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Kritik

Gezeiten der Sprache, der Bilder, der Regung

Sigune Schnabels Debüt „Apfeltage regnen“
Hamburg

Denn in Meeresweiten
treiben Träume
in die Netze

Niemals reichen sie
für mehr als einen Tag.

Sigune Schnabel hat einige Lieblingsworte: Schnee, Schweigen, Sprache, Träume, Worte, Stille, Wind, Meer, Haut, Erinnerung. Oder es sind zumindest Begriffe, die immer wieder in ihren Gedichten vorkommen, die Ausgangslage bilden, stets eine Wendung zu veredeln wissen. Als wären sie kosmische Leiter, durch welche die aufgerufenen Emotionen besser fließen können. In meinem Interview mit ihr auf Fixpoetry antwortete Sigune Schnabel auf die Frage, was ihr zu dem Begriff Pathos einfalle und wie sie sich zu diesem Begriff verhalte u.a.:

Ein Text, der sich nur an den Verstand wendet, ist wie ein kleiner Tropfen, der in einen See fällt und schnell verschwindet. Wird auch das Empfinden berührt, versinkt der Tropfen nicht sofort; es bilden sich Wellen an der Oberfläche, die noch eine Weile kreisen.

Die Beschwörung des Empfindens und Spürens – einer Ferne oder Nähe gegenüber dem Erwünschten, Erwogenen, Ersehnten – bildet dann auch den Grundanstrich der Gedichte, die zentrale Tonlage in Schnabels Debüt „Apfeltage regnen“.

In ihrer Interviewantwort legt sie direkt noch einen weiteren Zug ihrer Dichtung offen: ihre Vorliebe für das Allegorische, das in ihren Gedichten oft die Dynamik bestimmt, geheimnisvoll Ahnungen und Gewissheiten verwaltet und Sprache und Welt ineinanderfließen lässt.

Abends legen wir unseren Träumen
Schwimmflügel an,
doch wenn sie mit nassem Haar
aus dem Wasser steigen,
haben wir keine Handtücher,
sondern nur Fragen
an denen sich ihre glatten Körper
reiben.

Der allegorische Aspekt kann sehr sanft und in einer einzelnen Wendung auftreten, manchmal dominiert er aber auch das ganze Gedicht. Ich habe mich dann und wann an die frühen Werke Paul Celans erinnert gefühlt, an ihre episch-manifestierende und gleichsam fragile Sprache. Auch bei „Apfeltage regnen“ ist es oft das Fragile, das (auch inhaltlich) betont und hervorgehoben wird; nicht zuletzt dadurch, dass Schnabel immer wieder die Begriffe „Wort(e)“ und „Sprache“ als Elemente in ihre Dichtung miteinbringt, was an manchen Stellen zu Überlegungen bezüglich der Verbindung zwischen Dichten und Kosmos einlädt, an manch anderen Stellen aber zu einer Unklarheit, ja, fast schon Unkenntlichkeit bei dem Zusammenspiel von Wort und Gegenstand, Reflexion und Bezeichnung führt.

In dieser Facette wird aber auch ein Ringen deutlich, welches das Gelingen und Scheitern der Kommunikation durch Metaphern und Begriffe illustriert; die Kommunikation, die Sprache selbst, bricht in Worten wie „Schweigen“ und „Stille“ auseinander, um kurz darauf in unverhofften Bildern doch wieder zusammenzufinden. Das führt dazu, dass die Gedichte manchmal wie eine Seifenblase wirken, die kurz vor dem Zerplatzen steht.

Nachts glüht die Zeit aschig
in den Fenstern
und Abdrücke von Unsagbarem
haften auf dem Glas.

Dir legt sie Dunkles
in den Blick.
Deine Augen bleiben ohne Horizont
und eben führen sie
in dich hinein.

Auch in ihrem Zug zum Zwielicht und einem großen, umfassenden Du, das immer wieder eine Rolle spielt, ähneln die Gedichte dann und wann der celanischen Diktion; zusätzlich noch im sehr nachdrücklichen Einsatz von Farben, die ebenfalls ein wichtiges Motiv sind.

