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Kritik

Es gibt Dinge, die man nicht vergrößern muss

Hamburg

Sie haben dieses Lager mit eigenen Händen gebaut, es erweitert, Gruben im Wald ausgehoben und Krematorien errichtet; sie haben selbst die Folterwerkzeuge hergestellt. Jetzt beseitigen und verwischen sie die Spuren. So ist das Schicksal der Sklaven.

Schreibt Seweryna Szmaglewska in ihrem wohl bekanntesten Buch Die Frauen von Birkenau. Endlich hat sich auch mal ein deutscher Verlag dazu bequemt, diesen wohl wirkungsmächtigsten Text über jene schwindelerregende Zeit – als Dokument (!) bei den Nürnberger Prozessen verwendet – in Übersetzung herauszubringen, seit 1946 in Polen Schullektüre, auflagenstarker „berüchtigter Klassiker“, in über elf Sprachen zuvor übersetzt. Das wohl Einzigartige dieses Textes aus literarischer ___STEADY_PAYWALL___Perspektive gesehen, ist seine genresprengende Form. An sich als Roman konzipiert, entpuppt er sich in Wirklichkeit als journalistischer Bericht, eben Dokument, im Prinzip Zeugenaussage, nahezu ohne jegliche literarische Überhöhung, und natürlich eine Dämonenaustreibung des Unaustreibbaren durch das Niederschreiben der eigenen Erlebnisse Szmaglewskas 1942-1945, interniert im Frauenlager von Birkenau.

Nicht nur ist Seweryna Szmaglewska eine begnadete Autorin, sie ist eine Überlebende dieser – Worte werden nie ausreichen – Monstrosität menschengemachter Hölle auf Erden („Hier gibt es keine Entlassungen“), d.h. sie ist durch geradezu übermenschlichem Überlebenstrieb gekennzeichnet, wie ihre KameradInnen, die mit ihr bis zum Moment der Flucht haben durchhalten können. Wie? Das zeigt dieser Bericht, dieser Roman, diese Aussage. Von Schöffling mit einigen Fotos ausgestattet, einem Vorwort der Autorin, einem Nachwort der Übersetzerin Marta Kijowska, wie die Übersetzung selbst: äußerst luzid, und ein paar wenigen hochinteressanten Zeichnungen von Szmaglewska, die sie auch als expressive zeichnerische Kommentatorin ausweisen.

Der Text, der von 1942 bis zur „Liquidierung“ des Lagers 1945 reicht, zählt in aller Ruhe auf, was geschah, was sich zutrug, wie das System dieser von Deutschen zubereiteten Vernichtungsindustrie funktionierte, wer ihr anheimfiel, wer was ausführte. Manchmal mit Namen, manchmal mit „Nummern“. Figuren auf dem Weg zur Entmenschlichung auf beiden Seiten, gefüllt mit kurzen Episoden, die auch als Exzerpt genommen jederzeit das Blut gefrieren lassen. Im Ganzen gelesen vielleicht eine der härtesten Wahrheiten überhaupt zwischen Buchdeckeln. Das Buch ist erwartungsgemäß kaum zu verdauen, und gerade wegen seines dokumentarischen Stils jedem Rechten Flügel für alle Zeiten wärmstens zu empfehlen, am besten vor dem Schlafengehen. Pflichtlektüre, besonders hierzulande. Szmaglewskas Ökonomie macht es um so „schlimmer“, in jedem lesenden Hirn breitet sich eine Regie des Todes hindernislos aus. Das sich selbst verstärkende System des perversen Gehorchens.

