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Kritik

„meine kleine sammlung blackboxen“

Saskia Warzechas Approximanten
Hamburg

Beim Lesen von Saskia Warzechas Approximanten verfällt man auf ein eigenartiges Spiel. Die titellosen, etwa halbseitenlangen Texte dieses schmalen Debütbandes lassen eine klare Einordnung als Lyrik oder Prosa nicht zu. Irgendwann beginnt man damit, sich an bestimmte, herausragende Wörter zu klammern, um sich einen Weg durch die vielen Brüche, fachsprachlichen Ausdrücke, Dialogfetzen oder Kontextverschiebungen zu ebnen, der ein Grundverstehen ermöglicht. Schlägt man dann im Inhaltsverzeichnis am Ende des Buches nach, so wird man nicht selten genau diese Wörter als Titel angezeigt finden: „stieftraum“ und „verbleibeplatz“, „lormen“, „lichtausbeute“ und „trostfalte“; Begriffe, die wundersam erfunden wirken oder das Ungefähre bedeuten: „umrisse“, „verschwommenheitsgrade“ – Approximanten, Annäherungen.

„näher ich mich meinen gegenständen unruhig an, brauch: solche, die sich biegen, nie zur neige gehen.“ In diesem wie sinnend vor sich hingesprochenen Beginn wird der eigene sprachliche Experimentierraum in dem Maße ausgelotet, ___STEADY_PAYWALL___ wie er die geschlossene Welt eines „schlafenden logiker[s]“ auf Abstand hält: „was machte, dass ich … nicht sah, was er sah, als er schlief? und sein stieftraum doch ganz meiner war, als wir erwachten?“ Es besteht, so suggeriert diese erste Textpassage der Approximanten, keine direkte Verwandtschaft zwischen lyrischem Ich und einer in die Traumsphäre verschobenen Logik – sondern eine approximative? Um ein Beispiel zu geben:

mathematisch haut abziehen. approximantisch zu: was? wir sind ja jetzt gerade alle da, irr. alle, sie zucken heimlich, wenn niemand mehr guckt, guck. fordere einen inselstaat oder: fertige den inselstaat – aus allem außer wasser.

Approximation ist als Ausdruck aus der Mathematik in die gebildete Sprache eingesickert. Bei Saskia Warzecha, wie in diesem Zitat aus dem Text „verstärker“, scheint damit der Übersprung von Konzepten, die Brechung von grammatischen Strukturen, die Eigenmacht von Klängen („zucken“, „guckt, guck“) oder schlicht das Fabulieren gemeint zu sein. Wie lässt sich etwa „mathematisch“ die Haut abziehen? Und wie ist der „irre“, von absurdem Humor getragene Befehl zu verstehen, man solle „einen inselstaat“ fordern oder gar fertigen? Die Instabilität des Textes wird durch beschwörende Wiederholungen bestimmter Grundideen zu einer Art Stabilität. Unschärfe als künstlerisches Konzept: „was ich weiß: am abend klingt der abend ab.“

Wer nach der Verwendung des Wortes „Approximanten“ forscht, wird sie als Bezeichnung der Phonetik für bestimmte Laute wiederfinden. „ihr, meine brüchigen hunde, schleicht nachts wieder umher, um uns nochmal porös zu machen“, heißt es im Text „lormen“. Sind da möglicherweise die mit den Handflächen ‚gesprochenen‘ Lormen der Taubblinden per Vokalverschiebung von den Händen auf die „hunde“ übergesprungen? „j: zwei punkte auf der mittelfingerspitze“ – „j“ ist ein Approximant aus dem Linguistiklehrbuch: „in der zärtlichkeit liegt die geste (nicht umgekehrt).“ Eine Sprache der Berührung also? Ein Näherungslaut, der nicht gehört, nicht gesehen, nur gespürt werden kann: „lärm hält mich ab.“ Warum bellen die „hunde“-Hände nicht?

Man muss dieser Prosalyrik Raum lassen, die Text haben einen eigenen Flow. Approximanten ist kein Buch für Leser, die in unserer Welt von „kommastellen, nachkommastellen“ und „auffächerungen in fraktale“ nach Antworten suchen. Dennoch finden sich bei Warzecha Aussagen, die, wie etwa in „sandbeispiele“, einen allgemeinen Anspruch formulieren: „ich spreche oft, nicht immer, über alles. aber wenn’s doch schwarze quadrate sind?“ Dann ist „alles“ Kunst, ließe sich antworten. Jedem der drei Kapitel des Buches folgt ein „Intersect“ genannter Zwischentext, der die zuvor gesponnenen Fäden ‚abschneidet‘:

dieser inflationäre gebrauch von genauigkeit scheut auch den negativen zusammenhang nicht, trotzt. wer bestimmt das maß für die feinheit von fäden? lass uns nach paris, sagst du, da liegt ein meter.

Genauigkeit als Wunsch und Gemeinplatz, exactitude als Krankheit der Zeit? Der Urmeter jedenfalls liegt, suggeriert „Intersect I“, abseits, in einem Pariser Museum.

„aber was ist ein debüt?“, fragt, ein wenig zwinkeräugig, der letzte Text des Buches. „hallo, ich lebe hier zum ersten mal.“ Hier, also im Text. Daraus spricht der Wille zur Ungenauigkeit, zu den Näherungen als allgemeinem und poetischem Prinzip. „meine kleine sammlung blackboxen, ich verstecke sie gewissenhaft.“ Es ist den Lesern der Approximanten zu wünschen, dass sie Saskia Warzechas ‚Flugschreiber‘ bergen, auswerten und ihnen einen kleinen, feinen Platz auf ihrem Regal einräumen.

Saskia Warzecha
Approximanten
Matthes & Seitz
2020 · 64 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-915-7

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