespaars. Vor allem aber erzählt sie von ihrer Arbeit als Schriftstellerin, vom Ringen ums Wort, das manchmal durch die Wirkung der Chemotherapie verunmöglicht wird, die

modrigen Pilzen in meinem Kopf, die jeden möglichen Gedanken schon im Voraus zersetzen, von meiner zeitweilig größten Angst: nie mehr halbwegs vernünftig denken, nie mehr schreiben zu können

und es geht um Fragen und Zweifel beim Entstehen von „Tage wie Hunde“, das nun als gebundenes Werk vorliegt. Schweikert lässt wiederholt selbstironische Momente aufblitzen und vermag es, auch den heiteren Seiten des Lebens Raum zu geben. Es gibt viele eindrückliche Momente in diesem Buch und weise Einsichten. Schön auch der veränderte Blick auf Verluste, etwa wenn sie und ihre krebskranke Schwägerin, die bald darauf sterben wird, „unsere schöngeformten kahlen Schädel“ bewundern. Die Autorin steht mitten im Leben, erzählt vom Aus- und Durchhalten und vom Weitermachen. Denn man kann die vermeintliche Gewissheit des nahen eigenen Todes auch überleben und Perspektiven wechseln.

es ist eigentlich so viel erstaunlicher, unbeschadet zu sein.

Ruth Schweikert
Tage wie Hunde
S. Fischer
2019 · 208 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-10-397386-0

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge