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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Zwei Blickwinkel auf die Krise und notwendige Konsequenzen

Hamburg

Vorab dies: ich bin überfordert damit, etwas Stichfestes zu dieser Krise zu schreiben, und auch eine kritische Auseinandersetzung mit den im Manifest Verlag erschienenen Texten ist nichts, was ich im Folgenden anzubieten habe. Was ich hingegen teilen möchte ist der Eindruck, dass hier jede Menge Belege dafür zu finden sind, dass zwischen Lufthansa Rettung und Konjunkturpaket eine riesige Lücke klafft, eine möglicherweise Zukunft entscheidende Lücke. „Zukunft“, schreibt Matthias Horx in seinem Büchlein „Die Zukunft nach Corona“, das ich weniger als Pendant, sondern eher als Gegenstück zu „Pandemische Zeiten“ gelesen habe, „entsteht in der Frage, wie wir – als Kultur, Zivilisation, aber auch als Menschen, als Individuen – auf Krisen reagieren.“ Tatsächlich stellen die beiden Bücher gänzlich unterschiedliche Weichen für eine Reaktion auf diese Krise. Aus unterschiedlichen Perspektiven, und mit unterschiedlichen Absichten.

Sprachlich, und was die Lesbarkeit angeht, ist Horx Buch den „Pandemischen Zeiten“ überlegen.___STEADY_PAYWALL___ Wo der eine zu systemerhaltend argumentiert, agitieren manche der Texte von Pandemische Zeiten relativ unreflektiert. Insgesamt bietet der Reader des Manifest Verlages aber viele Zahlen, Fakten und Argumente, auch wenn nicht jeder der Beitragenden es versteht, so zu formulieren, dass die Leserin gerne folgt. Andererseits geht es hier um Inhalte, und weniger um eine geeignete Vermittlung.

Fakten allein schaffen keinen Sinn, schreibt die Wochenzeitung „Der Freitag“, es kommt darauf an, wie und was wir davon erzählen. Aber auch wer erzählt. Dass die Auswahl einseitig ist, versucht der Band „Pandemische Zeiten“ nicht nur aufzuzeigen, sondern ein Stück weit zu berichtigen. Indem sie den überhörten Stimmen ein Forum geben.

Während der Reader „Pandemische Zeiten“ versucht aufzuzeigen, in wessen Interesse Entscheidungen während der Krise getroffen wurden und werden, und wessen Bedürfnisse nachrangig sind, beschäftigt sich der Zukunftsforscher Horx eher mit inneren Prozessen derer, die sich eine derartige Innenschau erlauben können. Ein wenig überspitzt könnte man sagen, einmal geht es um die Entlarvung des Systems, das andere Mal um dessen Erhalt.

Die Autor*innen von Pandemische Zeiten machen sich weniger auf die Suche nach Alternativen zu einem System , das bereits lange vor der pandemiebedingten Krise am Ende war, als vielmehr aufzuzeigen, wie dieses System funktioniert, wie es seine massiven lange bekannten Missstände in der Krise noch einmal sehr deutlich zeigt.

Das fängt damit an, dass Warnungen des Robert Koch Instituts vor zwei Jahren nicht ausreichend ernst genommen wurden, so dass infolgedessen, die Entwicklung eines probaten Impfstoffes, sowie ausreichender Mengen von Schutzkleidung nicht gewährleistet waren.

Die sehr unterschiedliche Durchsetzung der Schutzmaßnahmen in Verwaltung oder Produktion unterliegt derselben Logik. Einer Logik, die sich offenbart, sobald man die Frage stellt, wem die Verordnungen eigentlich nützen. Denn weder Grundlagenforschung noch Vorratshaltung sind dazu angetan, kurzfristige Gewinne zu erzielen.

Viele der systemimmanenten Benachteiligungen, die sich weiterhin im Verborgenen abspielen, werden offen gelegt. Dass Frauen wieder einmal zu den Verlierern gehören, weil sie überproportional in schlecht bezahlten Berufen arbeiten, ohnehin den größten Teil der Care Arbeit übernehmen und in der Folge der Quarantäne zusätzliche der Gefahr häuslicher Gewalt ausgesetzt gewesen sind zum Beispiel. Fast unbemerkt vollziehen sich weitere gravierende Verschlechterungen, von der Erschwerung von Schwangerschaftsabbrüchen bis zur Problematik für Prostituierte, die durch das Berufsverbot in eine aussichtslose Lage geraten.

In all den Texten summieren sich die Indikatoren dafür, dass die Maßnahmen unter der Vorgabe, Menschen zu schützen, letztendlich in erster Linie darauf abzielen, das System des Kapitalismus zu schützen und zu stützen. In Bildung und Ausbildung, Betreuung und Wohnsituation, in allen Bereichen zeigt sich, dass die Schutzmaßnahmen, insbesondere während des Shutdowns, Klassenfragen sind.

Betont wird zudem die Rolle der Gewerkschaften, die sich besser vernetzen müssten, um sich wirklich für die Interessen der Arbeitnehmer*innen einzusetzen, statt angesichts vorgeblicher Sachzwänge einzubrechen. Die Mehrzahl der Autor*innen in pandemische Zeiten plädiert für ein Mitspracherecht der Beschäftigten, um wirkliche Alternativen zu entwickeln.1 Vorgehensweisen, die das Gegenteil der menschenverachtenden Praktiken bei Amazon wären, deren Schilderung ebenfalls ein Kapitel gewidmet ist.

