Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Erzählschatz unter der Tarnkappe, gehoben: Weltkulturerbe georgisches Nationalepos.

Hamburg

Zur gleichen Zeit aufgeschrieben wie das Nibelungenlied und „Parzival”, erweist sich das Nationalepos der Georgier eher als Gesinnungsgenosse der hundert Jahre später verfassten „Göttlichen Komödie”: Der „Mann im Pardelfell”, so der Titel seiner hier besprochenen Nacherzählung des Renaissance-Ritterepos aus Feder des georgischen Staatsmannes Schota Rustaweli, ist ein im Geist des Neuplatonismus gehaltenes gereimtes Erzählgebilde im Stil der persischen Dichtung, das mehr mit den „Märchen aus 1001 Nacht” gemeinsam hat als Wolframs Entwicklungsroman vom grimmigen Waldbauernbuben auf dem Weg zum Artusritter.

Die drei jungen Ritter, deren Abenteuer im „Mann/Helden/Recken/Ritter im Panther/Tiger/Pardelfell” verquickt sind, bereits vollendete Prinzenanwärter, die sich zu ihren königlichen Ziehschwestern hingezogen fühlen, den Thronfolgerinnen. Es geht um Awtandil, der auszieht, für die Königstochter Tinatin zu kämpfen, und Tariel, auf dessen Spur er sich dafür um die halbe Welt begibt. Awtandil und Tinatin sind Araber/in, Tariel und die von ihm geminnte Nestan Daredschan Inder/in. Der Dritte im Bunde ist Pridon, der ebenso vermittelt wie Padme, Gattin eines Kaufmanns, aber so unabhängig und erfolgreich wie die Königinnen der großen Reiche.

Mit den drei Frauengestalten huldigte der Dichter seiner eigenen Königin, Tamar von Georgien. Für sie wurde das Epos anfangs des 12. Jahrhunderts verfasst, im von Georgiern hundert Jahre zuvor gegründeten Kreuzkloster in Jerusalem. Das war eine Stätte der Gelehrsamkeit, in der die gelehrten Bücher des Orients mit denen der christlichen Schriften abgeglichen und von einer in die anderen Sprachen übertragen wurden. Während von europäischer Seite das Himmelfahrtskommando der Kreuzzüge heranstürmte, hat sich die byzantinische Ostkirche daran gemacht, das Christentum der Barbaren dem verfeinerten Geschmack des Orients anzugleichen. Renaissance nennt man im Westen die geistige Wiedergeburt mitsamt antiker Schriften. Im äußersten Südosten Europas erlangte man Humanismus darüber hinaus durch Aneignung der Errungenschaften islamisierter Kulturen: Lernen vom religiösen Feind.

Der „Der Recke im Tigerfell” hat indes überhaupt nichts von einem Werk des christlichen Mittelalters. Bis auf eine Gottesanrufung in der Einleitung wird mit keinem Wort etwas erwähnt, das sich mit einer Religion in Zusammenhang bringen ließe. Keiner betritt ein Gotteshaus oder fragt einen fremden Ritter nach seinem Glaubensbekenntnis. Dennoch agieren die Handlungsträger edler und menschlicher als sämtliche „Helden” europäischer Artussagen.

In den tausend Jahren, die es den Georgiern seit ihrem Goldenen Zeitalter unter Tamar nun schon als Nationalepos dient, erlitt der romantisch-weltliche Abgesang auf Rittertugend und Freundschaftsideal daher immer wieder Phasen der Verfolgung, Verbannung und Verbrennung (bzw. Rituale öffentlicher Versenkungen in der Mtkwari/Kura, dem Fluss, der vom Aserbaidschanischen Gandscha durch Tbilissi Richtung Schwarzmeer fließt).

Vielmehr lässt sich das Werk als philosophische Betrachtung lesen. Das Ideal des Friedens steht über der Landes-, die Minne über der Tagespolitik. Im Kampf um die Angebetete, bei dem sich die drei Ritter über Distanzen und ihre jeweiligen Gesellschaften hinwegsetzen, zeigt sich der moralische Wertmaßstab Georgiens zur Zeit Tamars. Die Stellung der Frau im Goldenen Zeitalter entspricht der, die seit den Etruskerinnen und Ravennerinnen in Europa erst wieder durch Queen Victoria, Maggie Thatcher und Angela Merkel erreicht wurde.

