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Kritik

Aufstand der Zeichen – Zeichen des Aufstandes

Hamburg

Lewis Carrolls Klassiker „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ gehören zu der Sorte von Büchern, die sowohl Kinder als auch Erwachsene seit Generationen mit Freude lesen. In komischen und bildhaften Szenen umkreisen sie sprachphilosophische und erkenntnistheoretische Fragen geschickt, und während man mit Alice lacht, sich wundert, ärgert, dem eiligen weißen Kaninchen hinterherschaut, halten einen jene Fragen doch beschäftigt. Wer den Lyrikband „wer A sagt“ liest, darf sich durchaus an Carrolls Alice erinnert fühlen. Die 1992 in Laupheim geborene, nach dem Studium des literarischen Schreibens in Karlsruhe und Leipzig heute in Berlin lebende Sandra Burkhardt schreibt Texte, die sich ebenfalls auf trickreich-humorvolle Weise sprachphilosophischen und erkenntnistheoretischen Fragen nähern.

In „Fragment“ aus dem ersten Zyklus „Begehbares Terrain“ heißt es

 Vorbeikommen an Pilzen, Blättern und ihren Schatten, die sich wechselseitig ineinander einschneiden, dann Form werden.

Man erinnere sich: Alice kam nach dem Fall ins Kaninchenloch an einem Pilz vorbei, von dessen Hut aus eine Pfeife rauchende Raupe ihr erklärte, dass sie, Alice, wenn sie von der einen Seite des Pilzes ein Stück esse, größer werde, wenn sie von der anderen esse, schrumpfe. Die Frage: Wo am Pilz ist nun welche Seite?, muss Alice empirisch beantworten, indem sie abwechselnd von beiden Seiten isst, einmal davon in die Höhe schießt, dann wieder winzig klein zusammenschrumpft, bis sie die von ihr gewünschte Größe erreicht.

 In Burkhardts Gedichten geht es, das Maß suchend und im Suchen über es hinausschießend, ähnlich experimentell zu: Von den „Pilzen und Blättern und ihren Schatten“ heißt es, dass sie sich „wechselseitig ineinander einschneiden, dann Form werden“. Was aber formt was in diesem Gedicht? Oder, anders gefragt, was sehen wir, im Rahmen klar definierter Grenzen und Kanten? Wird das Gesehene nicht vom Nicht-Gesehenen maßgeblich mitdefiniert? Was wird dem Blick erhellt und was ist Abglanz, Schimäre, Schatten? Was überhaupt nicht wahrnehmbar? Und was ist dieses Gedicht? Ein sprachlich vermittelter Rohrschach-Test?

Wie die Sprecherstimme gerät man selbst in den Modus des Fragens, danach, wie sich Aussagen formen, wie Wahrnehmung strukturiert ist, was im Sprechen wodurch determiniert wird, ob das Bezeichnende durch das Bezeichnete, das Bezeichnete durch das Bezeichnende? Wo ist „Innen & Außen“, wo das „Zentrum“, wie definiert sich die „Richtung“? Die Titel der Gedichte Burkhardts verweisen indirekt auf verschiedene Modi des Fragens, auf das Drehen und Wenden der Perspektiven, das Infragestellen alles Vertrauten.

 Wer A sagt“ ist ein sehr treffender Titel für diesen Band. Nicht nur, dass damit ein Debut, ein Auftakt beim Namen genannt wird und mit Bezug auf das Sprichwort und seine Folgerung – „muss auch B sagen“ – implizit das Weiterführen eines poetischen Projekts angekündigt wird. Treffend ist der Titel auch im übertragenen Sinne: Reagiert nicht auch, wer nur den ersten Teil des Sprichworts aufgreift, schon auf die Behauptung, dass etwas Begonnenes – das „A-Sagen“ – zwingend eine Fortführung verlange? Widerspricht er nicht der, wenn nicht logischen, doch zumindest konventionellen Annahme, man müsse Regeln folgen?

 Indem Burkhardts Gedichte Gesetzmäßigkeiten und Konventionen nicht nur beschreibend aufgreifen, sondern ad absurdum führen, ist am Ende nichts mehr so, wie es scheint. Die Texte exerzieren den Aufstand der Zeichen, etwa wenn, wie in „Interieur bei Tag“, in einem vollständig mit einem arabesken Tischtuch ausgekleideten Raum Etageren voll arrangierter, aber angebissener Äpfel plötzlich in seltsame Wechselbeziehungen zu den lebendig werdenden Ranken der Arabesken treten. Was wird hier beschrieben: ein barockes Stillleben aus der Sicht eines sprechenden Ichs, das sich gerade auf einem LSD-Trip befindet?

