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Kritik

Bescheid über das Lesen von Sebastian Ungers Lyrik

mit kleinen Exkursen zum aktuellen Diskurs der Lyrikkritik
Hamburg

Wenn ich einen neuen Lyrikband vor mir habe, bin ich zunächst meistens überfordert. Es bedarf eines Iches, das diesen Band lesen kann. Und so beginnt die Suche nach Anhaltspunkten, welches Ich das sein könnte, sollte, vielleicht müsste. Die Texte fragen meine Bereitschaft zu einer Bereitschaft. Sie haben einen idealen Leser und in ihnen schlummert bereits das interessierte Publikum: es trägt Pullover oder Seide, popelt oder popelt nicht in der Nase, hat studiert oder nicht studiert oder hat weder studiert noch nicht studiert. Wer nach der Aussage eines Textes sucht, muss erstmal dessen Ansage verstehen. Ich bin im Grunde sehr variabel und kann mich angesprochen fühlen von den verschiedensten Formaten.

Ich starte durchblätternd, werde vertraut mit rein der äußerlichen Form und dem Phänotyp. Sind die Gedichte lang oder kurz, groß- oder kleingeschrieben, mit und ohne Komma, entwerfen sie Muster und hinterlassen einander in einem Bezug. Sind sie geclustert unter welchen Titeln? „In falschen Sachen“ - kann man in falschen Sachen unterwegs sein? Oh ja, natürlich. Wie oft war ich schon in falschen Sachen unterwegs, nicht falsch in der Sache, sondern ganz und gar in Spuren, die zu einem Dort führn, das ich – hinterher – so nicht wollte. Ich kenne „Zerreissproben aus Holz“, wobei mir nicht klar ist, wohin die hölzerne Eigenschaftlichkeit zielt: ist das Zerreissen deshalb von Übel, weil es um Holz geht oder steckt zu viel Lignin in meim Leben? Es gibt „Lebendeinschlüsse“ und darin die „Rede von Dingen“ und die „Skizze vom Ende“. Zyklenhaftes in „Oberlin, es geht mir gut“ mit „Differenzen“ und einer „Skizze zur Unauffindbarkeit“. Anschließend eine „Zeichenlehre“, darin „mein gut durchblutetes Schweigen“ und abschließend „Haltungen“ und „ … die Schwere / die der unverrichteten Hand ins Netz geht / die bleibt“.

Jetzt kenne ich Areale, habe erste Orientierungslinien, an denen ich lang kann: es geht nicht um Erlebnisberichte und Fotostories, sondern um ihr Dahinter bis in molekulare Strukturen hinein. Der Schauplatz dafür sind Texte meist mittlerer Länge, um die 15 Zeilen, mal mehr, mal weniger, ein gutes Maß, um nichts zu erledigen, ein wichtiges Maß um Spielraum zu haben für etwas mehr als nur reine Wortchemie. Hier gibt es Sätze und sie werden zum Vogelunfall, zum

„Intimbereich einer Idee / das Nackte, das blind an den Rändern gesagt wird / die dich betrachten“. „Und man weiß nicht, ob es kitzelt oder schrecklich ist“. „ … und in der Nacht das Fenster / das als Standbild mir ins Auge haucht: die Sterne, ja / die Sterne haben sich vollständig in Licht aufgelöst“

Wer solche Sätze schreibt, hat mich. Das liegt an mir. Ich bin dafür, dass Dinge geschehen und etwas tun und sie ein eigenes Licht haben, vor allem gewöhnliche Dinge, lapidarstes Leben, einfachstes Sein. Das kann alles schwanken, verschwimmen, verdriften, und immernoch Bedeutung fressen, grasen, vorsichhin und der Text ihm hinterher. Ich bin d'accord mit dem Fortgang, dem Bruch und der Frage, wie man was wiederfindet und warum sich verändert wiederfinden lässt, was eben noch klar war. Unger ist genau hier unterwegs, jenseits der „Verschorfung des Begriffs“, hier ist die Nüster eines Rehs „ganz ein Woher“, es riecht nach, löst sich auf in die Frage, will einen Bescheid über den hörbar herannahenden Zug. Das Reh und das Feld, auf dem es steht, sind eine Situation (vor Sonnenaufgang), die aus anderen Prinzipien heraus, als die, die wir üblicherweise und dann meist romantisch denken, Luft für ein Gedicht haben.