Noch heute bekommen Georgierinnen nicht etwa Wäsche und Hausrat zur Mitgift, sondern ein Schachbrett und neben der Bibel eine Ausgabe des „Recken im Tigerfell”. Das erste 1712 in Georgien gedruckte Buch war eben dieses Hausbuch vom „Recken im Tigerfell”. Bis zur Wende wurde es auch ausführlich in der Schule behandelt. Nicht nur gebildete Leute können Passagen des Epos auswendig.

Denn neben romantischen Abenteuern in den exotischen Ländern Arabien und Indien gibt es im Nationalepos einen Schatz aus Lebensweisheiten in vollendeter Sprache zu lernen. Dem heutigen Georgisch liegt das mittelalterliche viel näher als etwa das Mittelhochdeutsch der Stauferzeit dem heutigen Neuhochdeutschen.

Es ist eine gute Lösung, dass Tim Spreckelsens Nacherzählung in der Handschrift der Illustratorin Kat Menschik eine kleine Auswahl dieser geflügelten Strophen enthält. Mein Lieblingsaphorismus zur Freigiebigkeit – in eigener Übersetzung:

„Was man teilt, wird eigen; was man behält, geht verloren”.

Kenner der alten Literaturen pflegen zu staunen, wenn sie auf den Gedichtroman über den rätselhaften Ritter im Raubtierfell stoßen. Kaum jemand versteht – geschweige denn liest – die Muttersprache der viereinhalb Millionen Georgier, Kartvelisch. Sie wird in einer einzigartigen Schrift festgehalten und ist dem Sprachcharakter nach agglutinierend. Im Gegensatz zu den russischen, armenischen, kurdischen und persischen Nachbarn sprechen die Georgier keine indoeuropäische Sprache. Hinzu kommt, dass der Kaukasus in Antike und Mittelalter das Gebirge war, an dessen Südflanke aller Landweg zwischen Europa und Asien erfolgte. Wegen des Stimmengewirrs in den Karawansereien nannte man ihn den „Berg der tausend Sprachen”.  Im Kanon der Weltliteratur jedoch liegt über dem offenherzigen Beitrag Georgiens durch die eigene Sprache eine Tarnkappe.

Verfasser des Werks war der gelehrte Philosoph und Dichter Schota aus/von Rustawi, im Goldenen Zeitalter Georgiens königlicher Schatzmeister, d.h. Finanzminister. Das Land regierte in seiner Blütezeit Tamar, die die Königswürde von ihrem Vater erhalten hatte. In dem zu ihren Ehren und in ihrem Auftrag verfassten Ritterepos erklärt das der Rustawer mit einem geflügelten Wort:

„Eines Löwen Kind bleibt, Sohn oder Tochter, sein Junges.”

Schota dürfte seine Ausbildung unter dem Philosophen Ioane Petritsi an der neuplatonischen Akademie von Ikalto erhalten haben. Nach seiner Karriere am Hof zog er sich ins Heilige Land zurück, woraus das Christentum bereits sehr früh – 337 zur Staatsreligion erhoben – mit jüdischen Händlern an den Kaukasus gelangt war. Ein Fresko im Kreuzkloster in Jerusalem zeigt den Rustawer als Stifter von vier Säulen.

Der im christlichen Kloster entstandene Roman atmet mehr weltliche Renaissance als Mittelalter. Er zeigt die lebhafte Auseinandersetzung mit der antiken griechischen Philosophie neben dem Einfluss persisch-islamischer Kultur. Vorbilder waren das längste Epos, das „Königsbuch”/„Schah-Nameh” des Firdauzi sowie die Liebesgeschichte von „Leila und Madschnun” des Nizami, der aus dem an Georgien grenzenden Gandscha (heute Aserbaidschan) stammte und den Persern als Liebesdichter schlechthin gilt. Das von Schota verwendete Versschema für die 1600 Vierzeiler des „Recken im Tigerfell” ist der endgereimte iranische Schairi:

 xxxxxxxx|xxxxxxxx a
 xxxxxxxx|xxxxxxxx a
 xxxxxxxx|xxxxxxxx a
 xxxxxxxx|xxxxxxxx a

Kaum ein Nachdichter war gewitzt genug, diese Form im reimarmen Deutschen nachzubilden.

