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Kritik

od słowa do słowa von Wort zu Wort

Hamburg

In Frau Schneider lernt Polnisch geht es um die Annäherung an eine Sprache, Kultur und ein Land, aber ganz wortwörtlich genommen. Das Erlernen der Fremdsprache Polnisch wird darin nicht einfach nacherzählt, sondern vorgeführt und erfahrbar gemacht indem das Polnische mit dem Deutschen verwoben und verknüpft wird. Der Text übersetzt sich permanent selbst und verwischt dabei die Grenzen zwischen den Sprachen. Damit ist es ein Buch, das sehr hohe Ansprüche an seine Leser und Leserinnen stellt, wenn sie, wie ich selbst, nur des Deutschen mächtig sind und sich den polnischen Worten rein optisch in ihrem Schriftbild, klanglich durch die Lautschrift oder in der immer wieder in den Text eingebauten Wort-für-Wort Übersetzung ins Deutsche nähern können. Diese häufigen Wort-für-Wort Übertragungen führen zu einem starken Verfremdungseffekt, da die Worte an diesen Stellen zwar Deutsch, aber der Satzbau Polnisch ist. Frau Schneider lernt Polnisch ist ein sehr forderndes Buch, ein herausforderndes Buch und dieser Herausforderung stelle ich mich gern, ist sie doch etwas ungemein Spannendes und Spannungsgeladenes, das mir so in dieser Form und Radikalität bisher noch nicht untergekommen ist.

[…] und bitte, glauben Sie mir, od słowa do słowa von Wort zu Wort, ein Wort gibt das andere, to musi być das muss sein, nehmen Sie es leicht,

Frau Schneider lernt Polnisch ist auch ein sehr politisches Buch, es geht darin viel um den Holocaust in Polen und den Umgang damit in späteren Zeiten. Und auch diesem Gebiet nähert sich Sabine Hassinger über die Worte und ihre Bedeutungen.

Es gibt keine Religion auf Erden, die das Wort und die Schrift höher schätzen würde als die mosaische, heißt es. Die der Worte Mächtigen werden von denen vernichtet, die dort wo es passiert mit dem dortigen dem polnischen Wort als stumm niemy gleichzeitig deutsch bezeichnet werden.

In der Recherche wird auch generell viel Wissen zutage gefördert, das allgemein wenig oder kaum bekannt ist, wie die Tatsache, dass der erste europäische Studentenaufstand 1968 tatsächlich in Polen stattfand und was für Ereignisse dieser dort ausgelöst hat:

Die polnische Regierung reagierte auf die Proteste mit Inhaftierungen und mit einer antisemitischen Kampagne, circa 13 Tausend Polen jüdischer Abstammung wurden ausgebürgert, die Zahlen variieren, oder zur Ausreise gezwungen, die Überlebenden des Holocaust und ihre Kinder, die Zionisten, so 1968 in den polnischen Medien, seien vom Ausland finanzierte Konterrevolutionäre, die die polnische Jugend den Imperialisten in die Arme treiben wollen.

Es geht aber nicht allein um Geschichte in Frau Schneider lernt Polnisch, sondern gerade auch um die aktuelle politische Situation in Polen. Erschienen ist das Buch im Herbst 2018 und es erzählt von politischen Debatten von Anfang 2018. Diese extreme Aktualität ist einem bei einem Buch beinahe unheimlich.

Der thematischen Schwere wird eine Leichtigkeit in Form der ungeheuren Faszination, welche die fremde Sprache und Sprache an sich auf die Icherzählerin / Frau Schneider ausübt, entgegen gesetzt. Denn der Zugang zur polnischen Sprache ist durchwegs geprägt von Neugier und ansteckender Begeisterungsfähigkeit.

ogArnja mnjä sdumjÄnjä ich staune bin verblüfft sagt dieser Gesang ogarnia mnie zdumienie es umgarnt mich das Erstaunen.

Die fremden Worte werden bestaunt, belauscht, abgetastet, verkostet, mit ähnlich klingenden verglichen und sich so allmählich zu eigen gemacht. Warum ausgerechnet Polnisch erlernt wird, wird im Buch folgendermaßen erklärt:

Zu diesem Zeitpunkt, Weihnachten 2013, stand fest ich wollte endlich mein seit vielen Jahren beschlossenes Vorhaben in die Tat umsetzen: eine osteuropäische Sprache lernen. Ursprünglich kreiste meine Phantasie um die ungarische Sprache, bis mir aufging, dass ich schon lange nicht mehr in Wien sondern in Berlin lebe, wo Polska Polen die nächste Nachbarin ist, dass ich von Polen in jeglicher Hinsicht nichts kenne und nichts weiß.

Diese scheinbare Zufälligkeit, warum ausgerechnet Polnisch erlernt wurde, kann man glauben oder auch nicht. Es geht ja im Buch nicht alleine um das Erlernen einer Fremdsprache, sondern zu gleichen Teilen um die Geschichte und Kultur von Polen und zwar auf so tiefgreifende Art und Weise, dass man nach der Lektüre nicht mehr sagen kann, Sabine Hassinger hätte dieses Buch auch über jedes x-beliebige andere (Nachbar-)Land schreiben können. 

