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Kritik

Ich falte mir die Welt, halte alle Augen offen

Hamburg

Denke ich an ein Triptychon, so denke ich an ein geschlossenes, von seinen jeweiligen Teilen abhängiges System, an Hermetisches, das nur im Wechselspiel der einzelnen Teile seine Geltung erfährt, die unabhängig von einander jedoch nicht minder von Interesse sind, da sich im Einzelnen durchaus Rückschlüsse auf das grobe Ganze ziehen lassen, Details erkennbar werden, die beim distanzierten Betrachten eines solchen klobigen Meisterwerks (erst letztens durfte ich wieder das Weltuntergangstriptychon Boschs bewundern!) einem nicht ins Auge fallen. Die großen Narrative (zumal die christlichen) werden hier verhandelt – eine Schule des Sehens, der man sich gut, gerne und oft hingeben sollte!

Nun verhält es sich mit den vierzehn jeweils dreiteiligen Gedichtzyklen in Sibylla Vričić-Hausmanns Debütband 3 FALTER ein wenig anders als bei den gerahmten Vorbildern in Farbe: Eine Schule des Sehens wird einem hier nicht geboten, durchaus aber eine Schule des Lesens. Denn, was diesen Band so reizvoll wie keinen Zweiten in diesem Frühjahr macht (zumindest von denen, die ich gelesen habe!), ist dessen strenge und sehr mutige Komposition. Schon allein der Titel führt ins Bodenlose etlicher Analogien und inter- sowie intratextueller Querverweise, von der Heiligen Dreifaltigkeit über die Dreiteilung der einzelnen Zyklen bis hin zu feministischer Theorie und Praxis – und natürlich kommen auch die haarigen, in unserem Alltag immer seltener werdenden Schmetterlingsfalter nicht zu kurz:

Maria Sibylla Merian (1647-1717) hat untersucht, wie aus Raupen
Tagfalter (Sommer-vögelein) und Nachtfalter (Motten-vögelein)
werden. Schon als Kind hat sie Insekten gesammelt und gepflegt,
um sie für Blumenstillleben abzuzeichnen. Systematisch erforschte
und dokumentierte sie ihr Leben lang die Metamorphose von
Schmetterlingen und anderen Thierlein in Deutschland, Holland
und Surinam.“ (aus dem Zyklus Mädchen haben eine Falte)

Vričić-Hausmann spannt einen großen Bogen, ohne jemals den Überblick über die einzelnen Kapitel zu verlieren. Die Autorin verwebt die Ebenen derart geschickt mit einander, dass man als Leser*in gezwungen ist, den persönlichen Geschmack (vor allem was die schreibtechnischen Herangehensweisen in den Zyklen angeht) beiseite zu schieben für das große Ganze. Beispielsweise halte ich den Zyklus 2. Federn in seinem Ansatz für misslungen, jedoch ist der folgende Zyklus 3. Verwandelungen (diesses Werck) derart dicht am vorangegangenen gebaut, dass der eine ohne den anderen innerhalb der Komposition kaum bestehen könnte (worauf ich später noch eingehen werde). Auf der Mikroebene öffnet sich hier ein großes Experimentierfeld, auf dem zu spielen und zu scheitern, die Autorin sich nicht scheut. Das ist auch der Verdienst dieses Bandes. Er bietet seinen Leser*innen eine ganze Reihe von Versuchsanordnungen, die zum Teil sehr befremdlich wirken können. Gerade der dritte Zyklus ist dahingehend ein gutes Beispiel, lotet er doch barocke Sprechweisen auf eine beinahe postmodernistische Art und Weise aus, sodass man nicht genau weiß, wo das Zitat aufhört und das Experiment beginnt:

nachdem ich aus America gekommen bin, habe ich mein werck gemacht und mache
                                                                                                                                noch
Alles, was ich gesugt und unterfanden habe in seiner perfection auf pergament Zu
                                                                                                                               bringen:
Samlung der würmbr und raupen, welche ich täglich mit Speise unterhalten
und alles observert, bis sie Zu ihrer völigen veränderung gekommen seint“ (aus dem Zyklus Verwandelungen (diesses Werck))

