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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Zweifacher Kosmos Familie

Ruth Schweikert erzählt in ihrem Roman "Wie wir älter werden" von Lebenslügen und deren Folgen
Hamburg

Der Roman beginnt und endet damit, dass der 87jährige ehemalige Verwaltungsjurist Jacques Brunold in Saanau in der Schweiz seine totkranke Ehefrau Friederike pflegt. Dies bildet den Rahmen für eine Handlung, an der sehr viele Personen beteiligt sind und die nicht chronologisch erzählt wird. Bereits auf Seite 26 springt die Handlung nämlich dreißig Jahre zurück. Damals liegt Jacques wegen einer einfachen Knieoperation im Krankhaus, wohin ihm Helena Seitz ein "halbes Kilo Läckerli" geschickt hat, was Friederike, die ihn dort besucht, veranlasst, in Gedanken ihre Ehe,

rückwärts vom 18. Mai 1983 bis zur Hochzeit am 8. Januar 1965, wie einen fehlerhaft gestrickten Pullover

aufzulösen. Dazu kommt es nicht, die Ehe wird bis zu Friederikes Tod halten, ebenso wie die von Helena mit ihrem Gatten Emil, obwohl sie ihn dreißig Jahre lang mit Jacques betrügt. In Zürich hat Jacques eine kleine Einliegerwohnung gemietet, in der sie sich

(mit einigen Ausnahmen) von 1965 bis 1995 an jedem ersten des Monats trafen.

Dies ist der Ausgangspunkt der mehr als komplizierten Familienverhältnisse, von denen Ruth Schweikert erzählt. Denn Jacques bekommt mit Friederike die drei Kinder Kathrin, Johannes und Sebastian, während er gleichzeitig, was er lange verschweigt, der Vater von Helenas Töchtern Iris und Sabine ist. Das einzige leibliche Kind von Helenas Ehemann Emil, Miriam, bringt sich zwanzigjährig um. Zu Jacques fünf Kindern kommen noch die Ehefrauen und Ehemänner der Kinder, die Enkel (allein Tochter Kathrin hat ihrerseits vier Kinder) und Urenkel sowie zahlreiche andere Personen.

Um mich nicht im Personengeflecht und den verschiedenen Konstellationen zu verirren, habe ich mir für diese Rezension ein Organigramm der Protagonisten und Jahreszahlen erstellt. Umso bewundernswerter ist es, wie souverän Ruth Schweikert mit den vielen Figuren und Handlungssträngen umgeht, vor- und zurückschaut und letztlich die zahlreichen Mosaiksteine zu einem Gesamtbild zusammensetzt. Dabei ist es gut, dass sie, um die Geschichte dennoch zu strukturieren, den Roman in fünf große Kapitel eingeteilt hat. Das erste Kapitel ist für den Leser wahrscheinlich das unübersichtlichste, denn hier werden die wichtigsten Personen vorgestellt, wobei die Zusammenhänge oft nur angedeutet werden. In den andern vier Kapiteln hat sich die Autorin auf jeweils eine Hauptperson konzentriert. Und so werden die Schwierigkeiten, die durch diese unglückliche Konstellation entstanden sind, anhand der Lebensgeschichten von Iris, Kathrin, Miriam und schließlich auch von Jacques erzählt.

Im Mittelpunkt stehen in erster Linie die Verletzungen der Kinder, die zwar die Ursachen der unausgesprochenen Probleme nicht verstehen, aber spüren, dass in ihren Familien etwas nicht stimmt.

Als Friederikes fast erwachsene Kinder erfahren, dass ihr Vater noch zwei weitere Töchter hat, sagt Kathrin, sie wolle Helena und die beiden Halbschwestern kennenlernen.

Ausgeschlossen!, riefen Friederike und Jacques wie aus einem Mund, Iris und Sabine - Friederike stockte, und Jacques führte den Satz allein zu Ende – haben keine Ahnung, dass ich ihr leiblicher Vater bin, und sie werden es auch niemals erfahren.

