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Poedu - Virtuelle Poesiewerkstatt für Kinder und Jugendliche
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Kritik

Wonder Dog

Hamburg

 Du hattest kaum das Studium beendet, als du anfingst zu unterrichten. Ich war nicht die einzige Studentin, die deine Freundin wurde, und in diesem Kurs lernten wir beide auch Ehefrau Eins kennen. Du warst der jüngste Dozent am Institut, Wunderkind und Romeo.

Es ist dieses Wir der Seelen“freundschaft“ zweier Schriftsteller*innen mit ähnlichem beruflichen Erfahrungshorizont, die die 1951 geborene amerikanische Autorin Sigrid Nunez in ihrem Roman Revue passieren lässt. Jahrzehnte nach diesem ersten Kennenlernen entzieht sich der Womanizer den narzisstischen Kränkungen des Alterns und zunehmender sexueller Unattraktivität durch Suizid. Zurückbleibt die Ich-Erzählerin, die sich an das „du“ des Freundes wendet, die Unbegreifbarkeit seines Todes reflektiert, sich an die erotische Anziehungskraft des Denkens und gemeinsame Zeiten episodisch erinnert. Zurückbleibt zudem sein Hund, ein ausgesetztes Tier, das er beim Joggen fand, bei sich aufnahm und Apollo nannte, und den ihr die dritte Ehefrau des Verstorbenen nun überantwortet, weil sie nie Hunde hatte haben wollen. Er ist

viel Hund. Fünfundachtzig Zentimeter von der Schulter zur Pfote. Achtzig Kilo.

eine Harlekindogge, d.h. ein Exemplar der größten Hunderasse, der um seinen Besitzer trauert, das Leben der bislang alleinstehenden Ich-Erzählerin auf den Kopf und sie vor zahlreiche Probleme stellt. Zum Beispiel, weil sie in einer sehr kleinen Wohnung in New York City lebt, in der Tierhaltung nicht gestattet ist. Wie sie gewieft dieses und andere Probleme meistert, wie sich die beiden Trauernden behutsam begegnen, sich annähern und durch ihre Trauer begleiten, bildet das Gerüst dieses Werks, das vom Verlag Roman genannt wird. Es sind essayistische Aufzeichnungen, Erinnerungsschnipsel und Momentaufnahmen einer Hinterbliebenen, die um das ewige Thema Eros und Thanatos kreisen und in ein klug komponiertes Buch gepackt sind. Einige Einwände, die man erheben könnte, wurden von der Autorin mitbedacht, werden explizit vom Ich angesprochen, z.B. ob ein Werk denn nun „a novel“ oder „a memoir“ sei. Mir kommt eine andere Gattung in den Sinn, nämlich jene des Märchens, das sich eines erprobten Figurenarsenals bedient und auf zugespitzter Reduktion basiert. Es sind vor allem Dichtomien, die die Handlung prägen. Etwa hier die Potenz eines Mannes, der durch sein Verhalten allmählich aus der Zeit fällt, dort das Alter als eine „Kastration in Zeitlupe“. Besonders eindrücklich springt dies in der Zeichnung der Frauenfiguren ins Auge. Denn es gibt nur die Heilige und die Hure, genauer eine Heilige in ständiger Warteposition, nämlich die Ich-Person, und viel potentielle Bettware, die der Womanizer braucht, um sich seiner Manneskraft zu versichern, die von ihm als unabdingbar notwendig für seine schriftstellerische Kreativität rationalisiert wird. Ein einziges Mal vögelt dieser Macho mit ihr, als sei sie nur ein weiterer Strich auf seiner To-do-Liste. Danach rührt er sie nicht mehr an. Aber er braucht sie als allzeit bereite Dienende, eine intelligente Mutter, die er benutzt, um mit ihr Fachgespräche zu führen oder ihr sein Herz auszuschütten und ihr über seine erotischen Eroberungen und Enttäuschungen zu berichten. Sie opfert sich bereitwillig und hält sich für ihn bereit, dient ihm sogar über seinen Tod hinaus, wenn sie das Riesentier in ihrer winzigen Wohnung aufnimmt, das sofort ihr Bett okkupiert, während ihr nur eine Luftmatratze als Liegestatt bleibt.

