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Kritik

Bloß keine Wurzeln schlagen

Hamburg

Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich, glaubt man dem vielzitierten ersten Satz aus Tolstois Anna Karenina. Demzufolge müsste das im Laufe von vier Generationen angesammelte Leid der Familie Tschepanow ein gewaltiges Potenzial haben, Originalität hervorzubringen. Doch für Sasha Marianna Salzmann ist das Außer-sich-Sein ihrer Figuren kein Mittel zum Zweck, so viel steht gleich zu Beginn ihres außerordentlichen Debütromans fest. In dessen Zentrum stehen die Zwillinge Anton und Alissa, die mit ihrer Familie und 12 Koffern die 36-stündige Zugfahrt von Moskau nach Berlin antreten, wie so viele andere jüdische Kontingentflüchtlinge, die in den Neunzigern Russland in Richtung Deutschland verlassen.

Alissas erstes deutsches Wort ist „Entschuldigung“: Kaum etwas könnte symbolischer sein für ihre Anfangsjahre in einem westdeutschen Asylbewerberheim, in denen die Kinder nicht so sehr die Angst umtreibt, anderen auf die Füße zu treten, sondern die berechtigte Sorge vor Angriffen auf ihre Identität, ihre bloße Existenz. Anton und Alissa bilden ein Zwei-Personen-Bollwerk gegen die Mitschüler, die mit ihren Körpern „Völkerball“ spielen, und gegen die Verwandten, die das Crossdressing der Kinder müde belächeln. Die Mutter

„hatte wenig Vertrauen, dass ihre Kinder beweglich genug waren, um die Sowjetunion mit ihren ungerechten Naturgesetzen zu besiegen, dafür waren sie zu still, zu selbstbezogen, klammerten sich aneinander, krabbelten umeinander herum, als gäbe es keine Welt da draußen.“

Jahre später, aus Alissa ist in der Zwischenzeit ein Ali geworden, verschwindet Anton plötzlich von der Bildfläche. Da hat Ali längst die beschauliche Provinz gegen das pulsierende Hauptstadtleben eingetauscht. Mit nichts als einer unbeschriebenen Postkarte aus Istanbul als Anhaltspunkt macht er sich auf eine fieberhafte Suche nach seinem Bruder. Es ist der Vorabend des Putsches, Selbstmordenattentate erschüttern die türkischen Großstädte. Diesmal sind es nicht die Verschiebungen der tektonischen Platten, die den Menschen den Boden unter den Füßen wegziehen, sondern die Regierung, die gewaltsam gegen Demonstranten und Andersdenkende vorgeht. Alis Anker sind Cemal, der Onkel ihres ehemaligen Mitbewohners, und die Istanbuler queere Szene, genauer: ihre Beziehung mit dem Transmann Katho.

Salzmanns Istanbul ist voller schillernder Gestalten, allen voran die fast mythenhafte Aglaja mit ihren kurzen roten Haaren und den Beinen, die in ihren Schuhen „wie zu einem Meerjungfrauenschwanz zusammenflossen.“ Selbst in den heruntergekommenen Winkeln einer Stadt noch Schönheit zu finden, das kann eigentlich nur jemand, der sie gut kennt und liebt. Jedenfalls wird die Autorin aus ihren eigenen Erfahrungen geschöpft haben: 2012/13 begann sie vor Ort den Roman zu schreiben, als Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya.

Während der vergeblichen und rastlosen Suche nach Anton beginnt Ali zu erzählen, wie ihre Eltern, Groß- und Urgroßeltern gelebt und überlebt, geliebt und ausgeharrt haben, sie erzählt es ihrem Freund Katho, vor allem aber sich selbst. Als könne es Licht bringen in das Rätsel der eigenen Identität, wenn man sich die Leben derer vergegenwärtigt, denen man genetisch verbunden ist. Da gibt es Vorbilder wie die Großmutter Etinka, die Leiterin eines Sanatoriums für tuberkulosekranke Kinder war. „Ihre vielgelobten goldenen Sozialistenhände“ retteten zahlreiche Leben. Frauen aller Generationen bekamen aber auch am eigenen Leib die „alte russische Weisheit“ zu spüren: „Wenn er schlägt, dann liebt er.“ Salzmann rechnet brutal mit dem Ideal der russischen Seele ab.

Im Gegensatz zu ihren Vorfahren scheinen Anton und Ali mehr Glück zu haben bei ihrer Suche nach Verbündeten, nach Leuten, die verstehen. „Das findet man ja selten in der Blutsverwandtschaft“, erzählt Salzmann in einem ihrer Videos auf der Suhrkamp-Website lachend.