Das Du ist mir ein wenig ein Rätsel geblieben; ich bin mir nicht sicher, ob es gewohnheitsmäßig ist, obligatorisch oder ob dahinter wirklich eine angesprochene Instanz liegt; ob die Lesenden gebannt werden sollen durch dieses Du oder ob es schlicht ein Partner*innen- oder Freund*innenDu ist.

In jedem Fall bedingt diese Häufung in vielen unterschiedlichen Gedichten eine Vertrautheit, weißt aber viele Gedichte auch als Auseinandersetzungen aus, als Versuche die Entfernung zum Du zu überbrücken, es zu erreichen; manchmal wirkt es so, als wüssten die Metaphern, dass sie ihre Wirkung erst vollständig entfalten können, wenn dieses Erreichen gelingt. Vielleich ist das Du auch dann und wann ein Ich, das mit schwer zu erreichenden Stücken von sich selbst versöhnt werden will. Aber wahrscheinlich gibt es gar kein einheitliches Du und dieser Begriff steht übergreifend für den Anderen/das Andere, denen der Versuch der Sprache gewidmet ist.

Am Abend schlich das Schweigen
als Raubtier aus den Büschen.
Zwischen zwei Genickbissen
liebten wir uns manchmal
oder wir stiegen
unter rauchigem Himmel
auf Mauern,
die von innen
an die Schädeldecke stießen.

Der Gedichtband ist in sieben Kapitel unterteilt, in denen sich jeweils einige eigenständige Strömungen und Ideen verorten lassen. Aber eigentlich hat man das Gefühl, dass alle Gedichte Variationen eines bestimmten Repertoires sind; oder, anders gesagt: man hat das Gefühl, dass sie alle Teil eines größeren Gedichts sind, das aus ihnen hervorscheint. Natürlich ist jedes Gedicht eine Botschaft für sich. Aber durch die Wiederholungen der Schlüsselbegriffe, die zu Verweisen werden, die über das einzelne Gedichte hinaus mit den Wendungen der anderen Gedichte in Kontakt treten, sie ergänzen und konterkarieren, entsteht eine Art Kern, der sich in fast allen Gedichten verorten lässt.

Und immer mit der Flut
kommt deine Sehnsucht,
brandet, prallt zurück, strömt
niemals in mich ein.

Doch am Ende soll vor allem betont werden: Die Sprachalchemie, die in diesem Band vollzogen wird, die Bildmagie, ist großartig und immer wieder erstaunlich. Wenn meine Fantasie ein zerklüftetes Höhlensystem wäre, dann wäre Sigune Schnabels Sprach- und Bilderwelt ein Fluss, der bis in den tiefsten Spalt, die abgelegenste Grotte vordringt und dort beginnt, mit seinen Wassern überall Gestein abzutragen, meine Fantasie löslich zu machen und in Bewegung zu versetzen, ein Funkeln hervorzubringen.

Es sind diese Bilder, die den Band so lesenswert machen; die manchmal durchaus etwas Beliebiges, Beiläufiges haben, aber einen immer wieder in eine Emotion, eine Regung führen. Wegen dieser Bilderwelt empfehle ich Sigune Schnabels Gedichtband – als einen Ort, an dem Sprache und Welt sich verbinden, gemeinsam Verwerfungen erzeugen und innere und äußere Landschaften ineinanderfließen.

Durch meine Mitte
verläuft ein Docht,
und seine Spitze
atmet flackernd Funken.
[…]
Nachts gehen die Stunden
auf Stelzen,
größer als wir
je waren.
[…]
Du sagtest,
Erinnerungen wachsen im Schatten
zwischen Gesteinsbrocken.
[…]
Gedankenketten hängen
zwischen uns
und schaukeln im Wind.

Sigune Schnabel
Apfeltage regnen
Bilder von Gertraude Nitsch
Geest-Verlag
2017 · 11,80 Euro
ISBN:
978-3.86685-636-3

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