Auf der Makroebene scheren die Zyklen ungemein auseinander. So stehen bildreiche, adjektivsatte Gedichte und Zyklen lakonisch durchrhythmisierten Konstruktionen gegenüber, mal steht die Natur im Mittelpunkt der Betrachtungen, mal die Wonnen und Heimtücken der Elternschaft, Querverweise aus der Popkultur stehen hier auf Augenhöhe mit Querverweisen aus dem Lyrikkanon, so etwa in dem sehr gelungenen Zyklus christmas bear hug, in dem reizvolle Wortspielerei mit Sylvia Plaths Gedicht Two Campers in Cloud Country und dem Film The Revenant getrieben wird. Doch kaum schmunzelt man über so viel Wagnis, ist es nach drei Gedichten auch schon wieder vorbei, und die Autorin wagt den nächsten Sprung, schlägt ernstere Töne an, muss weiter am Wort- und Bildmaterial feilen, springt nach drei Gedichten weiter, wieder und immer wieder, bis diese drei Falter, diese Ansammlung von Dreifaltern, bis dieses Triptychon ohne Mitte sich zu einem Band formt, den man getrost auch von hinten nach vorne lesen könnte.

es ist kalt. ist das Schnee, der schon feucht und am Matschen ist?
sein liebloser Anstrich: ein Traum, der Nebensächliches weiterspinnt
Zufall. im Fall von Flocken gibt es die Option, ein dickes Fell
zu bekommen. unsere Bärenhaut wächst noch, nachdem wir sie
für unser letztes Geld gekauft und uns hinein gestohlen haben –
hier: nimm nen Schluck aus der Pulle. wo selbst Autos und Fremdkörper sind
Lassos vielleicht, Pferde. wir stehen vor dem Loch, vor der Stelle, dem Stern
ich versuche, dich zu berühren, was gar nicht so leicht ist“ (aus dem Zyklus Felle)

Erstaunlich sind beispielsweise die thematischen Sprünge, die, ist der Band erst einmal ausgelesen, nicht so gewagt sind, als zunächst gedacht, da sie auf der Ebene des reinen Wortmaterials derart gut und liebevoll aufgearbeitet sind, dass es gar nicht mehr befremdlich erscheint, zig verschiedene Ansätze in so kurzen, beinahe schizophren anmutenden Abständen zu lesen. Natürlich könnte man bemängeln, diese Gedichte funktionieren nur im Zusammenspiel der einzelnen Zyklen mit dem großen Ganzen – dem Konzept. Auch der Zyklus im herzförmigen Land, eine sehr große Hitze schwebt ein wenig in der Luft. Trotzdem bleibt 3 FALTER ein tollkühnes Unterfangen, das hoffentlich seine Fangemeinde finden wird.

Und es gäbe sicherlich noch vieles über diesen Band zu sagen, etwa über die grandiose Einbettung der sehr direkten, diskursiven Zyklen 11. Mädchen haben eine Falte und 12. Verwandelungen (Blythen sprechen), eine tiefgründige Auseinandersetzung über das Frausein in einer von Männern geradezu krankhaft besetzten Welt, über Feminismus und weibliche Tradition. Der Ton dabei: konstruktiv, kämpferisch, versöhnlich:

An mehr Autorinnen glauben. In unterschätzten, fast vergessenen
Texten denken, mit ihnen Freundschaft schließen. Das macht sehr
großen Sinn. Verwicklungen, Kurzschlüsse und ersponnene
Übertragungen sind dabei, meine ich, erlaubt. Denn: Sich auf eine
kleine, feine Tradition beziehen zu können, ist wichtig für das
eigene Selbstverständnis. Für den Mut, zu sprechen. In die Steppe
aufzubrechen.“ (aus dem Zyklus Mädchen haben eine Falte)

 

Sibylla Vričić Hausmann · Ralph Lindner (Hg.) · Jayne-Ann Igel (Hg.) · Jan Kuhlbrodt (Hg.)
3 FALTER
Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
poetenladen Verlag
2017 · 96 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-940691-89-7

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