Der abschließende Ausblick auf französische, britische, irische und nordamerikanische Verhältnisse, sowie auf die Situation in Afrika, Sri Lanka, Indien und Japan, führt zu der wenig überraschenden, aber stellenweise in ihren Ausmaßen erschütternden, Bilanz, dass überall humanitäre Bedürfnisse den kapitalistischen Interessen unterliegen.

Auch Hora bemerkt, dass die Krise offenbart, wie Wachstum und Berechenbarkeit, die Versprechen, die für den modernen Menschen längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind, sich als unhaltbare Zusicherungen entpuppen. Mit den Schlüssen, die er aus dieser Erkenntnis zieht, bleibt er jedoch in der Mitte wohlhabender Industrienationen, in denen die Menschen sich um ihre innere Entwicklung kümmern können, um einen inneren Sinn fernab von Wachstum und Konsum zu finden. Ein sanfter Wandel, der das System nicht gefährdet.

Die stille und scheinbar zwangsläufige Rückkehr zu alten Rollenmustern, die massive Ausbeutung von „Fremdarbeitern“, Menschen in Produktion, Pflege und Vertrieb, all das findet sich bei Horx höchstens in einem Nebensatz. Verliebt in seine Erfindung der „Regnose“, einer Technik, bei der der Einzelne Kraft aus einer „Verbündung […] mit einem neuen [natürlich besseren] Zukunfts-Ich“ bezieht, geraten ihm gesamtgesellschaftliche Bedingungen aus dem Blick. Indem er das Narrativ der verantwortungsbewussten Konsument*innen bedient, um von den echten, tieferliegenden2 Problemen abzulenken, erklärt er sich implizit einverstanden mit den Zuständen wie sie sind. Horx Text „Die Zukunft nach Corona“ , der im Netz rasend schnelle Verbreitung fand, traf offenbar den Nerv der Zeit. Es ist eben bequemer, sich trösten zu lassen, als aufzustehen, um für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

„Die Notwendigkeit, unsere Bedürfnisse durch Lohnarbeit und Konsum zu decken, wird nicht mehr infrage gestellt“, schreibt Luise Meier. Während die Autor*innen des Manifest Verlages diese Notwendigkeit bewusst machen, erträumt sich Horx eine friedliche und verantwortungsbewusste Zukunft der weißen Mittelschicht auf dem Markusplatz in Venedig und im Weltraum.

 

***
Mit dabei sind unter anderem: Angelika Teweleit (Sprecherin VKG – Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften*), Dorit Hollasky (ver.di-Betriebsgruppensprecherin am städtischen Klinikum Dresden*), Julian Koll (ver.di-Vertrauensmann und Erzieher in Dortmund*), Marius Sackers und Jens Jaschik (Linksjugend [’solid] – NRW*), Martin Löber (ver.di-Betriebsrat in einem Bäderbetrieb*), Ursel Beck (Mieten-Aktivistin Stuttgart), Leila Messaoudi (Stadträtin in Le Petit-Quevilly, Frankreich), Hannah Sell (Generalsekretärin der Socialist Party England & Wales), Siritunga Jayasuriya (United Socialist Party Sri Lanka), Claire Bayler & Jacob Bilsky (Independent Socialist Group USA), Carl Simmonds (CWI Japan), Andreas Pittler (Autor aus Österreich), Inge Höger (Landesvorsitzende DIE LINKE. NRW*), Christian Krähling (Gewerkschaft er Amazon Bad Hersfeld), Christa Hourani (Sprecherin VKG*), Winfried Wolf (Chefredakteur LunaPark21), Danny Albrecht (ver.di-Vertrauensmann real Wildau*), Ferat Kocak (Linkskanax), Margit Glasow (Inklusionsbeauft ragte der Partei DIE LINKE*), Huschke Mau (Netzwerk Ella), Michael Bonvalot (Journalist aus Österreich)

  • 1. Es gibt einige Beispiele, die zeigen, dass häufig die Beschäftigten selbst, die besten Ideen zur Bewältigung der Krise haben. „Das gibt eine Idee davon, was möglich wäre, wenn von den Beschäftigten und der arbeitenden Bevölkerung insgesamt demokratisch diskutiert und entschieden würde, was produziert wird, in welchem Umfang und wie. Dann wäre das Maßgebliche die Deckung der Bedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung sowie der Erhalt der Umwelt. Es wäre möglich, Konzepte zu entwickeln, wie die Produktion sinnvoll umgestellt werden kann, von der Autoindustrie bis zur Rüstungsindustrie, ohne dass eine einzige Kollegin oder Kollege ihr oder sein Einkommen verlieren müsste...“ Pandemische Zeiten, Angelika Teweleit, S. 152
  • 2. Luise Meier schreibt dazu in MRX Maschine: „Das Problem der Kinderarbeit wird nicht gelöst, wenn die verantwortungsbewusste Konsumentin keine Nike-Schuhe trägt, wenn einzelne Fabriken keine Kinder mehr anstellen, sondern wenn Kinder keine Arbeit mehr brauchen, um zu überleben.“ Dass die Entwicklung gerade in die entgegengesetzte Richtung geht muss hier u.U. erwähnt werden, weil die mit sich selbst beschäftigten Industrienationen sich damit gerade weniger denn je beschäftigen wollen.
SASCHA STANIČIĆ (Hg.) · RENÉ ARNSBURG (Hg.)
PANDEMISCHE ZEITEN / CORONA, KAPITALISMUS, KRISE UND WAS WIR DAGEGEN TUN KÖNNEN
Manifest Verlag
2020 · 14,90 Euro
Matthias Horx
Die Zukunft nach Corona / Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert
Ullstein
2020 · 144 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
9783430210423

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