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Poedu - Virtuelle Poesiewerkstatt für Kinder und Jugendliche
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Poedu - Virtuelle Poesiewerkstatt für Kinder und Jugendliche
Kritik

All dies hier, im Licht, geht mit

Hamburg

„Lichtstrahlen wärmten uns den Rücken
schoben uns an wie warme Windhände
auf dem Weg unsere Schatten vor Augen
rhythmisch bewegt durch unser Gehen

[…]

Blieben verhaftet unseren Schatten
dem mühsamen Weg nach oben zur Kuppe
wo alle Richtungen wieder offen
wir uns drehten zur Sonne“

Fast schon programmatisch klingt der Titel von Sandra Hubingers zweitem Gedichtband: „wir gehen“. Und tatsächlich ist der Titel in Teilen auch Programm: ein nicht näher definiertes Wir bewegt sich durch Landschaften, gemeinsame Tätigkeiten, später Erinnerungen. Aber der Reihe nach.

Im ersten Kapitel sind es vorwiegend herbstliche und winterliche Umgebungen, die vollzogen werden. Lichtzustände, Farben, feinste Be- und Entzifferung von Auswüchsen, Abläufen – wie ein große Kulisse, die in die eigene Blutbahn gespült wird, zieht das Außenweltliche vorbei, zieht uns hinein in seine Gegebenheiten. Oder sind wir es, die in einem bestimmten Moment aus einer bestimmten Konstellation von Natur eine Gegebenheit machen?

„Eine Nebelhaut schwamm über dem Mischwald
unser Atem dampfte uns voraus als würden wir
gezogen von einer Lokomotive so schwarz wie
der Acker ringsum da stapften wir querfeldein“

Der Mensch kann sich als momentane Auswirkung seiner eigenen Handlungen wahrnehmen. Kann der Mensch auch die Natur als momentane Auswirkung ihrer Prozesse wahrnehmen? Oder: kann er sie überhaupt anders wahrnehmen (begreifen kann er sie durchaus als etwas anderes, aber wahrnehmen)?

Vielleicht mute ich Hubingers Gedichten zu viel zu, wenn ich diese, sehr verwinkelten Fragen über sie stülpe. Aber wenn sie auch nicht auf sie abzielen, setzen sie sich doch auf beeindruckende Weise mit ihnen auseinander – auf welche Weise unsere Wahrnehmung zur Natur durchdringt und wie die Natur unsere Wahrnehmung durchdringt.

„Schneeverwehungen in Gips gegossener Atem
Prozesse angehalten Zurechtgesponnenes mit
Seidenschlingen gebunden gefroren zu winzigen
Borsten die Behaarung junger Wolfsspinnen“

Schon im zweiten Kapitel wird diese Auseinandersetzung mit dem Verhältnis Mensch-Natur noch auf andere Weise deutlich, denn jetzt wird der Naturkontakt intensiviert und gleichsam kultiviert: es geht ums Ernten, Jäten, Pflanzen. Die Erde bringt hervor und die Erde bleibt an den Fingern, unter den Nägeln, wenn man sie berührt, in ihr herumwühlt; sie nimmt auf und gibt.

Oft wird die Natur (in der Wissenschaft) als ein selbsterhaltendes (sich selbst erhaltendes) System begriffen, ein Apparat der besonderen, aber dennoch schematischen Art, in dem alles letztlich vorhersehbar ineinandergreift. Menschen glauben jedoch (in der Regel) an höhere Prozesse, eine ganze Kultur aus Vorstellungen/Hoffnungen ist entstanden, in der die höheren Möglichkeiten des Menschen zutage treten sollen. Hubingers Beobachtungen und Darstellungen erden diese Vorstellung auf eigenwillige und anschauliche Weise.

„Das Summen schwoll an als löste
sich vom Baum ein Pfropfen wir mieden
die Bestachelten in den Blüten
Flügelpaare motorisiert mit vollen Pollenhosen“

Ihre Gedichte gehen sehr nah heran an die Phänomene, schildern die Abläufe und Strukturen von Dingen und Erfahrungen, bis sich darin mitunter Konzentrationen von kaum fassbaren Einheiten und Verrückungen auftun.

Trotz des teilweise fast schon dokumentarischen Stils, gibt es immer wieder sehr starke Bilder, die umso größere Wirkung entfalten, weil man in den akribischen Darlegungen der Gedichte manchmal nicht mit ihnen rechnet.

