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Aufbau_ Slavenka Drakulić Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit
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Kritik

Die Schrecken der Zivilbevölkerung

Hamburg

Gleich zu Beginn einer Veranstaltung auf der Leipziger Buchmesse spricht der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan über den Glücksfall, dass Juri Durkot und Sabine Stöhr für seinen Roman Internat den Preis für die beste Übersetzung bekommen haben, weil dadurch mehr über den Roman geredet werde. Nicht für ihn als Schriftsteller sei dies wichtig, sondern wegen des Themas, das dieser Roman behandle. Nach vier Jahren bestehe die Gefahr, dass der Konflikt in der Ukraine zu einem vergessenen Krieg werde, obwohl gerade die Zivilbevölkerung jeden Tag darunter zu leiden habe.

Um diese Schrecken der Zivilbevölkerung, die keine Waffen haben, aber immer wieder zwischen die Fronten gerät, geht es in diesem Roman. Er spielt in einer namenlosen Stadt, die der Stadt Debalzewe nachempfunden ist, wo sich 2015 die ukrainische Armee und die Separatisten heftig bekämpft haben.

Pascha, der Held oder besser Antiheld des Romans, macht sich von einem Teil der Stadt auf, um auf der anderen Seite seinen dreizehnjährigen Neffen aus einem Internat zu holen. Weil sich der stets unentschlossene Pascha zu spät dazu entschieden hat, und inzwischen nicht mehr klar ist, wo die Frontlinien verlaufen, gerät dieser normalerweise einem Spaziergang gleichende Weg zu einem apokalyptischen Unterfangen. Drei Tage lang irren Onkel und Neffe durch die Stadt, ohne voranzukommen, umgehen Checkpoints, campieren frierend und hungrig in Kellern, ausgebombten Häusern oder im Bahnhof, der ein Zentrum des Geschehens ist. Atemlos vor Angst, auf der Flucht vor Explosionen und Schießereien laufen sie mit anderen Zivilisten im Kreis einer zerstörten, vermüllten Stadt. Hinzu kommt die Feuchtigkeit, es ist Januar, es regnet oder schneit die ganze Zeit, und das macht den unbehausten Menschen, die kein Zuhause, keinen Strom, kein Wasser haben, das Leben zusätzlich schwer. Wie in seinen anderen Büchern gelingt es Zhadan auch hier, mit starken Naturbildern die Handlung sinnlich darzustellen.

Ab und zu erkennt man am Straßenrand, dunkel im Schnee, Sachen, die jemand zurückgelassen hat – eine leere Tasche, ein nutzloses Paar Schuhe, einen Damenpullover: Die Wandernden werfen Ballast ab, es ist noch weit, der Weg ist anstrengend, mal steigt die Straße hoch über den Kreidesteinbruch, mal fällt sie ab zu den leeren verschilften Steppenweihern. Ein neuer Anstieg fällt besonders schwer: Die Füße rutschen aus, der Wind verkühlt das Blut, das unendliche Weiß führt auf die andere Seite des Lebens. Du glaubst nie mehr aus diesem Tal herauszukommen, aus dieser nassen Falle, dass du bis zur Besinnungslosigkeit unter diesen nassen und verängstigten Reisenden wandern wirst.

Bei der Beurteilung des Krieges bleibt Pascha auffallend vage. Er will keine Stellung beziehen, weil er, wie er sagt, sich nicht für Politik interessiert, und die Lage für ihn sehr unübersichtlich ist. Mal ist die Rede von den Unseren, ohne, dass deutlich wird, welche Seite nun gemeint ist, mal von der neuen Macht. Hinweise gibt es, welche Flagge auf Häusern aufgezogen ist, aber nicht immer kann er erkennen, was das für Farben sind. Ähnlich ist das mit den Abzeichen und Uniformen der Soldaten.

An der eingeschlagenen Tür stehen Soldaten – die Neuen -, Kosakenmützen auf dem Kopf, komische Uniformen, unbekannte Abzeichen. Pascha hat solche noch nie gesehen. Gut möglich, dass sie mit der Kolonne gekommen sind, die Pascha und der Junge heute beobachtet haben.

Eine große Rolle spielt in dem Roman die Sprache, die in der Realität ein Nebenkriegsschauplatz zu sein scheint. Und obwohl Pascha sich angeblich aus allem heraushalten will, ist doch klar, dass er als ein Lehrer, der Ukrainisch unterrichtet, von den Separatisten als Gegner angesehen wird. Um eine Person zu charakterisieren oder um darzustellen, auf welcher Seite sie steht, wird gesagt, wie sie sprechen.

Er spricht irgendwie seltsam: gutes Russisch eigentlich, ohne die Sprachen zu vermischen, aber trotzdem ungewohnt.
...er spricht Russisch, aber jedes dritte Wort ist Ukrainisch.

Er spricht korrekt, ohne Akzent, so dass gleich klar wird, er ist kein Einheimischer.

Er spricht Surshyk, einen Mischmasch aus Ukrainisch und Russisch, wechselt alle zwei Worte in die andere Sprache.

Er spricht Ukrainisch, noch dazu perfekt.

Pascha selbst bekennt sich nicht eindeutig zu seinem Ukrainisch. Wird er gefragt, was er unterrichte, sagt er ausweichend die Sprache. »Mein Protagonist interessiert sich nicht für den Krieg«, sagte Serhij Zhadan bei dem Gespräch auf der Buchmesse, »aber der Krieg interessiert sich für ihn.« Letztlich ist es der Junge, der den Überblick behält und Pascha vor einem Zusammenbruch bewahrt. Folgerichtig wechselt Zhadan auf den letzten Seiten die Perspektive und lässt den Jungen erzählen, wie sie wohlbehalten nach Hause kommen. Trotz des versöhnlichen Schlusses ist Internat ein Roman, der den Krieg konkret und bildhaft zugleich in all seiner -Hoffnungslosigkeit darstellt. Ein Internat, sagt Serhij Zhadan in Leipzig, sei in der sowjetischen Kultur etwas Unerfreuliches, etwas für Kinder, die kein Zuhause haben und die nichts mit dem Land und ihren Menschen verbinde. Er habe den Titel als Metapher gewählt für eine Gesellschaft in einem posttraumatischen Zustand, die versuche, sich und die Liebe zu finden.

Serhij Zhadan
Internat
Übersetzung:
Sabine Stöhr und Juri Durkot
Suhrkamp
2018 · 301 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42805-4

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