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Kritik

Invasives Medium

Hamburg

Einen Kentuki zu besitzen hieße, einem völlig Fremden die Türen seines Hauses zu öffnen.

Hundert Augen, der neue Roman der Berlin-argentinischen Autorin Samanta Schweblin hat es in sich. Die Idee ist gut, in dem Sinne, dass sie sich kurz vor der Realität befindet. Das wuchernde Wachstum der sogenannten „Sozialen Medien“ beim Schopfe gepackt, aus der Virtualität in die Objekthaftigkeit geführt, ist die Schlüssel-Operation in Hundert Augen. Der Kentuki, wahlweise Panda, Krähe, Maulwurf, was immer der jeweilige Plüschgeschmack zulässt, ist ein Mediumkuscheltier, vernetzt und angesteuert von sonstwo auf der Welt. Die Augen als Kamera, in Echtzeit übertragend, ist alles überall auf allen Bildschirmen parallele Realität. Selbstredend ein wenig ungeschickt, wie der Rückgriff auf das Pandamäßige ___STEADY_PAYWALL___beziehungsweise Kinderspielzeugartige in der Motorik jener Kentukis zeigt, doch da mitgeschnitten durch jene Kameraaugen, ein gefährliches aktenkundiges Aufzeichnungsmaschinchen, das da durch die Wohnungen krabbelt. Ein bisschen Tamagotchi-Nostalgie schwingt mit, wenn Schweblin kühl von Kapitel zu Kapitel springt, jeweils andere UserInnen auf der ganzen Welt ihre Abgründe der privaten Exhibition aufgähnen lässt.

Wenn es für einen User der sozialen Netzwerke schon die größte Freiheit war, dort anonym zu bleiben – was inzwischen ja fast unmöglich war –, wie würde es sich dann erst anfühlen, im Leben eines anderen anonym zu sein?

Verschiedene Möglichkeiten des Exploitierens bieten sich an. Unmündige Hacker, die den Griff raushaben, wie man über selbstgebastelte Steuerungen an jede Menge verkaufsheiße Videos gelangt, an Informationen zu jedweder interessanten Person usf. oder nützliches Helfen im Alltag. Natürlich ist die Technologie so erfolgreich, dass es nahezu niemanden gibt, der keinen Kentuki besitzt. Einzig die Ensembleprotagonistin Alina versucht noch am hartnäckigsten, den tapsigen hundert Augen und ihren zudringlichen Bekanntschaften zu entkommen (und erntet dafür Unverständnis seitens ihrer Umgebung). Alles ist irgendwie miteinander vernetzt, im Bösen wie im Guten. Schweblin, die einmal mehr ihre filmische Herangehensweise mit äußerster Ökonomie und Bildstärke sowie Schnittgefühl vom Stapel lässt, zeigt die unheimlichen, in einem gewissen Maße auch vorhersehbaren Seiten eines solchen Hypes, ohne sie ganz in Verdammung zu wälzen. Sie schafft es, die Ambivalenz der „lebendigen Emojis“ und ihre mit ihnen einhergehende Sprachverwendung so leicht wie natürlich in den rhythmischen Fluss ihrer Prosa zu verpacken. Das Komische wie das Horrorelement liegen dicht beieinander, ohne dass sich eine Tendenz zu Satire oder Dystopie herausschält, es bleibt schwebend, wenn Alina wie eine Voodoopuppe ihren Kentuki, und damit die elektronischen Sinne ihrer zudringlichen Gäste, Stück für Stück verstümmelt.

Er kletterte in Lyon seine Rampe hinab und lief in Céciles Schlafzimmer. Er brach die Regeln und versuchte, sie zu wecken – sie hatte sich wohl erst ein paar Stunden zuvor hingelegt –, und schlug mit dem Kentuki immer wieder gegen ihre Bettpfosten. Cécile wurde wach und schleuderte wütend ein Kissen nach ihm, er fiel um und blieb hilflos auf dem Rücken liegen. Etwa sieben Stunden später, als es in Lyon Morgen war, hob Cécile ihn auf und nahm ihn mit an den Küchentisch. Sie versuchte, mit ihm zu reden, während sie sich einen Kaffee kochte.

Schweblins Dialoge, ihre Roman-Regie fesseln. Zwar ist die zugrunde liegende Idee beinahe stärker als das Narrativ zwischen den Buchdeckeln, doch geht es nicht primär im Schema um eine Sezierung Problem : Lösung, sondern um gefühlsmäßige Vorwegnahmen ( / ein Album mit Sprache besetzter Bilder aus) der nahen Zukunft, beziehungsweise einer spätgegenwärtigen Jetzt-Zeit. Visionär, kalt & verstörend.

[...] der Übersetzer auf dem Bildschirm funktionierte immer noch.
„Hallo.“
Am Telefon klang ihre Stimme härter und erwachsener.
„Ihr Kaninchen hat uns gerade Fotos von Ihnen geschickt, wie Sie am Telefon mit meinem Freund plaudern.“
Sie siezte sie.
„Fotos von Ihrer Wohnung, die voll ist mit Fotos von uns. Auch Fotos von Ihnen. Offensichtlich ist Ihr puritanisches Kaninchen ein bisschen ausgeflippt.“
Emilia wollte verstehen, aber sie verstand nichts.
„Ihr Kaninchen scheint sehr enttäuscht zu sein von seiner Herrin. Und ich will Ihnen mal was sagen ...“ Evas Stimme hörte sich ernster und langsamer an, so sinnlich, dass sich Emilias Nackenhaare sträubten. „Emilia ...“ – sie wusste ihren Namen –, „Ihre Alte-Damen-Unterwäsche gefällt mir wirklich ausgesprochen gut.“
Hatten sie sie etwa in ihrer beigen Unterhose gesehen? In der, die ihr bis unter die Brust ging?
„Ausgesprochen gut“, sagte Eva und blickte zu Klaus, „sie gefällt uns beiden.“

Samanta Schweblin
Hundert Augen
Übersetzt von Marianne Gareis
Suhrkamp
2020 · 252 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42966-2

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