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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
Kritik

Bin ein meschuggener Vogel

Hamburg

Die Tintenzüge aus meiner Feder
Mit ihren Füßchen und Krönchen
Fallen her übers weiße Papier
Krächzen wie Raben

Sarah Kirsch zählt zu den bedeutendsten und populärsten deutschsprachigen LyrikerInnen des 20. Jahrhunderts. 1935 als Ingrid Bernstein geboren, begann sie um 1960 Gedichte und Prosatexte zu veröffentlichen. Nach dem Abschluss ihres Biologiestudiums studierte sie Literatur am Johannes R. Becher Institut in Leipzig. Ab 1973 war sie Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der DDR. Als sie 1976 als eine der ersten die Petition gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterschrieb, wurde sie aus der SED und dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und 1977 ausgebürgert. Kirsch kam mit ihrem 1969 geborenen Sohn zunächst nach West-Berlin, ehe sie 1983 ins alte Schulhaus von Tielenhemme in Schleswig-Holstein übersiedelte, wo sie zurückgezogen als Schriftstellerin und Malerin bis zu ihrem Tod 2013 lebte. Die Dichterin hinterließ mehr als 20 Gedicht- sowie etliche (lyrische) Prosabände.

Zu Lebzeiten wurde Kirsch mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. 1996 mit dem Georg-Büchner-Preis (Anm.: Sie war die erst vierte Frau, die den ab 1951 jährlich vergebenen Preis bekam). Im Wintersemester 1996/97 hielt sie auch ihre Frankfurter Poetikvorlesungen, die nun, mehr als zwanzig Jahre später, in Buchform vorliegen, herausgegeben von ihrem Sohn und Nachlassverwalter Moritz Kirsch.

Ne Poetik-Vorlesung – na Mahlzeit.

Bisher habe ich mich stets erfolgreich davor gedrückt wenn ich in die Nähe einer Poetik-Vorlesung gelangte. Bin sehr standhaft gewesen, jetzt: eine Spätberufene doch. ..., das was ich am besten kann das sind doch Gedichte oder kleine oder etwas größere Prosa. ... Weil ich mich als Praktiker einfach erachte. Und nicht auch noch die Literaturwissenschaftlerin mime, da steh mir Gott!

Von Anfang an lässt Kirsch keine Zweifel daran, was sie von dieser Art Auszeichnung hält, nämlich wenig. Sie soll fünf Vorlesungen lang in der Frankfurter Goethe-Universität vor interessiertem Publikum stehen, öffentlich über ihr Schreiben reflektieren und weiß schon beim „Aufwärmen“ gewiss,

was das Schönste an solcher Zusammenkunft ist: ihre Begrenzung.

Zur Vorbereitung hat sie „aus 16 Bänden und 40 Jahren“ das herauszufischen versucht, „was sich auf Schreiben bezieht, direkt oder indirekter“. Es sei nicht zu viel, dämpft sie gleich zu Beginn die Erwartungshaltungen, „weil ich stets noch glücklich vermied über das Schreiben zu schreiben“. Und fügt hinzu:

Jetzt will ich mal sagen warum dergleichen mich eigentlich nicht interessiert. Ich weiß ja Bescheid über mich und meine Methoden die Langeweile mir auszutreiben – seit mindestens 55 Jahren weiß ich das nun – warum soll ich das breittreten noch?

Sie will nicht „mein Inneres abfotografieren“, weil sie sich nicht preisgeben will. Diesem offen gezeigten Widerwillen zum Trotz stellt sie eine erstaunliche Vielfalt an unterschiedlichen Texten ihres Werks vor, in denen sie über sich und ihr Schreiben Auskunft gibt. Es sind zahlreiche Gedichte, tagebuchartige Aufzeichnungen und Kommentare, die um Beweggründe, die Quellen ihrer Inspiration und ums eigene Handwerk kreisen, vom Erhaschen von „Splitterchen“ Zeugnis geben, von „gewissen Augenblicken von unendlicher Kostbarkeit“, Zweifeln („alles erweist sich wiederholt als Fragment“) und vom dennoch Weiterschreiben:

Mit 26 Buchstaben versuchen, das Unsagbare sagen.

Kirsch erzählt von frühen Leseeindrücken, Erlebnissen bei Lesungen und einem Aufenthalt in Wiepersdorf gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn. Die Dichterin polemisiert gegen Talkshows und „Best-Seller-Macher“. Sie bekennt ihre Liebe zum Meer und zu Katzen als „lyrisches Element“, gibt Auskunft über prägende Lektüren, die „großartige Kühnheit einiger Zeilen“ und nennt u.a. Annette von Droste-Hülshoff, Halldør Laxness, Peter Huchel oder Paul Valery. Sie weiß um

die Bruderschaft unter den Dichtern die sie berechtigt nein verpflichtet bestimmte Steine weiterzutransportieren durch die Zeit.

Sie tut dies auf unverkennbare Art: konzentriert, autonom und wahrhaftig, im Ton mal salopp und schnoddrig, mal ätzend, oft witzig, zuweilen sperrig. Immer wieder fügt sie mundartliche oder heute wenig gebräuchliche Worte ein, hat eigene Regeln der Rechtschreibung und Grammatik. Kirsch spielt lustvoll mit Sprache und lässt ihre Texte hochsteigen „wie einen schönen beweglichen phantastischen Drachen“, wovon sie in ihren Vorlesungen einen kleinen Einblick gibt.

Was dem Buch fehlt, ist ein Nachwort des Herausgebers, das etwa darüber Auskunft gibt, wie die Dichterin selbst zu diesen Aufzeichnungen stand, ob sie diese als Buch hätte sehen wollen und warum das Buch gerade jetzt erscheint. Interessant wäre auch ein Quellenverzeichnis, das die Gedichte in Kirschs Büchern verortet. Wie Literatur generell wirklich zustande kommt, darüber geben die Reflexionen der Dichterin schließlich auch Auskunft:

Ganz einfach, es ist nur eine Fata aus dem Gebiet der Papierkörbe eben, indem du etwas nicht wegschmeißt bleibt etwas übrig was ein anderer vielleicht zu lesen vermag wenn er es vermöchte und immer vorausgesetzt man hat etwas gefunden eine Institution  ein Verlagshaus welches einem den Bettel dann abnimmt und zwischen zwei Buchdeckel haut und dann hängt alles von den Buchhändlern ab ...

Sarah Kirsch · Moritz Kirsch (Hg.)
Von Haupt- und Nebendrachen Von Dichtern und Prosaschreibern / Frankfurter Poetikvorlesungen 1996 | 1997
Wallstein Verlag
2019 · 112 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-8353-3445-8

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