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Kritik

„Vom Fremdsein. Vom Leben im Zwischenraum“

Hamburg

Es ist bereits der dritte Roman der aus Indien stammenden Autorin und auch hier umkreist sie weiter ihr Thema Emigration und Integration, kommt ihm noch näher. Shumona Sinha lebt seit 2001 in Paris, studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Mit Erschlagt die Armen“, ihrem ersten Roman wurde sie als Autorin bekannt. Darin ging es um eine Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die zwischen alter und neuer Heimat steht. Im zweiten Roman Kalkutta kehrte Sinha zu den Wurzeln ihrer Familie zurück. Was in jedem Buch als Thema immer wieder auftaucht, ist die Rolle der Frau. In „Staatenlos“ ist es nun sogar zum Hauptthema geworden.

„Das erste Gebiet einer Frau ist ihr Körper. Wird dieser fremdbestimmt, vereinnahmt, belagert, dann ist sie staatenlos.“

Sinha verwebt hier geschickt die Geschichten dreier Frauen, die die jeweilige Herkunft zunächst gleichstellt – alle drei Frauen wurden in Indien geboren – , die jedoch aufgrund ihrer Lebensweisen, durch Zufall oder bewusst gewählt, mit ganz verschiedenen Voraussetzungen ihr Leben angehen: Mina, eine Bengalin, die sich in ihrem Heimatdorf politisch engagiert, was für eine einfache Frau, die kaum Lesen und Schreiben kann, ungewöhnlich ist. Esha, die in Kalkutta geboren wurde und als junge Frau zum Studium nach Frankreich ging und blieb und Marie, die als Kind einer Inderin von einem Paar aus Frankreich adoptiert wurde und dort, also mit westlicher Kultur, aufwuchs.

Gleich am Anfang dieser komplexen Geschichte wird den Leser*innen einiges zugemutet. Und es wird auch im Verlauf weiterhin zu erschreckenden Momenten kommen, in denen ich mich, gerade als Frau frage, ob es wirklich so ist, ob wirklich so die Gleichstellung von Mann und Frau, die soziale Gerechtigkeit, die Chancengleichheit auf Grundlage der Menschenrechte aussieht.

Shumona Sinha sprach bei der Buchvorstellung in Berlin über die Entstehung des Romans: Die Figur Minas formte sich aus einer wahren Begebenheit, die geschah, als die Autorin, sich in Indien aufhielt. Sie war Auslöser, das Buch zu schreiben. Zurück in Paris passierte der Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ und daraufhin ging es Sinha nicht mehr nur allein um Mina, denn die Gewalt war damit auch in Europa angekommen. So entwickelten sich dann die anderen beiden Figuren, Esha und Marie.

„Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Europa, in diesem Land, wo die Armee, die Polizei, die Geheimdienste zusammen die Schlagkraft eines der fünf mächtigsten Länder der Erde sicherten, schien es ihr, als sei sie den unterirdischen Schichten der Gewalt nicht entkommen, als könne nun überall auf der Welt der Boden aufreißen und einstürzen.“

Die Anfangsszene schildert Sinha wie eine Traumsequenz. Eine Frau spricht aus ihrem Grab heraus und versucht sich aus dem Lehm, mit dem man sie zugescharrt hat, zu befreien. Doch ihr fehlen Füße, Beine, der ganze Unterkörper, das neue Leben, dass sie in sich trug. Ein starkes Bild, dass sich langsam erklärt, sobald Sinha, Mina erzählen lässt. Mina wächst als Landarbeitertochter auf mit ihrem Cousin Sam, beide engagieren sich später politisch, sie verlieben sich und Mina wird schwanger, ohne jede Hoffnung, dass Sam sie jemals heiraten wird. Das heißt Ausschluss aus der Familie, es heißt, der Willkür der Männer ausgeliefert zu sein.