Was dieses Buch, für das Sigrid Nunez 2018 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde und das nun in der beschwingten Übersetzung von Anette Grube erschienen ist, besonders auszeichnet, sind seine Erzählökonomie und die Verankerung der Handlung in der Literatur, jenes Fleisch also, das Nunez ans Skelett der Handlung hängt. Beide Hauptfiguren sind belesen und verbringen ihr ganzes Leben in und mit der Literatur. So ist es überaus stimmig, wenn Gespräche über Literatur und Literat*innen, Erfahrungen aus dem Literaturbetrieb, Freuden und Leiden des eigenen Schreibens erinnert werden. Wir stolpern auf jeder Seite über Anspielungen, Zitate und Verweise aus der Literatur, wenige Zeilen lange Geschichten, Anekdoten und aphoristische Zuspitzungen. Es liegt auf der Hand, dass u.a. Philipp Roth und J.M. Coetzee assoziiert werden. Die Ich-Figur, die ihre eigene Blindheit in einem etwas gewagten Vergleich mit der psychogenen Blindheit von Kriegsflüchtlingen anspricht, nämlich Frauen, die Kriegsgreueln in Kambodscha entkommen konnten, und sich ihrer eigenen Stummheit bewusst ist, kann sich zumindest jetzt mit Worten wehren und essentielle Wahrheiten ausdrücken, wenn sie in der Welt der Literatur Zuflucht findet. So denkt sie an Coetzees Buch „Schande“ und konstatiert über dessen Hauptperson David Lurie: „gleiches Alter, gleicher Job, gleiche Vorlieben. Gleiche Krise.“ Und auf einmal erlaubt sie sich, über den Umweg der Literatur einen Vorwurf zu formulieren:

Du warst einer von mehreren Freunden à la Lurie, die ich kannte: rücksichtslose, auf ihren Penis fixierte Männer, die Karrieren, Lebensunterhalt, Ehen aufs Spiel setzten – alles.

Oder sie lässt Literaten stellvertretend Tatsachen und Gefühle spiegeln, die sie sich niemals derart klar und offen zu äußern erlaubt hätte:

Ich mag keine Männer, die eine Spur weinender Frauen hinterlassen, sagte W. H. Auden. Der dich gehasst hätte.

Die Ich-Figur füllt ihre Tage nun vor allem mit Tätigkeiten rund um den Hund. Sie beobachtet und kommentiert sein Verhalten, vermenschlicht es. Und sie erinnert Tiergeschichten aus Büchern und Filmen, sinnt dem Schicksal dieser Tiere nach. Sigrid Nunez schrammt gelegentlich kurz am romantisierenden Kitsch an, etwa wenn die Ich-Erzählerin ihrem Hund Gedichte von Rilke vorliest, oder führt allzu simpel ein Geschmacksurteil vor, wenn Apollo die „dicke Taschenbuchausgabe des Knausgård“ zerfetzt. Doch es sind bloß flüchtige Momente, die rasch vom nächsten Ereignis abgelöst werden.

Dass der Hund nicht mehr jung ist und Doggen eine geringe Lebenserwartung haben, wird ihr bald bewusst. Zunehmend tauchen gesundheitliche Probleme auf, wird sein Leben erschwert durch Arthritis, ihres durch seine Inkontinenz. Zuletzt verbringen die beiden einige Tage in einem Häuschen in Long Island. Die Ich-Erzählerin probiert im vorletzten Kapitel allerdings noch einen anderen Schluss: Ihr „du“ hat den Suizid überlebt und setzt sich in einem Gespräch mit dieser Tatsache auseinander. Dass die Dogge nun ein Dackel ist, weist auf die Macht der Schriftstellerei und ihr Spiel mit Möglichkeiten hin.

Dreht sich das Buch um Tod und Trauer, so ist es dennoch keine bedrückende Aufarbeitung eines Verlusts geworden. Die Geschichte ist ergreifend und unterhaltsam, voll trockenem Humor und sie weist manchmal im Umgang mit dem Riesenhund durchaus slapstickhafte Momente auf. Die Ich-Erzählerin, die auch als Literaturdozentin unterrichtet, nimmt zudem schlichte Ansprüche und Marketingstrategien ihrer Student*innen aufs Korn und spitzt gegen Entwicklungen im Literatur- und Universitätsbetrieb. Grundton des Buchs ist dennoch eine tiefe Melancholie, die auch in flüchtigen Beobachtungen anklingt:

In einer Buchhandlung: Ein Mann geht von Tisch zu Tisch, legt die Hand mal auf dieses Buch, dann auf jenes, ohne eins davon näher zu betrachten. Ich folge ihm eine Weile, neugierig, für welches Buch er sich anhand dieser Methode entscheiden wird. Doch er verlässt den Laden mit leeren Händen.

Sigrid Nunez
Der Freund
Übersetzt von Anette Grube
aufbau
2020 · 235 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-351-03486-3

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