Dabei lohnt die Übersetzungsgeschichte durchaus eine Betrachtung: An ihr lässt sich lernen, wie es einer Nation, eingekeilt zwischen den großen globalen Interessenssphären, ergeht; vor allem wenn sie, wie die Georgier, nicht nur kulturell am Rand angesiedelt ist, sondern auch noch sprachlich nirgends dazugehört: Sie bleibt der Kenntnisnahme der Zentren entzogen.

Die Ersten, die versucht haben, das „Wepchischaosani”, d.h. den „Raubtierfellangetanen”, ins Deutsche zu bringen, waren 1886 die spätere Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner und ihr Mann. Die beiden lebten ihre nicht standesgemäße Ehe sieben Jahre in Georgien, wo man ihnen die bemerkenswerte Großdichtung nahe gebracht hat. Leider ist ihr Versuch verschollen. Damals erschienen deutschsprachige Blätter in Tbilissi, für die von Suttner schrieb, doch die Übersetzungsarbeit erwähnten die Suttners nur in Briefen.

Arthur Leist und Hugo Huppert benutzten 1889 bzw. 1955 russische Nachdichtungen für ihre Übersetzungen. Der interessanteste Versuch ist der von Marie von Prittwitz, einer baltorussischen Privatgelehrten, die während der Revolution nach Ufa verfrachtet worden war, weil ihr Mann und ihre Söhne als Weißgardisten kämpften. Sie hat nie erfahren, dass ihnen die Flucht nach Europa geglückt war, sondern ihren dritten Sohn mit Privatstunden über die Hungerjahre gebracht. Während ihrer prekären Existenz als Verfemte in der abgelegenen Provinz hielt sich von Prittwitz mithilfe georgischer Leidensgenossinnen an die Nachdichtung, um geistig Haltung und Freude zu bewahren. Ihr als Einziger ist es gelungen, den Schairi ins Deutsche zu bringen. Leider hat der in Ostdeutschland sehr erfolgreiche Russisch-Übersetzer Hugo Huppert die Veröffentlichung von Prittwitz' Nachdichtung unterbunden, weil er selbst eine gereimte Version erstellt hat. So tauchte erst lange nach ihrer vereitelten Publikation Prittwitz' „Held im Pantherfell” als zerknautschtes Manuskript in einer Aktentasche auf und wurde erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt.

Nicht zu vergessen ist die sehr lesenswerte, weil genaue, Prosafassung von Ruth Neukomm 1974, einer Schweizerin, die mit dem Verfasser des ersten und lange Zeit einzigen Georgisch-Deutsch-Wörterbuchs, Kita Tschenkeli, befreundet war. Die gut lesbare Neukomm-Interlineare diente Spreckelsen als Grundlage für die neueste Kurzfassung. 1975 erstellten noch der Georgier Micheil Tsereteli und 1976 Hermann Buddensieg deutsche Fassungen.

Tilman Spreckelsen, Literatur­redakteur der FAZ, hat Erfahrung als Epen-Kompilator. Mit seiner Zusammenfassung des „Helden im Pardelfell” gibt er dem deutschsprachigen Leser einen Vorgeschmack auf den Reichtum der georgischen Literatur, wie er im Nachwort begründet. Die originalen Illustrationen nachgeschöpfte Bebilderung im Neo-Jugendstil von Kat Menschik tut das Ihre, dass Schotas humanistisches Ritterepos geradezu wie eine Graphic Novel wirkt und leicht, aber nicht verflacht, zu lesen ist.

Schota Rustaweli · Tilmann Spreckelsen · Kat Menschik
Der Held im Pardelfell / Eine georgische Sage von Schota Rustaweli
Galiani Verlag
2018 · 208 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-86971-174-4

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge