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Kritik

über Nacht windarm

Hamburg

Von den Elementen heißt Sebastian Weirauchs konsequenter Gedichtband in der Reihe Neue Lyrik, Nummer 18 (Poetenladen). Er ist in genau vier Kapitelzonen geteilt, jeweils gewidmet einem jener "klassischen" Elemente. Seine Gedichte strahlen Ruhe aus, lassen sich zudem nicht aus der Ruhe bringen. Das macht sie eigen. Sie gleichen sich, in ihrem Ich-modalen Aufbau und ihrer syntaktischen Struktur. Sie übergehen Vergleiche, springende Verknüpfungen oder Verbenzwinkern und bestehen fast ausschließlich aus gereihten Aussagen oder direkt formulierten Fragen. Obwohl sie nicht narrativ sind, wollen sie jedoch nicht unbedingt in ein lyrisches Neuland dringen, wo Sprache wild haust, sondern suchen sich ein Pfad der Vergewisserung aus "elementarem" Sprachmaterial. Ein Gedicht mag phänotypisch sein:

Kursveränderung

 

Den arktischen Turbulenzen
boten wir Windangriffsflächen

Der Himmel hing häufig
voller Schlangensterne

Die strahlten wie Leuchtbakterien
Wir sahen aus wie Fischgerippe

Konntest du meinen Kreismärchen
denn keinen Glauben schenken?

Ich bestimmte unseren Kurs
Du übtest Kartographieren

Alle Funkspruchstationen
meldeten Gezeitenwellen

Im Prinzip geht der gesamte Band auf diese Weise vonstatten. Das Ich, das Du, der einfach-stringente Rhythmus, das Begriffsinventar aus wiederkehrenden Fachausdrücken als montierte Protokolle einer stets neu ausgehandelten Beziehung. Wie eine in Personae schlüpfende Zwiesprache in der bühnenhaften Ausstattung oder Gewandnis jener elementaren Verfassungen. Festgehalten in bisweilen schroffen, direkt kommunizierten Bildern ohne viel Spielraum. Wie Jayne-Ann Igel in ihrem treffenden, einfühlsamen Nachwort feststellt: "das spricht einerseits von der Erschöpfung irdischer Ressourcen, andererseits wirkt es wie eine recht lakonische Erklärung des Scheiterns einer Beziehung, hat den Geruch von Abfuhr."

                Ich will dich
immer noch
                wie geborstenes
                               Schattenglas
                                               in den Fallwind streuen

Nur noch ein Hungertag
                                               Gondwania in Sicht

Zwar liegt in ebenjener Ruhe auch in Von den Elementen eine Kraft, doch fehlt es dem insgesamten Band mitunter an Elan. Die Erwartungen sind zügig gesteckt und das Erwartbare wird selten gebrochen. Einige Gedichte entfliehen aus dem Schema, laufen graphisch aus, betreten aber auch dort nicht Neuland, sondern symbolisieren eher ein Zerfließen im inhaltlichen Sinne denn im sprachlichen.

Interessanterweise gibt es dennoch manche Überraschungen, deren kollidierende Lesegeschwindigkeiten dem Restkorpus zuwiderlaufen, mit einem parallelen Globus dribbeln. Mit ihnen bekommt Weirauchs Band Auftrieb und kann gewissermaßen ein drittes Auge anmachen. 

Sichtflug und Instrumentenflug

 

18 Uhr 27

Höhe über Grund:
Lebenszeitverlust Zerberus Glutstudien

Du hast mir ein Kind in den Bauch geredet

18 Uhr 41

Fächerfeuer: grundlos
Blutgeruch

Jetzt gehst du fischen mit den Mumien

Die Wiederkehr sich ähnelnder Einzelgedichte zuungunsten eines Langgedichtes wirft Fragen auf, bekommt ein manisches Moment, eine Dringlichkeit. Man könnte weiter gehen und behaupten, hier ist ein Ritus generiert worden. Eine astrale Projizierung von ICH und DU in vor-atomare oder nachwissenschaftliche Beschreibungen der Welt, wie wir sie kannten. Ernst, kundig, zurückhaltend und ohne jede Übertreibung. Von den Elementen ist ein stark auf sein Konzept fixierter Band, schnörkellos durchgearbeitet und formvoll, zu großen Teilen allerdings eher Sprachnutzer denn Sprachgast.

Ich blieb im Ölschiefer zurück und Flammen
brachen los so wie abwegige Gespenster

Sebastian Weirauch
Von den Elementen
Poetenladen
2019 · 72 Seiten · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-948305-02-4

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