Und hier kommen wir zu einem Befund, den Christian Metz unlängst in seinem Aufsatz „Zum Stand der Lyrikkritik“ und in seinem Buch „Poetisch denken. Die Lyrik der Gegenwart“ herausgearbeitet hat: Über den Verstoß gegen die übliche Weise berühren wir Kategorien, die auch in Ungers Band etwas abdecken, was bei Metz im „Vokabular des Urteilens in Lyrikkritiken 2016“ als charakteristisch aufscheint – eine Abweichungs-Ästhetik, wie Metz das nennt und heißen will: etwas, das anders ist als gewöhnlich, wird empfunden als mindestens interessant und bestenfalls schön.

Metz hat Wortfelder in Lyrik-Rezensionen untersucht: „Um die Mittellage der zuvor genannten Abweichungs-Ästhetik zu goutieren, wimmelt es vielmehr in den Wertungspassagen von der Faszination (25 Mal kommt sie vor), von der Irritation (11 Mal), dem Überraschen (19 Einträge) oder dem Spannenden (12 Treffer). Hinzu kommen das Geheimnisvolle (12), Rätselhafte (12) oder Wunderbare (20).“

Es ist klar, daß mit langweiligen, monotonen, platten und wiederholt so oder ähnlich bereits goutierten Texten kein lyrischer Blumentopf zu gewinnen ist, und so ist interessant, wie die Analyse weitergeht: „Solche gemäßigte Abweichung vom Normalen, die man offenbar von guter Lyrik erwartet, soll ohne Anstrengung von sich gehen. Deshalb wird das „Leichte“, Leichthändige oder gar Leichtfüßige (24) besonders gelobt. Markenzeichen jedoch dieser qualitativen Vermessung sinnlicher Erregungs-, Reiz- und (gemäßigter) Rührung-Ästhetik ist das Erstaunliche, das mit dem Staunen oder Bestaunen insgesamt 32 Mal die Qualität der Lyrik garantiert. Wer aktuell Lyrik bewertet, vermisst sie an ihrem Staunens-Potential.“

Ich möchte einflechten: an seinem eigenen Staunen und seiner eigenen Bereitschaft und Fähigkeit zu staunen. Und die bemisst sich nach meiner Einschätzung an jener Tiefe, in der ein Leser in der Sache drin ist, drin sein kann. Man könnte von Öffnungsgrad, Vorurteilsfreiheit sprechen und bediente damit die Litanei vom Leser, der sich Mühe zu geben habe und sich Texte erarbeiten müsse. Man könnte Fachwissen ins Spiel bringen und dass LyrikerInnen sich bevorzugt gegenseitig selber besprechen (müssen), und bediente damit das Vorurteil vom Nischenklientel: wer in der Sache drin ist, kann ganz anders aus ihr heraus.

Hat mit Unger nur so viel zu tun, als daß er mich irritiert, überrascht und fasziniert, schon beim ersten Blättern und festlesen: ich merke sofort, der ist besonders.

Der Wortschatz der Uni Leipzig listet in den Dornseiff-Bedeutungsgruppen zu dem Wort „besonders“ unter Punkt 5.20 Ausnahme: Aufsehen erregend, abnorm, absonderlich, abweichend, anders, auffallend, ausgefallen, ausländisch, ausnahmsweise, außergewöhnlich, befremdend, beispiellos, besonders, bizarr, eigenartig, eigentümlich, exotisch, exzentrisch, fremdartig, grotesk, hybrid, individuell, krass, pervers, privat, rar, regelwidrig, selten, seltsam, singulär, sonderbar, spezial, speziell, unerhört, ungewohnt, ungewöhnlich, unnatürlich, unregelmäßig, unvereinbar, vereinzelt, willkürlich, wunderlich, übernatürlich, überspannt.

Eine schöne Sammlung, die passt.

Und der mich faszinierende Eindruck liegt nicht an einzelnen Worten (das auch: Friedholz, Trimmlinien, Gewürzarchiv, Neugierspachtel, Rindefinger, Zeigewut) und dem genutzten Vokabular, sondern weil Unger etwas tut, was meinem Naturell entgegenkommt: er lebt. Er ist nicht der formelle Nerd, der bastelt und auf Wortschatzebene herumwastlt und dann vorrechnet, welche ausgedachte Versuchsanleitung zu welchem Ergebnis führt, sondern jemand der ohne Not im Alltag findet, was brauchbar ist für poetische Chemie. Auch in der Bewegung des Selbst: „Schaute nicht richtig hin oder zur falschen Stelle / ein auf Tennisballgröße zurückverstülpter Sprechakt / des Frühsommers / was sonst nur Kraft wär: ein Schlussstrich / dazu Höchstgeschwindigkeit und unangeschnallt sprechen / Nachbeben sein, ohne Quelle / einfach sein, wo es sich bewegt hat“.

Unger schafft Raum und das tut gut. Was ist Raum denn anderes als die Korrespondenz der Dinge, und in diesem Buch äußerst sprachmächtig, weil es in Geschehen einlädt. „So wächst die Mandelbrotmenge  / die sich vom Herz ausbreitet ...“ - so wächst das Nichtgewollte gewollt. So zeigt sich unverschlossen, was verschlossen aussieht. Nachdem ich jetzt sage, dass ich Ungers Buch zur stärksten Lyrik der Gegenwart zähle, weil es die notwendigen Inhalte eines notwendigen lyrischen Zeitgeistes in seiner notwendig offenen Atmosphäre fast mühelos zum kochen bringt, Garzeit und Reife kenntnisreich herausreizt und feinfühlig tuned, möchte ich noch einmal an genau diesem Punkt zurück zu den Metz'schen Befunden.

Was mir an der konstatierten (und m. M. n. stimmigen) Abweichungs-Ästhetik auffällt, ist die Nichtunterscheidung zwischen Form und Inhalt. Mir persönlich ist diese unterschiedslose Betrachtung Stand heute sehr recht, weil wir genau das brauchen: Lyrik, die kraft ihrer Darstellung sowohl in Inhalt als auch in Form den Aktualitätsbezug verkörpert. Wir haben einige (nicht wenige) LyrikerInnen, die das heute leisten. Und hatten in den letzten beiden Jahrzehnten (und auch schon früher) viele, die gehofft und geglaubt haben, „neue Lyrik“ am ehesten über die Form leisten zu können. Ich würde für mich zu sagen wagen, dass Leben als Gegenstand des Gedichtes bei gleichzeitiger formaler Raffinesse nicht der schlechtere Türöffner ist. Was ich persönlich unter dem Adjektiv „faszinierend“ subsumiere, ist eine Kreativität, die nicht mir eine herzeigbare Sprachpracht andienen soll, sondern der ich mich andienen kann als Host.

Schon der alte Gottfried Benn hat 1950 in seinem „Doppelleben“ diesen Ausblick gegeben: „Nichts wird stofflich-psychologisch mehr verflochten, alles angeschlagen, nichts durchgeführt. Alles bleibt offen. Antithetik. Verharren vor dem Unvereinbaren. … Aber wenn der Mann danach ist, dann kann der erste Vers aus dem Kursbuch sein und der zweite eine Gesangbuchstrophe oder ein Mikoschwitz und das Ganze ist doch ein Gedicht.“ (unlängst zitiert bei Michael Braun in seinen „Mutmaßungen zur Lyrikkritik“ ←unbedingt lesen!)

Ganz so einfach ist es nicht (mehr), aber es ist sehr nah an dem, was heute in fortschrittlichen Kreisen „neu entdeckter“ Standard ist, aus dem Sebastian Unger aber dennoch hell hervorsticht. Seine Texte sind beieinander, ganz nah und ineinander, sie beißen sich nicht, sondern koordinieren, sind über den konfrontativen Moment hinaus in einer eigenen Welt unterwegs zu Holz zu werden, Klebekräfte zu entwickeln, belastbar und dabei biegsam zu bleiben auch nach der Entblößung der Schichten.

„Die Tiere wissen noch nicht Bescheid“ ist ein wundervolles Buch.

Sebastian Unger
Die Tiere wissen noch nicht Bescheid
Matthes & Seitz
2018 · 88 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-537-1

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