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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

in aller Ferne

Hamburg

Es geht wild her im Gedichtband Ferner von Sascha Kokot, denn „noch lauern die Unwetter im Hochland“, „am Horizont hallen die Hurrikans“ und „es leben Löwen im Untergrund.“ Warm anziehen und gut festhalten heißt es, denn äußerst kalt und stürmisch geht es zu in den Gedichten, in denen es schon mal „so schön dramatisch / die Verwegenen von der Kante“ der Steilküste wehen kann. Den Gedichten wohnt eine ansteckende Unruhe inne. Sie sind „wacklige Gebilde“, verwenden eine zergliederte Sprache und bald schon kommt der Verdacht auf, der von Schächten unterhöhlte Boden der Sprache könnte jederzeit nachgeben, oder eine unvermutete Gerölllawine könnte eine Schneise durch Wald und Worte schlagen.

Die Buchgestaltung der edition AZUR ist wirklich sehr schön und zeichnet sich gerade durch Liebe zum Detail aus. Das Cover zeigt ein Blatt, welches über den Titel gelegt wurde. Der erste Balken des N in FERNER verschmilzt dabei mit der Mittelblattader. Dadurch zieht sich schon durch den Titel ein optischer Bruch oder Einschnitt, der auch in vielen der Gedichte spürbar wird: „zwischen Riss und Rost suchst du nach Spuren“. Die Blattadern sind dabei haptisch hervorgehoben, der Titel nicht. Wenn man das Cover daher mit geschlossenen Augen und den Fingerspitzen „liest“, lässt sich nur die Struktur des Blattes erspüren, während der Titel quasi unsichtbar bleibt. Teile des Blattes, das auch am Cover abgeschnitten und nicht ganz zu sehen ist, werden dann im Buchinneren wiederholt, zergliedert und zerstückelt.

Der Gedichtband ist in fünf Kapitel unterteilt. Teilweise lassen sich ihnen jeweils bestimmte Themen zuordnen, auch wenn sich Themen, Motive und Stimmungen auch über den gesamten Gedichtband erstrecken. Im ersten Kapitel, DRIFT, scheint vage ein Zurückbleiben oder Zurückgelassen werden in Gedichtform verhandelt zu werden. TRANSIT vermittelt den Eindruck eines Ortswechsels. In GRAPHEN geht es vorwiegend um Technik, wohingegen in SCHÄREN eine Bedrohung im Anmarsch zu sein scheint und Naturkatastrophen thematisiert werden. Im letzten Kapitel, FILAMENT, taucht dann eine Vaterfigur auf und es scheint um Verlust zu gehen.

In den Gedichten gibt es ein Wir ebenso wie ein Du und ein Ich. In Erinnerung bleibt der Gesamteindruck, die Gedichte seien alle in großer Kälte unter widrigsten Wetterumständen sowie im Dunkeln, in der Nacht angesiedelt. Das stimmt aber gar nicht für alle Gedichte, denn in einigen findet man auch Sonnenschein und Sommerhitze. Dennoch sind die Nachtgedichte im Gedichtband präsenter und einprägsamer:

die Nächte stellen ihre Spiegel
vor unseren Fenstern auf und
wo wir Straßenzüge Laubreste
und Flugrouten vermuten
finden wir nur uns vor [...]

Das Gedicht als Fenster zur Welt, oder doch als Spiegel, der den Schreibenden auf der Suche nach dem Anderen immer nur auf sich selbst zurück wirft? Ich denke, dies ist die zentrale Fragestellung, oder das elementare Problem, mit welchem Sascha Kokot in seinem Gedichtband Ferner schreibend um Antwort ringt. Der Prozess des Schreibens scheint dabei greifbar zu werden als ein Tappen im Dunkeln, denn:

[...] die Schalter für das Licht liegen gut versteckt
außerhalb deiner Reichweite schlägst du ins Leere [...]

Allerdings herrscht in einigen der Gedichte eine etwas pathetisch anmutende Weltuntergangsstimmung, die so, gerade in ihrer übertriebenen Ernsthaftigkeit, nicht ganz ernst zu nehmen ist:

[...] fest steht nur die Kälte zieht an
und wir füllen langsam das Schrot
in die Patronen

Etwas weniger Pathos und gekünstelte Ernsthaftigkeit würde den Gedichten von Sascha Kokot nicht schaden. Denn ich hege den Verdacht, dass nicht einmal er selbst sich in Momenten wie diesen wirklich ernst nehmen kann, bzw. seine Gedichte. Leider wagen die Gedichte den Schritt zur augenzwinkernden Selbstironie nicht, mit der man so gut wie alles sagen kann und die ein Ausdruck tiefergehender Ernsthaftigkeit ist. Lange habe ich darüber nachgedacht, ob der Schluss des ersten Gedichtes genial selbstironisch ist und sich damit das Gedicht selbst im letzten Moment wieder aufhebt. Oder ob das gar nicht die Absicht des Autors war und ihm das nur so passiert ist. Ich wünsche mir ersteres. Ich befürchte zweiteres, da diese Stelle solitär im ganzen Gedichtband ist. Die Zeit wird es zeigen:

[...] dein Zaudern in den Stunden
in denen die Beleuchtung ausfällt
und dein Körper der letzte Ort ist
den die Wärme verlassen wird
bevor sich das Schweigen sammelt
oder eine Therme von Neuem anspringt

Vielleicht liegt es aber auch ganz einfach nur am Sommerwetter, dass mich die drohende Eiseskälte in diesem Gedicht nicht so recht überzeugen will und Mitte Jänner würde alles gleich ganz anders aussehen.

