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Mosaik Literaturzeitschrift
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Kritik

Fort -> Schreiben

Das Schweizerisches Literaturinstitut in Biel gibt sich die Ehre eines Jubiläumsbuchs.
Hamburg

Zuerst googeln wir panisch – ist doch, was uns vorliegt, ein leicht über-designtes Taschenbuch namens "Fort>Schreiben" / "Ecrire>Encore", herausgegeben vom Schweizerischen Literaturinstitut Biel, sodass wir befürchten, die Gründung einer weiteren Institutszeitschrift um vielleicht sogar Jahre verschlafen zu haben … Aber nein, alles ok, nichts dergleichen. Was wir da stattdessen aufschlagen, ist ein Einzelband zum zehnjährigen Institutsjubiläum. Vorn und als Hauptattraktion ein einziger, grob 130 Seiten lang "fort>geschriebener" Kollektivtext, zweisprachig nicht im Sinne von Übersetzung, sondern im Sinne eines Springens zwischen Abschnitten auf Deutsch und auf Französisch; dann je zirka dreissig Seiten Korrespondenzen in jeder der beiden Institutssprachen, betreffend die Arbeitsbiographien und Lebenswelten einiger Alumni, schließlich (und noch vor einem umfangreichen Nachwort nebst Angabenapparat) ein Essay über "Das Schweizerische Literaturinstitut aus der Perspektive seiner Absolvent/innen" von Annika Hossain. Letzterer Beitrag fällt auch deswegen besonders auf, weil er das augenscheinlich einzige Stück Text darstellt, das tatsächlich in beiden Sprachen vorliegt.

Charmant (oder eben, s.o., leicht über-designt) dürfen wir die gewählte Gliederungsmethode finden: Keine gesonderten Zwischentitelseiten oder Inhaltsangaben, sondern nur eine kurze Übersicht in der vorderen Klappe sowie verschiedenfarbiges Papier für die vier Abschnitte. Die unterschiedlichen Arten, wie in diesen Abschnitten die Autoren ausgewiesen sind – im Kollektivtext durch Nennungen in der Fußzeile, in den Korrespondenzen durch Überschriften und Anreden, beides selbsttätig in Deckung zu bringen mit den Alumni-Listen und Biographien im Anhang – schaffen gerade so viel Übersicht, wie zum Aufrechterhalten des Leseflusses benötigt wird, und verdanken sich anscheinend sorgfältiger Abwägungen, wie man allfällige Überfrachtung tunlichst vermeide … dem reinen Genussleser mag das nützen, Rezensenten und anderen systematischen Querlesern wird dadurch das Leben aber doch ein Weniges erschwert. Trotzdem sollten wir diese Darreichungsform für unvermeidliche Rahmeninformationen im Zweifelsfall gut heißen (auch und gerade, wenn sie uns sie leicht unübersichtlich erscheinen); ebenso, wie wir die Idee zu dem Kollektivtext gegenwärtiger und ehemaligen Studierender des Instituts sowie sonst am Band Beteiligter, der einen Großteil des Buches einnimmt, ganz unabhängig von dem tatsächlichen Ergebnis begrüßen sollten, das diese Idee dann zeitigt. In beiden herausgeberischen Entscheidungen kommt nämlich eine gewisse Opposition zum derzeitigen Literaturbetrieb zum Ausdruck, eine "Eigen-Renitenz" sozusagen von Herausgeberin/Lektorin Regina Dürig gerade gegenüber der von ihr selbst mit-bewohnten, mit-betriebenen sozialen Praxis "Literaturinstitut".

Die Teilnahme an diesem Kollektivtext steigert zumindest nicht auf augenscheinliche Weise den Marktwert der Beteiligten, verankert nicht die Handelsmarken der diversen Autorenpersonae stärker beim Publikum, wird kaum eine purchase decision nach sich ziehen. – Dass die Bieler Alumni und Studis trotzdem so zahlreich und mit solcher Verve an dem Textprojekt teilgenommen haben, spricht für sie und für das Institut. (Und natürlich ist der "eine Guß", aus dem diese hundertdreissg Seiten wären, eine Fiktion, erzeugt von der Aufmachung und der schieren Behauptung des Mediums. Tatsächlich tasten wir uns durch ein Patchwork aus solchen Textbausteinen, die offenkundig schon fertig waren und bloß notdürftig dem Setting eingepasst wurden, und solchen anderen, die tatsächlich auf Aufhebung-durch-Verwirklichung des Prinzips "Unverwechselbarer individueller Tonfall von Autor XY" hin geschrieben worden zu sein scheinen, sowie drittens, klar, unsicheren Passagen. – Doch die Fiktion anzunehmen und in diesem unberechenbaren Mäandern versuchshalber den Tod des Autors durchzuspielen, ist mehr als der halbe Spaß an "Fort>Schreiben".)