 

 

Das Visuelle und die Körperlichkeit des Theaters bringt Salzmann, deren Stücke mehrfach ausgezeichnet wurden, auch in ihre Prosa ein. Getreu der Maxime, dass körperliche Interaktion oft mehr über zwischenmenschliche Beziehungen aussagt als bloße Worte, lässt sie Anton und Ali miteinander raufen und sich ineinander verhaken; Gefühle spiegeln sich im wächsernen Gesicht der Mutter, in den violetten Augen des Großvaters.

Zweifellos versteht die 32-jährige aber auch etwas von der Innerlichkeit der Prosa. Ihre Lust am Erzählen ist spürbar, ihre Bildsprache selbstsicher, nie ungelenk. Was sie noch mehr von anderen Autoren abhebt, ist ihre Art und Weise, innere Zustände und äußere Umstände frontal aufeinander prallen zu lassen. Sätze wie „Sie sah sein Herz rasen und brechen“ könnten Frau Salzmann als Dichterin im Herzen ausweisen. Doch ihr ist nichts zu profan, selbst das Zwischen-den-Zeilen entromantisiert sie. So wird dem Großvater Schura „schlecht und schwindelig von dem Geruch dieser Frau“, die später die seine wird.

Unweigerlich denkt man da an diese merkwürdige Szene, in der Ali nach einem Satz auf einer Istanbuler Hauswand den Arm ausstreckt. Das möchte auch der Leser, wenn er Salzmanns Prosa zum ersten Mal liest: die Arme nach ihren Sätzen ausstrecken, sie für einen Augenblick festhalten, um das Wunderliche und Wundervolle an ihnen zu begreifen. Weil Salzmann etwas Neues zu sagen hat über kulturelle und geschlechtliche Identität, Familie, Migration, Heimat, und weil dieses Neue nie leicht konsumierbar und schon gar nicht auf andere Migrantenbiographien übertragbar ist. Sie sagt es in einer kristallklaren Sprache, die russische, türkische und jiddische Wörter erfreulicherweise nicht wie Fremdkörper wirken lässt, sondern wie organische Bestandteile des Deutschen. Weil sie der sogenannten Betroffenheitsliteratur den metaphorischen Mittelfinger zeigt, indem sie mit schwindelerregendem Tempo Protagonisten, Erzähler, Schauplätze und Zeiträume wechseln lässt. Das wirkt erst da ein wenig verheddert, wo Erzählstimmen und Identitäten austauschbar und nicht mehr klar identifizierbar werden.

Das Programm des Studio Я, das Salzmann seit der Spielzeit 2013/14 künstlerisch leitet, erweist ein guter Indikator dafür, worauf man sich bei ihrem Roman einzulassen hat. Die Spielstätte im Maxim Gorki Theater versteht sich nämlich als postnationales und queeres „Kunstasyl für marginalisierte Themen und Denkweisen, Plattform für Diskussionen und Schaffensprozesse“. Diesen Monat feiert dort etwa Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet Premiere, ein „jüdisch-queeres Rachemusical“. Was das mit Außer sich zu tun hat? Einiges, denn die Zwillinge sind als Asylbewerber, Russen, Juden und Queers Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt, während der Vater Opfer von Kindesmissbrauch war, und mehrere Frauen der Familie von ihren Männern vergewaltigt und geschlagen, nicht wenige Vorfahren als jüdische Intellektuelle unterdrückt wurden. Wenn Anton im selben Atemzug als „Judensau“ und „Schwuchtel“ beleidigt wird, ist auch das kein Zufall: Das Zusammenspiel dieser beiden Pejorativa hat eine traurige Tradition.

Wenn der Debütroman der Dramatikerin jetzt ein heißer Anwärter auf den Deutschen Buchpreis ist, hat das seine Gründe. Salzmanns Stimme braucht die deutsche Gegenwartsliteratur allein deshalb so dringend, weil sie das, was gemeinhin als Migrantenliteratur gilt, weit hinter sich lässt. Und weil sie Queerness und Postgender einen Anstrich von Normalität gibt, obwohl es den im wirklichen Leben noch nicht wirklich hat. Ihre Erzähler sind mit ihrer Coolness und Abgeklärtheit keine wirklichen Sympathieträger; bisweilen gefallen sie sich zu sehr in ihrer Rolle als moderne Stadtnomaden. Auch die Magie ihrer atemlosen Sätze, in denen kein Wort zu viel ist, hat sich am Ende ein wenig abgenutzt. Wer Ausser sich liest, will aber nach wie vor die Arme nach ihnen ausstrecken. Fesselnd erzählt Salzmann ein Stück russisch-jüdische Mikrogeschichte, die sie mit einem unglaublichen Gefühl für die Bodenlosigkeit und die Doppelbödigkeit der deutschen Sprache in Szene setzt.

Sasha Marianna Salzmann liest aus ihrem Roman

 

 

 

Sasha Marianna Salzmann
Ausser sich
Suhrkamp
2017 · 360 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42762-0

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