Das Erlernen der fremden Sprache führt auch dazu, dass plötzlich Worte wegen einem ähnlichem Schriftbild oder Klang in eine Nahebeziehung zueinander treten und miteinander assoziiert werden, die man vom Deutschen her kommend nicht unmittelbar zusammen denken würde. Das hat etwas sehr Befreiendes und Bereicherndes. Es geht damit nicht alleine um den Blick aus der eigenen Sprache auf die fremde, sondern auch um den mitunter überraschenden Blick durch die fremde / neue Sprache auf die eigene. Umgekehrt ist der Blick auch, wenn auf einmal Übersetzungen deutscher Texte ins Polnische analysiert werden:

die rache / der sprache / ist das gedicht, schreibt Ernst Jandl wierz / pomsta / mowy schreibt sein Übersetzer Krzysztof Jachimczak das Gedicht/ die Rache/ der Sprache dreht er es um und lässt das Verb weg, um den fünften Fall zu vermeiden?

Das Hineinhören in die Worte, der extreme Fokus auf einzelne Worte, die damit zum Schlüsselloch werden um andere Welten zu erspähen und –ahnen ist der Kern des Buches und seine große Stärke. Der zunehmend geschärfte Blick sieht und hört mehr, nicht nur in einer Sprache, sondern zwischen und über Sprachen hinweg und macht Sprache an sich spürbar.

Der Name Warschau hat anfangs den Boden weggezogen, schon englisch Warsaw konnte Schneider nicht sicher bedienen, weil es wörtlich zu klar schien als Krieg und gesehen haben, da konnte was nicht stimmen, und deutsch eine Mischung aus englisch war und schau, schau hin oder die Schau vom Krieg, […]

Wir beobachten die titelgebende Frau Schneider dabei, wie sie sich dem Polnischen annähert und es in mühsamer Kleinarbeit, Buchstabe für Buchstabe, Laut für Laut, Wort für Wort, nach und nach erlernt. Aber eine wirklich konsistente Figur ist sie nicht, scheint eher das vorgeschobene polnische Neue-Ego der Icherzählerin zu sein. Das Erlernen der Fremdsprache wirkt daher fast wie ein zum Teil schizophrener Vorgang. Kleider machen Leute, heißt ja ein Sprichwort, und auf dieses Buch umgelegt könnte man sagen: indem man in den Mantel einer neuen Sprache schlüpft, schlüpft man bis zu einem gewissen Grad auch in ein neues oder anderes, unbekanntes Ich. Die Metapher der Sprache als Mantel, den man sich überwirft, lässt sich auch wortwörtlich an einem Zitat aus dem Buch festmachen:

[…] letzten Winter zum Beispiel trug ich einen Mantel, puAꭍtꭍ płaszcz der Mantel, second hand, angeschafft dla Warszawy für Warschau, […] ein wehender Mantel, ein in Salzburg produzierter Wollmantel mit grünem Firmenschild innen auf dem steht weiß Schneider, […]

Es gibt nicht allein Frau Schneider, sondern auch ein Ich im Buch, das von Frau Schneider in der dritten Person erzählt. Spät im Buch verwischen dann die Grenzen zwischen dem Ich und Frau Schneider zunehmend und Frau Schneider spricht beispielsweise aus, was das Ich sagen möchte, was ein Hinweis sein könnte, dass Frau Schneider möglicherweise nur die polnische Seite des Ichs ist.

Aber als ich kurz im Musem Zachęta noch war, […] da hatte ich das Bedürfnis ihm samoobsługa Selbstbedienung zu sagen und Schneider kam spontan nur auf samobójstwo, das hatte sie häufiger gehört und gelesen, nun der Mann schaute Sznajderowa sowieso seltsam an, der Fratzenschneider, und erst als ich draußen war, fiel mir diese Verwechslung auf, denn samobójstwo heißt Selbstmord, und trotz des tragischen Wortes musste ich intensiv lachen, mit meiner Schneiderin, auch weil sie plötzlich mit diesem Museumsangestellten so unverhofft und selbstbewusst polnisch sprechen wollte, ta chwalipięta die Aufschneiderin.

In Frau Schneider lernt Polnisch werden die Auswirkungen der Geschichte auf die Gegenwart reflektiert und damit werden beispielsweise aktuelle politische Aussagen oder Haltungen in Polen besser nachvollziehbar und verständlich gemacht. Alles, was mit Polen zu tun hat, wie Literatur, Film, Vorträge, Nachrichten, etc. wird voll offener Neugier verschlungen und in Beziehung zu bereits Bekanntem gesetzt. Diese Flut von Informationen und Zusammenhängen führt beim Lesen einerseits zu einer Überforderung, andererseits aber dann doch nicht völlig, da das Buch so aufgebaut ist, dass es wie ein Stoff gewebt ist und einzelne Fäden immer wieder aufgegriffen werden, was dazu führt, dass wir uns trotz allem doch irgendwie zurecht finden können im Textgewebe. Der weiße Fleck auf der Landkarte, der das Nachbarland Polen wohl doch für so manchen und manche ist, gewinnt im Lesen langsam an Kontur und Farbe. Sabine Hassinger sagt aber nicht: so, das ist Polen und damit hat es sich, sondern sie gibt uns mit ihrem Buch einen Schlüssel zum besseren Verständnis in die Hände, da ein Land ebenso wie eine Sprache etwas Lebendiges ist und somit in ständigem Wandel begriffen ist. Ihr Buch ist damit ein Plädoyer für mehr Dialog und Verständnis mit- und füreinander, was Europa in Zeiten wie diesen dringend nötig hätte.  

Sabine Hassinger
Frau Schneider lernt Polnisch
Klever Verlag
2018 · 144 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-903110-38-0

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