Der Rest des Bandes – die Korrespondenzen und der Essay – meinen es mit dem Titel und seiner Doppeldeutigkeit zwischen den Muttersprachen ernst: Wird von den Autor_innen, die diesem Institut verbunden sind – bzw. wird überhaupt von Autor_innen angesichts des Institutssystems, das im ganzen deutschsprachigen Raum Platz zu greifen beginnt  – "fort" geschrieben werden (dh.: "anderswohin", "weg", "hinweg"), oder schreibt man "encore" (im Sinne von "weiterhin", "(immer ) noch" usw.)? Es geht um was Konkretes. Es ist mehr mitgemeint als nur das eigene Institut.

Der Brustton der konzentrierter Schlichtheit jedenfalls, der dem Essay und einigen Stücken der Korrespondenzen anhaftet, ist ebenso wie das "Kollektive" am "Kollektivtext" eine Behauptung, die suspension of disbelief abfordert, und zwar im Dienste folgender Annahme: Dass das einfach so gehen kann, die eigenen Bedingungen als Autor_in auf dem Markt, mit Biographie, Ästhetik, Netzwerkzeug, aufzu- und zu erzählen, ohne sich selbst (und den Leser_innen) dabei notwendigerweise einen gewaltigen Bären aufzubinden, also ohne den eigenen blinden Flecken aufzusitzen. Tatsächlich will ich's diesen Texten und ihren Verfassern glauben, und ich finde nichts in "Fort>Schreiben", was zwingend dagegen spricht. Das merke ich mir.

 

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Herausgeber: Schweizerisches Literaturinstitut
Konzept, Redaktion: Regina Düring
Lektorat: Regina Düring, Clara Gudehus
Support: Urs Engeler
Übersetzung: Clara Gudehus, Leïla Pellet, Christoph Roeber
Gestaltung: Affolter Savolainen

Autoren: Stefanie Blase, Donat Blum, Arthur Brügger, Romain Buffat, Cyrielle Cordt-Moller, Simon Deckert, Anja Delz, Regina Düring, Elisha Shua Dusapin, Urs Engeler, Thoma Flahaut, Simon Foehling, Benjamin Furrer, Paula Fürstenberg, Claire Genoux, Sabinge Gisin, Rebecca Gisler, Bettina Gugger, Salome Guida, José Gsell, Heinz Helle, Annika Hossain, Stefan Humbel, Silvio Huonder, Lorenz Jäger, Pablo Jakob, Elodie Jeannet, Flurin Jecker, Milena Keller, Birgit Kempker, Elias Kirsche, Jennifer König, Michael Layaz, Baba Lussi, Luise Maier, Marshall Maihofer, Lucas Maisel, Julien Maret, Patric Marino, Elodie Masin, Anaïs Meier, Daniel Mezger, Gianna Molinari, Johannes Morgenthaler, Geneva Moser, Samuel Moser, Manuel Naef, Maruan Paschen, Leïla Pellet, Werner Rohner, Erena Rossbacher, Theres Roth-Hunkeler, Antoinette Rychner, Marilou Rytz, Patrick Savolainen, Raphaël Schmid, Ruth Schweikert, Maude Sollberger, Moemi Somalvico, Michael Stauffer, Marko Stefanovic, Michelle Steinbeck, Julia Sutter, Luisa Tschannen, Silvia Tschui, Maria Ursprung, Luigi Venegoni, Sarah Vogler, Saura Vogt, Simon Von Büren, Julia Von Lucadou, Julia Weber, Sara Wegmann, Luke Wilkins, Bettina Wohlfender, Wiebke Zollmann

Schweizerisches Literaturinstitut Biel (Hg.)
FORTSCHREIBEN – ECRIRE ENCORE
Konzept, Redaktion: Regina Düring, Lektorat: Regina Düring, Clara Gudehus, Support: Urs Engeler, Übersetzung: Clara Gudehus, Leïla Pellet, Christoph Roeber, Gestaltung: Affolter Savolainen
verlag die brotsuppe
2017 · 228 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-03867-000-1

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