„Die Treppe hinab schwenkten wir zwischen uns
die Büchertasche schüttelten sie dass die Wörter
von einem Buch ins andere sprangen
wie in unbekannte Häuser einstiegen“

Während im dritten Kapitel eher luftigere Töne angeschlagen werden und Vögel zu den unterschwelligen Protagonist*innen avancieren und im vierten Kapitel Strände und das Meer Einzug halten, ist das folgende Kapitel eine Besonderheit.

Die Gedichte in diesem fünften Kapitel sind inspiriert von Alan Weismans Buch „Die Welt ohne uns“, in welchem der Autor imaginiert, was passieren würde, wenn die Menschen von einer Sekunde zur nächsten von der Erde verschwinden würden, Schritt für Schritt – zunächst, was die nächsten Tage passieren würde, dann die nächsten Jahre und Jahrzehnte und schließlich, was bleiben würde von unserer Zivilisation, nach tausenden von Jahren.

Diese Gedichte sind aber nicht nur besonders, weil sie von den Überlegungen des Buches inspiriert wurden, sondern auch, weil das charakteristische Wir/Uns der anderen Gedichte fehlt. Hier wird dann spätestens auch deutlich, dass der Titel „wir gehen“ auch anders gedeutet werden kann: nämlich als ein „wir verschwinden“.

Vor dem Hintergrund dieser zweiten Bedeutung bekommt auch die Auseinandersetzung mit der Natur in den vorangegangen Kapiteln eine zusätzliche Nuance: die Beobachtung ihrer Prozesse, deren Bestandteil auch wir eines Tages wieder sein werden (unfähig, die herausragende Position, die Warte der Beobachtung, zu halten), wird zur Vergegenwärtigung der Sterblichkeit, des Verschwindens trotz der Fülle, trotz aller Wahrnehmung, allen Aufnehmens.

„Unsere Bewegungen spalteten sich ab
von uns geweht über die Ebene gleich Rauch
sich tummelnde Phantome uns nachahmend
schwebten sie ins Unterholz wo es knisterte“

All dies Aufgreifen der Natur also nur ein geschickter Spiegel für die existenzielle Geworfenheit des Menschen? Natürlich nicht nur. Viel von dem, was ich hier ausgebreitet habe, kann man getrost als Metaphysik abtun, die ich für mich aus der Physis dieser Gedichte abgeleitet habe, die sich aber nicht zwingend aus ihnen ergibt. Ihre Sinnlichkeit, die weder wirklich grob noch wirklich fein ist, ihre ganz eigene, fast unbeteiligte Zärtlichkeit, ihre im „wir“ konzentrierte, aber nie ganz fassbare Teilhaftigkeit, die manchmal fast wie eine Teilnahmslosigkeit wirkt, das alles kann auch ganz für sich stehen, braucht keine Theorie zum Anlehnen.

„Als eine aus dem Takt geschlagene Partitur
erschien uns diese Natur wir notierten ihren
Pulsschlag ihre Fieberkurve den höchsten Ton eines
Singvogels das Pianissimo von rieselndem Sand“

Während im sechsten Kapitel eine fast endzeitliche Stimmung herrscht, in jedem Fall kryptischere, feingliedrige Motive dominieren, passiert im letzten siebten Kapitel ein weiterer Schwenk und entrückt das Geschehen in die Kindheit, in die Zeit der Spiele und Entdeckungen.

Diese letzte Transformation zeigt noch einmal, dass ich mir hier den Mund fusselig reden könnte und trotzdem einige Aspekte der Gedichte verfehlen würde. Diese Gedichte agieren scheinbar wenig und präsentieren doch so viel, vollziehen bloß nach und sind doch bemerkenswert vielschichtig, wenn man sich einmal anschickt, sie wirklich anzuschauen und nicht nur zu durchqueren.

„Mit dem Kompass einer Piratenkindheit
betraten wir das Hausinnere: die Nadel
schlug aus stach mehrmals in die Herzwand
als wir uns drehten um Achsen von

Erinnerungen die ächzten brachen
Himmelsrichtungen vergaßen doch zog
uns magnetisch die Wendeltreppe“

Sandra Hubinger
wir gehen
edition keiper
2019 · 86 Seiten · 15,40 Euro
ISBN:
978-3-903144-87-3

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