Dieses Schweigen ist für alle eine Hypothek und am Ende der Handlung, kurz vor Friederikes Tod, muss Jacques erkennen, dass sie alle vier, Helena, Emil, Jacques und Friederike sich anders entschieden hätten,

wenn sie die Konsequenzen ihres Handelns hätten ermessen können, den langen Schatten des Schweigens und unendlich komplizierter Lügen, der sich über sie selbst und jedes einzelne ihrer sechs Kinder legte, Miriam, Iris, Sabine, Kathrin, Johannes und Sebastian, die sie in den folgenden acht Jahren aus so unterschiedlichen Gründen und in verschiedenen Konstellationen miteinander gezeugt hatten, eigentümlich blind und voller Vertrauen, dass sie es schon irgendwie hinkriegen würden.

Die Erwachsenen unterzeichneten ohne Zögern den Pakt des lebenslangen Schweigens, ließen sich nicht scheiden und selbst der betrogenen Emil fragte sich nicht, ob er in der Lage sein würde, seine Kuckuckskinder anzunehmen, was ihm letztlich nicht gelungen ist. Jacques wiederum, der von allen am verantwortungslosesten handelt, beide Frauen je nach Bedürfnis annimmt oder verlässt, sagte sich: Es hätte auch gutgehen können.

Aber es ging nicht immer gut. Kathrin weiß lange nicht, wie sie leben will. Ihre Liste der wechselnden Liebhaber ist mit vierzig Namen beachtlich lang. Mit vier Jahren erlebt sie, wie der Vater von heute auf morgen aus ihrem Leben verschwindet und sie weiß nicht warum. Dieses Mal ist nicht Helena schuld, sondern die Tatsache, dass Jacques wegen Betrugs im Gefängnis sitzt. In diesem Zusammenhang beschreibt Ruth Schweikert sehr anschaulich, wie das familiäre Schweigen auf das Kind gewirkt hat. Kathrin möchte das Rätsel um ihren Vater lösen, möchte die unsichtbaren Drähte kappen, die

von ihrem Kopf aus in alle Richtungen gespannt waren und jedes noch so schwache Signal einzufangen versuchten, das womöglich eine Bedeutung hatte und ihr einen Rückschluss erlaubte, auf das, was sich ihrem Verstand entzog…

Am deutlichsten wird die Familienmisere bei Miriam. Ihr Tod ist eng mit der Geschichte von Iris verbunden, die glaubt, sie und ihr damaliger Freund hätten die Schwester vielleicht retten können, unter Schuldgefühlen leidet.

Niemand hätte zu sagen vermocht, was genau mit Miriam geschehen ist.

Dieser Satz ist kennzeichnend dafür, dass Eltern und Kinder beider Familien nicht offen miteinander umgehen. Miriam ist Helenas hübscheste und intelligenteste Tochter, die nach einem Reitunfall magersüchtig wird, immer mehr zerfällt und sich schließlich mit einer Überdosis Heroin umbringt, wobei es bezeichnend ist, dass keinem in der Familie aufgefallen ist, dass Miriam im Besitz von Dogen ist.

Es ließen sich noch viele Beispiele anführen. Am Ende des Romans kann der Leser jedenfalls die vielen Puzzleteile dieser doppelten Familie unschwer zusammenfügen.

Allerdings braucht der Roman einen sehr aufmerksamen Leser und wegen der komplexen Zusammenhänge des literarischen Personals sollte man bei der Lektüre auch keine allzu großen Pausen machen. Auf die vielen zusätzlichen Personen außerhalb der Familienstruktur, Freunde, Nachbarn, Kollegen, könnte man meiner Meinung nach teilweise verzichten und manchmal stört, wie bei der Entdeckung von Miriams Tod, deren in die eigentliche Handlung eingefügte Lebensgeschichte unnötig des Erzählfluss. Um das Wesentliche der raffiniert strukturierten Handlung zu begreifen, hätte Jacques Großfamilie völlig genügt. Deren Irrungen und Wirrungen zu verfolgen, ist ein hingegen großes Lesevergnügen.

Ruth Schweikert
Wie wir älter werden
S. Fischer
2015 · 21,99 Euro
ISBN:
978-3-10-002263-9

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