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Kritik

Crash, Boom, Bang

Hamburg

Ein japanischer Alptraum konkret und jenseits jedem J-Horrors scheint zumindest in Ryu Murakamis Roman In Liebe, dein Vaterland die Besatzung zu sein. In diesem Fall eine racheartige Infektion mit nordkoreanischen Kampfmaschinen, die die Stadt Fukuoka kurzerhand im Handstreich nehmen, 120 000 weitere Landsleute erwartend. Die japanische Regierung und ihre Selbstverteidigungsstreitkräfte reagieren mit einer Blockade – um im morbiden Bild zu bleiben, sie lassen das Stück (Vater-) Land veröden. Die neue nordkoreanische Militärregierung namens Expeditionskorps Koryo kooperiert mit den eingeschlossenen Kräften und besiedelt und exekutiert, waltet und wird nicht gestört, scheints. Nordkorea betrachtet sie als Rebellen, die nicht in ihrem Auftrag handeln und zack haben wir die Situation, wie nicht nur 2005 (das originale Erscheinungsdatum des zweibändigen Romans), sondern ganz konkret alle möglichen Regierungen heutzutage auf Expansionskurs gehen: Fakten zu schaffen unter simultaner Dementierung eigener Beteiligung zugunsten einer "volkserheberischen Initiative" (oder wie man auch immer Einverleibungsseparatismus nennen mag).

Murakami, der neben David Lynch vielleicht am Konsequentesten eine Ästhetik des absolut Bösen betreibt, schöpft hier satirisch und genüsslich zugleich das narrative Potential einer solchen Ausgangsituation aus. Eine Unmenge ProtagonistInnen aus allen Lagern tummelt sich, erlebt diesen schriftgewordenen Bumm-Bumm-Manga, der seltsamerweise dennoch an seinen vielen Tempowechseln sich zu verschlucken droht. Die eindeutig interessantesten Stränge sind die (fiktiv-überladenen?) Schilderungen der Nordkoreaner, deren körperliche Überlegenheit unter systematischer Ausschaltung sämtlicher emotionaler Humanoia sie wie eine Bande Terminatoren erscheinen lässt. Die komischerweise aber auch im Kulturfernsehen den Japanern den Rang ablaufen, mit Schlagfertigkeit, Klarheit und kalten Interessen. Witzig wird es, wenn dem Beauftragten für Filmanalysen zugunsten medialer Zersetzung des Feindes an der Begrifflichkeit der Dekadenz die Grenzen aufgezeigt werden. (Selbstironisch, wie Murakami sich hier hineinschreibt, ohne Namen zu nennen.)

Damals in der Propagandaabteilung der Staatssicherheit hatte man Jo Su-ryeon mit einem kurzen Text beauftragt, den Arbeitern und Bauern die Gefahren von Dekadenz und Verkommenheit erklären sollte. Er hatte japanische Romane gelesen, in den abartige Sexualpraktiken geschildert wurden, und sich massenweise südkoreanische Erotikfilme angesehen, aber der Begriff der Dekadenz hatte sich ihm nicht erschlossen. Dekadenz musste etwas Faszinierendes sein, etwas Mysteriöses an sich haben, das die Menschen zu betören vermochte, sonst gäbe es sie ja nicht. Doch in den Romanen und Filmen ging es vor allem um Sex und nackte Frauen, was an sich nicht sonderlich faszinierend war. Die Anziehungskraft der Dekadenz musste einer anderen Dimension angehören, einer Dimension jenseits von Intellekt und Willenskraft [...] Aber wenn er den Begriff der Dekadenz nicht verstand, konnte er die Gefahr, die in ihr lag nicht schildern. Zu allem Überfluss hatte man ihm nur zwei Tage Zeit gegeben.