Eines der erstaunlichsten Gedichte in Ferner ist vermutlich das Gedicht über Sonnenkollektoren. Es wirkt eher unscheinbar, schlicht und unprätentiös, wobei aber gerade das seine Stärke ausmacht. In ihm wird Natur mit Technik konfrontiert, was aber zu keinem Gegeneinander, sondern zu einem harmonischen Miteinander führt. Denkt man an ein Feld mit Sonnenkollektoren, eingezäunt und in langen Reihen, so hebt sich dieses Bild eigentlich stark von „Natur“ ab. Im Gedicht von Sascha Kokot jedoch finden beide scheinbar mühelos zueinander, da die Kollektoren singen, „Kleinwild ungestört stromern“ lassen und sogar träumen können:

[...] jagen dann Füchse unter ihnen
knüpfen sie schon längst Träume
aus seltenen Erden

Die Gedichte von Sascha Kokot stellen auch die Frage, was das für eine Welt ist, in der wir leben. Auf Seite 54 lese ich die ersten Zeilen eines Gedichtes:

ein gleichmäßiges Raffineriefeuer in großer Höhe
steht als Sonne über uns [...]

Und ich denke nach und blättere zurück und suche nach dem anderen Gedicht, das mit einer Sonne begann in einem ansonsten eher nachtschwarzen Gedichtband, und ich finde es auf Seite 23:

wie kannst du hier nicht staunen
wo die Sonne nie untergeht [...]

Und wieder einmal muss ich erkennen, dass man einen Gedichtband eigentlich nie zu Ende gelesen hat, sondern immer erst zu lesen beginnt, auch wenn man ihn noch so oft gelesen hat.

Aber auch wenn das Lesen desselben kein Ende hat, so hat der Gedichtband selbst sehr wohl eines. Er endet mit dem Kapitel FILAMENT, in dem Sascha Kokot Abschied, Trauer Verlust und Erinnerung in Sprache fasst und mit Sprache darum ringt, eine Sprache dafür zu finden.

am Ende verschwindest du ganz
in der Leitung
hallen nur meine Fragen nach […]

Ein Gedicht in diesem Kapitel greift die Struktur von Inger Christensens alphabet auf, um Erinnerungen aufzulisten. Im Gegensatz zu Christensen, die darin der Fibonacci-Reihe folgend alphabetisch auflistet, was es alles gibt, zählt Sascha Kokot, nicht alphabetisch geordnet, auf, was es gab, also nicht mehr gibt: „es gab Einweckgläser es gab sie im Keller“. In diesem Gedicht stellt Kokot die Frage nach dem, was bleibt. In seinem Gedicht ist das nicht viel, denn einzig: „die Schaukel gibt es noch“. Inger Christensens Struktur zu zitieren und einfach so in die Vergangenheit zu setzen, ist nicht ganz unproblematisch und sollte nicht unreflektiert passieren. Denn Inger Christensens Gedicht klammert sich im Angesicht der möglich gewordenen Zerstörung durch Atombomben und dergleichen an die kleinen Details, die das Leben ausmachen. Ihr Gedicht ist Beschwörung und Selbstversicherung zugleich – es gibt das alles noch, es gibt die Bedrohung, ja, aber es gibt das alles noch. Und es gibt mich noch, die Schreibende die das alles wahrnehmen kann und über all das staunt. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Sascha Kokot in seinem Gedicht der vollen Tragweite bewusst war, was es bedeutet, dieses Gedicht zu zitieren und in ein Negativbild von nahezu nichts mehr zu übersetzen. Was bleibt ist einzig eine verlassene Schaukel auf einem Kinderspielplatz oder sonstwo. Das ist ziemlich trostlos und das kann ich so nicht stehen lassen, möchte ihm an dieser Stelle viel mehr mit Inger Christensen widersprechen, denn:  „die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es“

Ein anderes Gedicht von Sascha Kokot aus dem letzten Kapitel kreist und kulminiert im „unglaublich hässlichen Begriff“ der „Grabnutzungsgebühr“. Das Wort steht dann erst in der letzten Zeile und mit ihm endet das Gedicht auch, da es an diesem Wort nicht mehr vorbei kann. Um zu vermeiden, dass auch der ganze Gedichtband von diesem Wort verschluckt wird und in ihm mündet, folgt noch ein weiteres und letztes Gedicht. Und Sascha Kokot gelingt mit diesem etwas, wofür ihm große Achtung gebührt: Ein Weitersprechen nach dem nicht-mehr-Sprechen-können. Das ist, was Literatur ausmacht. Mit leiser aber fester Stimme erhebt das Gedicht seine Stimme gegen die beklemmende Stille die noch nach dem Begriff der „Grabnutzungsgebühr“ im Raum steht, und stellt fest: „die Bilder gehen mir langsam aus“. Mit seiner letzten Zeile verabschiedet sich das Gedicht dann selbst, oder der Gedichtband sich selbst, oder Sascha Kokot sich selbst, auf sehr stille aber feine Art und Weise:

[...] und bald glaubst du dich selbst
aus der Tür gehen zu sehen

Sascha Kokot
Ferner
edition Azur
2017

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