Doch Szmaglewska tut noch etwas anderes: das Buch ist auch aus einer deutlich feministischen Perspektive lesbar. Abgesehen von den weiblichen Kapos, den Zuarbeiterinnen, „Ältesten“, Lagergeistern, sind es natürlich vor allem Männer, Männer, die hier etwas installiert haben. Die volltrunken durch ihre Todesindustrie wanken, auf Menschen wie über Konservendosen laufen, alles, aber auch alles abgegeben haben, außer ihr Selbstmitleid, das bei dem rekrutierten Orchester des benachbarten Auschwitz, wenn es „für sie spielt“, aufbricht – Szmaglewska spricht von einem „Land der Dummheit“, in dem trotz des Lebens / Überlebens der verschleppten Inhaftierten am absoluten Nullpunkt so etwas ein Gegensystem aus praktisch nichts sich dennoch hat installieren können. Trotz der Arbeit als Vernichtung konzipiert, allgegenwärtiger Drangsal, Schlaflosigkeit, Krankheiten, kopfbrechendem Wahnsinn, der Aussicht auf sechs Wochen bis zum Krematorium, war es den Frauen von Birkenau möglich im Lager zu „organisieren“, weil u.a. ihre Unterdrücker zum Großteil ausschließlich aus aufgekratzter „Männlichkeit“ bestehen, die trotz ihres Todbringens so lückenhaft wie anfällig „verwalten“. Mord-Automaten, rattig programmiert, wie im psychogenen Rausch durch jedes einzelne neue ihrer Verbrechen, das nicht nur ihre eigene Vorstellungskraft immer weiter übersteigen soll: „etwas in ihnen ist abgerutscht, etwas hat sich gelockert, irgendwelche Ventile haben sich geöffnet, irgendeine Bremse ist kaputtgegangen“.

Das „Organisieren“ ist eine Droge des Lagers [...] Sie beschäftigt pausenlos die Gedanken. Bewirkt, dass die Tage kürzer werden. Gibt dem Leben Sinn und Farbe. Man plant ununterbrochen, was zu „organisieren“, an wen zu übergeben und wie durchzuführen ist. Auf diese Weise schweifen die Gedanken mühelos von der Realität ab und kehren nur widerwillig zurück, wenn sie durch neue Ereignisse dazu gezwungen werden.

[...]

Die Mädchen sind der Meinung, dass das, was sie tun, kein Diebstahl sei. Sie nähmen ja das Brot, das im Lager aus dem Mehl gebacken werde, das ein polnischer Bauer im Rahmen des Kontingents geliefert habe, um es an die Hungrigen zu verteilen. Sie seien das Bindeglied zwischen den Bauern und den ausgehungerten Häftlingen.

Wenn man so dasteht und hinter sich eine riesige, aus zahlreichen Lagern bestehende Stadt hat und vor sich, im nächtlichen Licht, diese Gruppe [Arbeitskräfte] sieht, merkt man plötzlich, dass schon seit Langem, seit Jahrhunderten, etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Monumentale Bauten, die mit den Händen von Generationen errichtet wurden, Tempel und Botschaftsresidenzen, Sitze von Ministerräten und Parlamenten, beginnen zu wackeln und stürzen ein, weil irgendein Verbindungsglied in ihnen fehlte, weil an ihrer Konstruktion etwas falsch war. Und im weißen Staub der Trümmer bleibt nur eine Gruppe von noblen, in schwarze Fracks gekleideten, reglos an einem Tisch ausharrenden Herren zurück, die noch nie in ihrem Leben über die Fiktion der Bücher hinausgegangen sind. Sie heben die Hände und skandieren feierlich, dass der Krieg ein Hebel des Fortschritts sei.

Szmaglewskas minutiöses Protokoll, mitsamt den eingefangenen Dialogen, die sich ins Gedächtnis schrauben wie Atem ohne Sauerstoff, spart nicht aus, ihre ungefärbten Wiederholungen erwecken das Gespenstischste zum Leben. Nichts kann man vergessen, soll vergessen sein. Das Buch ist viel mehr als ein Buch. 74 Jahre Warten, aber nun ist es da. Es muss überall sein.

Seweryna Szmaglewska
Die Frauen von Birkenau
Übersetzung:
Marta Kijowska
Schöffling
2020 · 456 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-89561-536-8

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