In der superben Übersetzung von Ursula Gräfe kommt Murakamis schnörkelloser, saftiger Schreibstil, der sich geschickt an Details entlang schwindelt, perfekt zur Geltung. Besonders die Dialoge zwischen der Gruppe Emo Rogues, die in Fukuoka schließlich wie das Dirty Dozen sich zu einem Himmelfahrtskommando zusammenschließt, um die Koryo zu vertreiben, sind auf den Punkt. Die angehängten Personenverzeichnisse der kindlichen Mörder, Hundertfußzüchter, Rasierklingenbumerang-Werfer und sonstwie Gullybewohner sind an greller "Japan-ness" kaum zu toppen. Eine Miike-Verfilmung läge in der Luft, selbstverständlich als Knet-Grusical.

Sprach man ihn an, reagierte er überhaupt nicht. Doch Nobue hatte sich einfach eine Weile neben ihn gesetzt, worauf er tatsächlich beinahe kindlich lächelte und über sein Leben und seine Eltern zu sprechen begann.
"Angeblich redest du doch mit niemandem? Wieso redest du mit mir?", hatte Nobue gefragt.
"Weil du wie ein Alien aussiehst. Deshalb fühle ich mich bei dir sicher", antwortete Shinohara.

[...]

In der Überzeugung, jetzt große Serienmörder zu sein, wollten sie versuchsweise einen Fremden umbringen, bevor sie Yamadas Mutter und Moris ältesten Bruder töteten. Aber als sie sich in einer Eisenwarenhandlung Messer kaufen wollten, wurde der Verkäufer misstrauisch und benachrichtigte die Polizei, die die beiden sofort festnahm. Noch auf Bewährung planten sie einen Angriff auf Moris Großmutter väterlicherseits. Yamadas Mutter war verschwunden und Moris Bruder lebte in einer geschlossenen Anstalt, also hatten sie sich für die Oma entschlossen, die die Hinterlassenschaft seine Eltern verwaltete. Mit ihren neuen Baseballschlägern auf dem Weg zu ihrem Haus wurden die beiden erneut verhaftet. Diesmal steckte man sie in eine psychiatrische Einrichtung, wo sie in einer Tattoo-Zeitschrift auf eins von Ishiharas Gedichten stießen. Nicht dass sie das Gedicht besonders gut verstanden hätten, aber daneben war ein Foto von Ishihara abgedruckt, das sie so sehr in Bann schlug, dass sie beschlossen, nach Fukuoka zu fahren und sich den Mann anzusehen.

Aus jenem Verzeichnis:

Die Ishihara-Gruppe
Miyazaki (17): Mitglied der fünf Satanisten. Ausdrucksloses Gesicht, Ähnlichkeit mit einer Moai-Statue
Takeguchi (18): Sprengstoffexperte. Als er zehn war, stürmte sein Vater mit einem Sprengstoffgürtel das Büro seiner ehemaligen Firma und sprengte sich in die Luft. Hübsches Gesicht.
Tateno (16): Der Junge mit dem Bumerang. Wurde mit dreizehn Zeuge, wie sein Vater, ein Bauunternehmer, Leichen vergrub.
Toyohara (17): Entführte mit zwölf Jahren einen Hochgeschwindigkeitszug und tötete den Zugführer mit dem antiken Samurai-Schwert seines Großvaters. Klein, gedrungen, rasierter Kopf.
Yamada (17): Trägt ein Tattoo von Mickey Mouse auf der linken Schulter. Mit dreizehn fand er seinen Vater erhängt auf. Kaninchengesicht.

In Liebe, dein Vaterland ist mit seinen fast 950 Seiten nicht unbedingt der leichteste Einstieg ins Murakami-versum, aber auch nicht verkehrt. Er ist nicht längenfrei und hat insgesamt auch nicht die geniale epische Breite wie Coinlocker Babies, aber ist anderseits so randvoll mit Überraschungen, Gedärmen, Fahrstühlen, Menschen in Plastikhandschuhen, Insekten und Parkhäusern, dass man ihn vor allem auch durch die implizite und satirische Kritik an Japans Schwächen wie Vorgaben als das literarische Statement Ryu Murakamis zu den 2000ern lesen kann. Ein grenzüberschreitender Politikschocker.

Ryu Murakami
In Liebe, dein Vaterland
Übersetzung:
Ursula Gräfe
Septime
2019 · 960 Seiten · 52,00 Euro
ISBN:
978-3-902711-76-2

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