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Kritik

Zeit für die eigenen Missionen

Hamburg

Der Lyriker Siegfried Völlger ist ein (Ver-)Sammler. 1955 im bayerischen Wald geboren, erscheint sein beruflicher Werdegang im Rückblick wie ein Weg, auf dem die unterschiedlichsten Erfahrung eingesammelt werden können: Bau- und Fabrikarbeiter, Spüler, Krankenpfleger und Wirt lauteten die einzelnen Stationen seiner Erwerbstätigkeit, die solange keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, bis er die Berufung zum Buchhändler in sich verspürte. Aus dieser Position heraus wiederum betätigte er sich als Herausgeber für Sanssouci, dtv und den Carl Hanser Verlag, versammelte mithin die Texte anderer zu runden und stimmigen Gesamtwerken. Seine eigene Lyrik hingegen erschien hauptsächlich weit verstreut in Zeitschriften und Anthologien. Nun kommt eine Lese seiner Gedichte in der renommierten Lyrikedition 2000 bei Allitera heraus mit dem besonders für das Medium der kleinen Form eher untypischen Titel "(so viel zeit hat niemand)". Keine Zeit für Lyrik? Die Kennerin nimmt sie sich, der Kenner desgleichen, sollte man meinen. Und dann auch noch so bescheiden in Klammern gesetzt, wie eine beiseite gesprochene verschämte Anmerkung? Das ganze dazugehörige Gedicht geht so:

"damit wir freunde bleiben können / müssen wir gehen / (jeden tag drei stunden) / (so viel zeit hat niemand)"

Klingt in den ersten beiden Versen von fern eine leise Verwandschaft an mit jenen pseudotiefsinnig-gefühligen "Verschenktexten" einer Kristiane Allert-Wybranietz aus den 1980er Jahren an, die lange vor der PoetrySlam-Welle eine ganze Generation (wenn auch aus unterschiedlichen Gründen) zum kollektiven Aufseufzen brachte, so wird dieser Eindruck ab Zeile drei radikal aufgebrochen und nimmt leise ironisierend einen ganz anderen Weg. Und doch scheinen in den verklammerten Subkommentaren die alten Weisheiten "Der Weg ist das Ziel", "Heilung suchen durch Einswerdung mit der Natur" und das unausgesprochene Fazit "aber die Gesellschaft bzw. wir selbst lassen uns ja nicht" auf angenehm undogmatische Weise durch.

Dass der Titel des Buches augenzwinkernd zu verstehen ist, erschließt sich auch aus dem den einzelnen Abteilungen vorangestellten Gedicht "ich reise gern" , in welchem das lyrische Ich die Hoffnung nicht aufgibt, eines Tages mit "steingeschwindigkeit" unterwegs sein zu dürfen. Die Assoziation des allmählichen Verwitterns als einziger unendlich verlangsamter Bewegung und deren Idealisierung stellt sich unwillkürlich ein.

Die einzelnen Kapitel des Buches nehmen sich jeweils einen bestimmten Aspekt des Lebens zum Thema. Besonders gelungen erscheint hier gleich das erste, "in ihrer eigenen mission unterwegs". Es nimmt Beobachtungen von Krähen, Hasen, Katzen und anderen Tieren auf und reflektiert sie auf eine Weise, die eindeutige Schlüsse zurückweist:

"auf einem stoppelfeld / fern, ein einzelnes reh // aufmerksam, selbstbewusst, angstfrei / ein glückliches reh, denk ich // bevor ich sehe / dahinter steht / ein zweites"

Durch die unterschiedlichen denkbaren Lesarten muten diese Texte ein wenig wie literarisierte Vexierbilder an oder die berühmten unmöglichen Figuren des niederländischen Graphikers M. C. Escher.

Die beiden folgenden Kapitel befassen sich mit der Reflexion von Liebe und Beziehung. Hier wirkt Völlgers Sprache noch geerdeter, weil ihr der mehrdeutige Ansatz weitgehend abhanden kommt; es geht hier eher darum, die Leserschaft zum Zusammenfügen ihm bereits bekannter Informationen zu bringen, wodurch eine zwischen Komik und Rührung changierende Stimmung erzeugt wird:

"königskinder // falls ich / herausfinde / dass wir keine / königskinder sind // beginnt der brückenbau / sofort"

Die Abteilung "aussicht" handelt mehrheitlich von religiös-metaphysischen Reflexionen, die zunehmend auch in einen etwas bitteren Ton verfallen; die bislang eher hintergründige Ironie der Texte bekommt nicht selten eine größere Schärfe:

"die sonne geht nicht mehr unter / an der tag- und nachtgleiche / klemmen die toten // Jesus irrt herum, allein, / er ist zu spät, er hätte / gerne nochmal erlöst"

In dem Kapitel " nicht zu viel unordnung hinterlassen" beschäftigt sich Siegfried Völlger dann explizit mit dem Sterben, dem Tod und der Ewigkeit, und überraschenderweise lockert sich der Ton nun eher wieder ein wenig, als wollte der Dichter dem Thema nicht zu viel Schwere zugestehen:

"er hat sich unter / die überhängende felswand gesetzt // dort muss er etwas / steinerweichendes getan haben"

Völlgers Texte blenden nie aus, dass der Kopf rund ist und sich auch das Nachdenken über vermeintlich ganz einfache poetische Aussagen in alle Richtungen bewegen kann - und dass es selbst bei größtmöglicher Tragik des Sujets immer auch etwas zu lachen gibt, notfalls unter Tränen.

Siegfried Völlger
(so viel zeit hat niemand)
Allitera Verlag
2018 · 108 Seiten · 14,50 Euro
ISBN:
978-3-96233-075-0

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