Marie bleibt als Figur im Roman etwas farblos. Sie scheint eher als Bindeglied zwischen Mina und Esha zu fungieren. Sie, die Adoptivtochter eines französischen Paars, reist nach Indien auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern und engagiert sich nebenbei politisch und sozial, etwa im Krankenhaus Mutter Teresas in Kalkutta. Doch scheint sie nicht zu finden, was sie sucht. Sie scheint eher zu schwanken zwischen den Kulturen, zwischen Ost und West, als jeweilige Lebensform.

Esha arbeitet als Lehrerin in Paris. Sie ist auch der stärkste Charakter in Sinhas Geschichte mit autobiografischen Anklängen. Esha wartet auf ihre Einbürgerung. Sie hat studiert, ist gebildet, will als Frau selbstbestimmt und frei leben, sie will sich nicht festlegen müssen. Sie lebt wechselnde Beziehungen zu Männern. Doch überall begegnet ihr Feindseligkeit. Aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres exotischen Aussehens, kommt es, und sei es „nur“ verbal, zu sexistischen Angriffen. Man reduziert sie auf Äußerlichkeiten.

„Esha verstand, dass sie sich selbst nicht entkommen würde, ihrem Bild, ihrem Schatten. Sie würde der Gefahrenzone nie entkommen, weil sie sie in sich trug, auf ihrer Haut, in ihrem Gesicht, über ihren ganzen Körper verteilt, wie die vergilbte Karte eines fernen Landes. Sie selbst war die Zone.“

Als Lehrerin versucht sich Esha durch die Unterrichtsstunden zu kämpfen, sich Respekt zu verschaffen. Doch selbst hier scheitert sie, obgleich die meisten Schüler*innen ebenfalls einen Migrations-Hintergrund haben. Will sie die Teenager-Mädchen mit einer Stunde über die feministische Autorin Simone de Beauvoir auf ihre Seite ziehen, schreien die „das ist haram, die ist abartig, etc.“, weil die Beauvoir Männer und Frauen liebte. Als Esha eines Tages auf dem Weg zur Metro von jungen Frauen ohne Grund provoziert und angegriffen wird, erst verbal und dann mit brutaler Gewalt, ist sie erschüttert, und fragt sich, ob das nun noch das Land ist, in dem sie unbedingt der Sprache und der Freiheit wegen leben wollte.

Shumona Sinhas Blick ist scharf, ihr Ton mitunter zornig. Sie durchleuchtet klug und kritisch die Situation der Frau, die der Emigranten und die gesellschaftlichen Befindlichkeiten in ihrem Land. In Frankreich ist ihr Roman mancherorts kritisch aufgenommen worden, man warf ihr gar Undankbarkeit dem Land gegenüber vor, welches sie so freundlich aufgenommen habe. So trifft Sinha einmal mehr den Nerv unserer Zeit. „Staatenlos“ ist ein aktuelles, letztlich auch ein politisches Buch: Wenn Sinha von den Reisbauern erzählt, die von den Feldern vertrieben werden ohne Entschädigung, weil Autoindustrie angesiedelt werden soll und wenn die kommunistische Partei alles andere als hinter ihnen steht, dann ist das nur ein Beispiel für all das Unrecht, dass es eben nicht nur in Ländern wie Indien gibt. Es ist ein Beispiel für die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich.

Sinha ist in ihrer Sprache direkter und klarer geworden, obgleich sie noch immer den feinen poetischen Ton beherrscht, der sich immer zum passenden Zeitpunkt in die Geschichte einfügt. So etwa, wenn es um die ermordete Mina geht, die als Geist über allem schwebt, die tote Mina, die von ihrer Schöpferin, der Autorin, wieder zum Leben erweckt wird und die ihr wieder eine Stimme verleiht.

Shumona Sinha ist eine mutige Frau, eine Autorin, die genau beobachtet, die die unangenehmen Dinge sieht und auch benennt und die mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, ihrer unverwechselbaren Sprache, da bin ich mir sicher, einiges bewirken kann.

Shumona Sinha
Staatenlos
Aus dem Französischen von Lena Müller
Edition Nautilus
2017 · 160 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-96054-047-2

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