 Klarheit und Verdunkelung, Erkenntnis und Infragestellen, Regeln und deren Bruch führen das virtuos und zugleich zweifelnd agierende Sprecher-Ich in immer neue Fragestellungen, Versuchsanordnungen, Strukturanalysen, und es ist höchst faszinierend, ihm bei dieser Welterforschung als Sprecher-Selbsterforschung zuzusehen. Die Bewegungen der Gedichte sind so kühl-regelhaft wie organisch, sie sind analytisch und doch hingegeben an die Gegenstände der Betrachtung, von Teppichmustern angefangen (der Teppich als Textur ist von Gedichten Georges über Lasker-Schüler immer auch poetologisch zu lesen) … Sandra Burkhardts Gedichtband sind Abbildungen von Teppichen beigegeben. Es handelt sich dabei einerseits mutmaßlich um Beni Ourains, marokkanische, meist weißgrundige Wollteppiche, in die schwarze, geometrische Linien eingewebt sind, andererseits, z. B. im Zyklus „Begehbares Terrain“, um Teppiche, deren Abbildungen dem Band „Islamic Carpets: The Joseph V. McMullan Collection“ des Metropolitan Museums of Art entnommen sind, Teppiche, in die prachtvolle, florale und bedeutungstragende Muster eingeknüpft sind. Bei Lesungen projiziert Sandra Burkhardt diese letzteren.

 Die Texte interessieren sich also für die regelmäßigen Webarten von Teppichen, von Sprache und von Wahrnehmung. Aber sie wenden sich auch Mandalas zu, Mustern, die Meditationszwecken dienen, Mustern, die wallen wie das Wasser im Trevi-Brunnen (dem der Band ebenfalls ein Gedicht widmet) oder – in einer Entwicklung vom geometrischen Ornament hin zum organischen – bis hin zu Fischbahnen, deren Ordnungen nicht mehr leicht zu durchschauen sind.

 Wo liegt der Ort des Ornaments“ heißt es in dem ebenfalls im Stil der Versuchsanordnung verfassten Langprosagedicht „25 Kugeln“:

 25 Personen legen auch auf 25 Quadraten aus. Wir bezahlen ihnen 8,84 € die Stunde und haben sie darum gebeten, kleine Aufgaben und Tätigkeiten auszuführen.

Diese Bewegungen finden ihre Entsprechung in der Form: Strenger gebaute Gedichte stehen neben narrativen Prosagedichten, Sprachstrenge und Sprachspiel wechseln sich ab, ufern vielleicht manchmal etwas zu sehr aus, aber auch das ist Teil dieser poetischen Phänomenologie des Ornaments als einer Phänomenologie der Sprache. Burkhardts Gedichte verhalten sich sprechend zu Lektüren, untersuchen Mythen wie den von Narziss und Echo auf ihre Heutigkeit („Narziss“), gehen an touristische Orte wie den Trevi-Brunnen, der zur Goldgrube geworden ist („Walle Walle Trevi Brunnen“). Sie sind aber nicht nur gegenwärtig in der Konzentration auf Objekte: Im Abtasten des Ornamentalen ist die Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Determination immer mitgestellt.

 Wie humorvoll das vonstattengehen kann, zeigt sich z.B. im Gedicht „Stiel“, das mit der Homophonie der Worte „Stiel“ und „Stil“ spielt:

Nach einen wundervollen Sommer erreichen alle nun das Ziel, / man gleitet langsam auseinander, im Bauch ein wohliges Gefühl. / Das Eis gegessen und zerronnen, geht jetzt ein jeder seinen eigenen / Weg, vorbei an dem, was eben zu den Tieren auf den Boden fiel (...)

Was so eingängig beginnt, endet mit großen Fragezeichen. Wie „Stiel“ nun ausgeht? Man lese selbst in Sandra Burkhardts überraschendem Debutband, der auch graphisch sehr ansprechend gestaltet ist.

Sandra Burkhardt
wer A sagt
gutleut verlag
2018 · 80 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-936826-95-1

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