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Kritik

Schweigen ist Silber

Über das Romandebüt Wir müssen reden von Sibylle Luithlen
Hamburg

Patchwork, das klingt nach Geflicktem, einer vollbrachten Arbeit, Anstrengung, Work also, die sich – hoffentlich – gelohnt hat, wie auch immer, das Ganze hält, wird zusammen gehalten, so scheint es zumindest. Flickwerk klingt da schon weniger charmant, machbar, eine offene Familienstruktur ist etwas anderes als ein geflickter Teppich, zerschlissen, verbraucht, als hätte man nichts anderes, müsste der alte es auch tun, es reicht noch, um mehr schlecht als recht die Zerwürfnisse und Verletzungen darunter zu verbergen. Familienbande, zerrissen und doch unzertrennlich, als wären da Blutstropfen auf dem Teppich, die keine Reinigung mehr entfernen kann. Geschichte.

Es ist diese uneinholbare Geschichte, von der unsere Geschichten zeugen, nach Hannah Arendt, eine Trauerarbeit, die selbst vor uns begann, mit den Verquerungen eigener Eltern, Großeltern, Generationen. Minus und Minus gibt doch Plus, diese Gleichung erhofft sich die Hauptfigur von Sibylle Luithlens Romandebüt Wir müssen reden für ihre kleine Tochter, die, noch nicht in der Schule, bereits mit getrennten Eltern auskommen muss. Doch die Gegenrechnung heißt: Scheidungskind und Scheidungskind ergibt nur ein weiteres. Der Kreislauf scheint unausweichlich, statistisch umzingelt. Feline, die Protagonistin, will dem vermeintlichen Realismus nicht erliegen und kämpft dagegen an. Dieser Kampf ist nichts anderes als einer mit sich selbst, um überhaupt den Alltag zu bestehen, als junge Mutter, plötzlich alleinerziehend, nachdem ihr Freund ihr eröffnet hat, dass ihr gemeinsames Kind wohl doch zu früh für ihn gekommen sei und er – eine neue Liebe ruft – sich anderswohin entwickeln wolle. Individualismus als Tanz ohne Hochzeiten. So leicht ist es nicht, weder für ihn noch für sie, nur bleibt die Realität schwerer an ihr haften, das fünfjährige Kind. Und während sie literarisch, träumend, lebend dieser Schwere gern entfliehen würde, ist sie zugleich aber auch der Haltepunkt all ihrer Bemühungen, Zweifel, Ängste – die kleine Youna. Nie steht das Band mit ihr für sie in Frage. Vertrauen gibt es im dornigen Flickwerk dieser Beziehungen nur auf diese Weise – zwischen Mutter und Kind – oder auf einer fast schon non-verbalen, körperlichen Art, mit einem anderen Mann, den Feline während der Trennungsphase von ihrem Lars kennenlernt, ein Mann wie er hier im Buche steht, Silver mit Rufnamen, ein tätowierter Alltagskünstler und Lebemann, der im Sägewerk arbeitet. Vertrauen ist eine Nähe, die ohne große Worte auskommt, Liebe scheint synonym dafür, ein Raum für Zärtlichkeit.

Sibylle Luithlen entwirft ihre Geschichte über diese verschiedenen Tonlagen des Erzählens, angefangen von der dichten Beschreibung heutiger Realität, hinein in Vorstellungen möglicher Vergangenheiten, symbolischer Passagen, bis hin zu allegorischen Momenten, wenn Feline und ihr Geliebter an einem Wasserfall wie Tristan und Isolde das Liebesglück feiern. Diese stille Apotheose der Erzählung, subtil und befreiend geschildert, steht zwischen zwei anderen Höhepunkten ihres Romans, der Vorstellung einer möglichen Vergangenheit des verstorbenen Großvaters einerseits – warum war er so mürrisch gewesen, steckte das Bild seiner ersten, früh verstorbenen Frau hinter dem von Felines Großmutter, hatte er die Todesanzeige einer in der Familie unbekannten Italienerin bewahrt – und der späteren Darstellung einer traumatischen, in Schallwellen nahezu sich bedrohlich abzeichnenden Wahrheit über die eigenen Eltern, dass ihre Mutter nämlich mit dem Nachbarn fickte, worüber die Familie schließlich zerbrach.

Feline bewegt sich durch zerklüftete Welten, auf der Suche nach sich selbst. Dabei findet ein ständig wiederkehrendes Zwiegespräch ihrer fragilen Eigenwahrnehmung statt, zwischen Außenwirkung und Innenschau. Zu Beginn bereits kollabieren beide ineinander, als sie während des Schulreferendariats eine Probestunde geben soll und kläglich scheitert. Kopf hoch, so zieht sie sich aus der Schlinge, möchte man überspitzt meinen, das traumwandlerische Kunststück à la Münchhausen, Literatur als Lebenselixier, gelingt, wenn die Hauptfigur selbst ins Erzählen findet, zum Schluss sogar mit ihrem schweigsamen Liebhaber dazu ansetzt und der Leser, die Leserin mit ihm zu einem stumm zuhörenden wie stumm lesenden Publikum wird. Und wenn die Schlinge sich zuzieht? Dann wird die Atmung flacher, wie es manchen Figuren in dem Roman widerfährt. Solche Assoziationen bleiben eingepasst in den nüchternen Realismus, den der Schauplatz Köln, die Zeit der Handlung, Heute, nahelegen. Als Autorin dient er Sibylle Luithlen nicht zur alleinigen Bestimmung, vielmehr als Folie von Assoziationen, Imaginationen, der Sehnsucht nach einem anderen Mehr. Dass sich dieses Mehr allem Zufall nach in einer schwäbischen Kleinstadt auftut, wo Feline im Sommer einen Sprachkurs gibt, erlaubt nicht nur einige romantische Anklänge (mit Hölderlin im Hintergrund), auch der Kontrast dazu wird stärker ins Bild gerückt, mit der Figur des kopflastigen Institutsleiters zum Beispiel. Ein Kontrast, den Luithlen lakonisch auszuspielen weiß. Ein trockener Humor würzt ihren Roman, der die Schlagkräftigkeit von Feline schillern lässt, und der die Lektüre von Wir müssen reden zu einem fabulierend diebischen Vergnügen macht. Literatur kennt keine Schlingen.

Sibylle Luithlen
Wir müssen reden
DVA
2018 · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-421-04795-3

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