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Kritik

Die Rückseite der Wahrheit

Hamburg

Aus Biljana Banadinović wird das Fotografie-Wunderkind Billy Bana. Mit Anfang 20 zieht sie von Wien nach Berlin, lebt überall und nirgends, im permanenten Transit. Ihre Herkunft verwischt, die Wurzeln scheinen gekappt. Doch sind sie das wirklich? Knapp zwei Jahrzehnte später wird es ausgerechnet der Nachlass ihrer Familie sein, der ihre Arbeit inspiriert. Im Prolog von Sandra Gugićs zweitem Roman „Zorn und Stille“ sind es Aufnahmen von Straßenszenen, die Billy in der Belgrader Wohnung ihres verstorbenen Vaters findet, die ihr als Ausgangspunkt für ein neues Projekt dienen. Gegen Ende des Buches entdeckt eine Frau im Innenfach einer Reisetasche, die ihre Mutter zwölf Jahre zuvor auf dem Benefizflohmarkt eines serbischen Fundbüros ersteigert hatte, eine Fotoserie, die Biljanas verschwundenen Bruder zeigt. ___STEADY_PAYWALL___Die Aufnahmen stammen aus den Anfangstagen von Billy Banas künstlerischer Karriere – ein Kreis schließt sich.

Billys Reise nach Belgrad zur Beerdigung ihres Vaters bildet die Rahmenerzählung des Romans; dazwischen schlägt der Plot wilde Haken quer durch die Jahrzehnte, erfasst hie und da zentrale Wendepunkte und Umbrüche der europäischen Geschichte – oder vielmehr deren Schatten, die sie auf die Familie Banadinović werfen. Als Kleinkind kommt Biljana aus dem damals noch existierenden Jugoslawien nach Wien, wo sich ihre Eltern als Gastarbeiter durchschlagen. Ihr Bruder Jonas Neven wird geboren; als Kinder sind die beiden unzertrennlich. Anfang der 90er Jahre dringt der Zerfall des ehemaligen Heimatlandes in Form von anonymen Anrufen ins Haus der Banadinovićs („Seid ihr Serben oder Kroaten?“), werden Allianzen im Exil gebildet, die Biljana und Jonas Neven nicht recht verstehen. Schon bald gerät Biljana in die Punk- und Hausbesetzerszene Wiens, löst sich dankbar aus der Enge ihres Elternhauses und findet in der drei Jahre älteren Ira Goldfarb eine Vertraute, Mentorin und On-and-off-Geliebte, die ihr einige Jahre später zu ihrem Künstlernamen und damit gleichsam zu einer neuen Identität verhelfen wird. Ihr Preis für den Bruch mit der Vergangenheit ist der Verlust des kleinen Bruders – eine lebenslange Sehnsucht, eine lebenslange Schuld, die Billy Bana mit sich tragen wird. Denn Biljana lässt ihn nicht nur als Teenager bei den Eltern zurück; ein paar Jahre später wird er auf seiner Sinnsuche in die postjugoslawischen Staaten verschollen gehen: „Die Geschichte von Jonas Neven fand keinen Abschluss, so wenig wie die Träume, aus denen wir plötzlich erwachen.“ Es ist das Verschwinden und Sterben geliebter Personen, alles Ungesagte, das eine schmerzliche Leerstelle hinterlässt und den Sog des Romans ausmacht.

Was Gugić hier (be)schreibt, fühlt sich, wenn schon nicht selbst erlebt – tatsächlich ist der Roman weniger autobiographisch, als er auf den ersten Blick scheinen mag – so doch durch und durch wahrhaftig an. Gerade darum allerdings verwundert es, wie wenig die Autorin sich auf die Kraft ihrer Szenen verlässt, wie viel sie behauptet, anstatt zu erzählen. „Alles in meinem Leben war provisorisch, ich hatte mich in diesem Übergangszustand eingerichtet“, sagt etwa Billy an einer Stelle über sich. Und, in der Retrospektive: „Ich war schon immer eine Einzelgängerin gewesen, und noch mehr seit dem Wechsel aufs Gymnasium.“ Solche Sätze klingen nach Stichworten, die sich die Autorin über ihre Hauptfigur gemacht haben könnte – als Selbstbeschreibung wirken sie reichlich künstlich. So fühlt sich der Roman bisweilen an wie ein Essay, der nur ja keinen wichtigen Punkt auslassen möchte, und gerade dadurch seine Leser_innen zu wenig herausfordert, die Schlüsse selbst zu ziehen. „Das oberste Gebot meiner Eltern war das aller braven Migranten: um keinen Preis auffallen oder Aufsehen erregen“, ist so ein Beispiel für eine Aussage, die sich zwar vorbehaltlos abnicken lässt, aber kein tieferes Verständnis erzeugt.

Eine positive Überraschung bietet hingegen der unerwartete Perspektivwechsel nach dem ersten Buchdrittel. Nun kommen diejenigen zu Wort, die bislang als stumme Folie fungierten, gegen die sich Biljana und Jonas Neven abgrenzen mussten. Aus den vormals namenlosen Elternteilen werden Azra und Sima, mit ihren je eigenen Träumen, Ängsten, Hoffnungen und Schlupflöchern aus der beengten Welt, in die auch sie hineingezwungen wurden. Die flüchtigen Schlaglichter auf frühere Sommerurlaube – im Gepäck Kaffee, Kleidung und Schokolade, um das Fortgehen der Eltern wiedergutzumachen – erweitern sich in der Perspektive eben jener Fortgegangenen zu einem reicheren Bild, verweben sich zu einer generationenübergreifenden Erzählung, in der von Partisanenkämpfen und patriarchaler Unterdrückung, aber auch von Ausbruchswillen und kleinen Freiheitsmomenten die Rede ist. Zwar kommen auch hier einige Sätze allzu lehrbuchmäßig daher („Das Schweigen der Väter hatte unsere Generation geprägt. Und die vor uns.“), doch lässt Gugić die Traumata der Vorfahren meist ohne große Worte spürbar werden. Etwa, wenn es heißt, die Großmutter habe nach dem Tod ihres Mannes alle Tito-Bilder aus dem Haus entfernt. Im Lauf der Lektüre hat sich das Puzzle so weit zusammengesetzt, dass sich bei derlei Andeutungen Gugićs Stickbild-Analogie aufdrängt: „Die sichtbare Realität hat eine Rückseite, an der die Fäden zusammenlaufen und ein ganz anderes Bild ergeben.“ Was für die komplexe Gemengelage politischer Kräfte gilt, schlägt sich auch in den unterschiedlichen Perspektiven innerhalb einer Familie nieder. Dies aufzuzeigen, ist das große Verdienst von „Zorn und Stille“.

Sandra Gugić
Zorn und Stille
Hoffmann und Campe
2020 · 240 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-455-00976-7

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