Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

„Die Vögel meiner Gedichte sind verängstigt“

SAID und Yamen Hussein im Dialog über Exil und Hoffnung
Hamburg

Der Dichter SAID, Jahrgang 1947, lebt seit 1965 in Deutschland. Das Pahlavi-Regime hatte Iran fest im Griff. Und auch eine Rückkehr nach der Revolution von 1979 blieb nur Episode. Bevor die Islamisten um Chomeini endgültig die Macht an sich rissen, kehrte er nach München zurück. Das sind nunmehr 53 Jahre Exil.

Yamen Hussein ist halb so alt, 1984 geboren. Er wuchs in Homs auf. Rebellierte als Schriftsteller gegen das Assad-Regime, nahm 2011 an den ersten Protesten teil. 2013 musste er flüchten. Homs wurde in Schutt und Asche gelegt. Erst marodierte das Militär, dann die Islamisten. Über den Libanon und die Türkei kam er schließlich, unterstützt vom PEN, nach Deutschland.

Ob oder wann er nach Syrien wird zurückkehren können, weiß er ebensowenig wie SAID in den späten Sechzigern wusste, wann er wieder iranischen Boden würde betreten können. Ob es am Ende auch 53 Jahre ohne wirkliche Perspektive auf ein Wiedersehen mit der Heimat der eigenen Kindheit sein werden? Das ist heute völlig offen.

Zwei Dichter aus zwei Ländern, die von brutalen Regimes zerrüttet wurden begegnen einander in München. Beginnen einen Briefwechsel, in dem sie sich austauschen und einander Gedichte schreiben, in denen einer jeweils den Faden des anderen aufnimmt. Entstanden ist daraus ein vielschichtiges literarisches Werk, das nun zweisprachig Arabisch-Deutsch im Verlag P. Kirchheim erschienen ist (übersetzt aus dem Arabischen von Leila Chammaa), ergänzt durch eine CD, die den kompletten Dialog „Salam Yamen / Lieber Said“ enthält, aufgezeichnet vom Bayerischen Rundfunk Anfang 2017.

Es geht um die Exil-Erfahrung ebenso wie um das Aufbegehren des Wortes gegen die Zersetzung der Gesellschaft durch Gewalt und Repression. Yamen Hussein erinnert an Szenen aus dem syrischen Krieg, an all das Elend, das hierzulande über die TV-Bildschirme flimmert und zugleich die Debatten über Flüchtlinge ausgelöst hat, zu denen er selbst gehört, während Said es als Perversion des Marktes anprangert, dass aus Menschen leblose Zahlen werden. Den einen haben die Jahrzehnte im Exil geprägt, sie sind ein elementarer Teil seiner literarischen Arbeit. Dennoch will er dem anderen nichts mit auf den Weg geben, sondern vielmehr von ihm lernen, sei es, weil SAID in Hussein sein jüngeres Selbst erblickt – allerdings zeitgeschichtlich unter gänzlich anderen Vorzeichen. „Die Vögel meiner Gedichte sind verängstigt“, schreibt Yamen Hussein in einem Gedicht, und die Vögel in SAIDS Gedichten scheinen nicht weniger verängstigt. Er suche keine Antworten, sondern Fragen, sagt Hussein, und SAID fügt hinzu, dass die Tyrannen immer die Gewissheiten haben, der Schriftsteller hingegen sich die Scham bewahrt.

„ich habe mich nie geschämt, dass ich ein flüchtling bin.
dafür müssen die anderen sich schämen“

Das schreibt SAID, und man möchte diese zwei Verse groß an Hauswände schreiben, überall dort wo Politiker dummschwätzen und braune Schwachköpfe marodieren. Es stehen viele solche Sätze in diesem Buch, das einerseits genau zur richtigen Zeit kommt, andererseits und traurigerweise immer zur richtigen Zeit käme – denn wann gab es Zeiten, in denen Flucht und Vertreibung keine Rolle spielten?

Hussein spricht derweil eine Befürchtung aus, die hervorgehoben muss: Die Befürchtung, dass seine Texte nur deshalb Anklang finden, weil er Geflüchteter ist. Auch SAID lehnt diese Reduzierung entschieden ab. Es mag seltsam anmuten, dass das in einem Buch geschieht, bei dem die Flucht in Zentrum steht. Aber gerade hie ist es wichtig, weil es stimmt: Würden die Feuilletons über SAID oder Hussein berichten, wenn sie nicht diesen Exil-Hintergrund hätten? Wahrscheinlich nicht, zumindest aber in deutlich geringerem Ausmaß. Es ist ein Schicksal, das viele Autoren trifft, und für die meisten ist es eine Bürde: Dass sie auf Lesungen und in Interviews immer nur auf dieses eine Thema reduziert werden, obwohl sie doch Literaten sind, deren Werk vielstimmig ist. Auch dagegen begehrt dieser Dialog auf. Man sollte ihm lauschen – gerne auch mal in all den großen Verlagshäusern, die dieses Buch nicht gemacht haben. Aus Gründen, die in den Bilanzen stehen. Gut, dass es Verleger wie Peter Kirchheim gibt. Wir brauchen mehr von seinem Kaliber.

Said · Yamen Hussein
Salam Yamen - Lieber Said
Übersetzung aus dem Arabischen: Leila Chammaa
P. Kirchheim Verlag
2018 · 96 Seiten und eine CD · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-87410-138-7

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge