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Kritik

Die Kunst des Lügens, ehrlich geboten

Hamburg

Ein Buch über die Lüge muss – oder müsste – grandios sein. Immerhin bedarf es einer tragfähigen Theorie dessen, was wahr sei, ehe man dann intentionale Abweichungen erläutern könnte, und zwar in ihrer ganzen Breite. Simone Dietz unternimmt den Versuch in "Die Kunst des Lügens" – und in vielen Hinsichten recht geglückt.

Die Frage, was denn wahr sei, umschifft sie zwar, bzw. ist ihre Epistemologie ein zweiseitiger Kommentar zu einer Bemerkung Montaignes, auch schränkt sie die Lüge hernach zu sehr ein, aber das, was sie leistet, ist verständlich und kohärent.

Zuallererst ist da die Frage der Kunst der Lüge – dürfe man von ihr sprechen, wenn es „ein striktes Lügenverbot” bei unter anderem den Scholastikern und Kant gab? Doch es gehe ja um eine Beschreibung, kein „Plädoyer” diese betreffend, Glück gehabt… Und ja, das ist etwas spöttisch gemeint, denn dieser moralische Unterton stört hier und auch später, weil er die Analyse – mitunter – stören kann.

Was ist eine erfolgreiche Lüge? Erstens muss sie einen Sachverhalt wiedergeben, „etwas behaupten”, so Dietz. Dass das so ist, darf man bezweifeln, denn der Lügner könnte auch einfach etwas so beschreiben, dass der der Schluss, aus dem sich die Lüge ergäbe, von seinem Gegenüber gezogen wird. Insofern ist es auch nicht wahr, dass zweitens „die Adressaten die Behauptung auch glauben” müssen, damit die Lüge Erfolg hat, sie müssen bloß darauf vertrauen, dass sie mit dem Gesagten in Bezug auf die Realität effektiv operierten. Und beim dritten Punkt wird’s sowieso schwierig: Es müsse sich „durch diesen Glauben noch der weiter reichende Zweck der Lüge erfüllen” – der aber sogleich durch die moralische Grundierung etwas von Betrug hat. Was indes ist mit den unterhaltsamen Lügengeschichten Münchhausens, die trügerische Plausibilitäten dekonstruieren? Die Einengung Dietz’ vergisst auf den Münchhausen Karl Lebrecht Immermanns, diese Geschichte in Arabesken, etwas leichtfertig, hier sei auch auf den schönen Essay von Hans-Dieter Bahr hingewiesen: "Über den Humor der Metaphysik" oder "Die Kunst eines gewissen Freiherrn von Münchhausen" (im Band Riskante Bilder, ed. Norbert Bolz et al., München 1996).

Interessant sind dennoch die Ausführungen dazu, was es denn an Lügen so gibt – samt Randphänomen wie dem bullshit, dem Harry Frankfurt einen Essay widmete, 30 Jahre vor Trump, so könnte man hinzusetzen. Bullshit ist „die schleichende Entwertung von Diskursen”, so Dietz, also in Bezug auf den „weiter reichende(n) Zweck der Lüge” fast als solche zu verstehen, nämlich als Manöver, das in Zeiten des dummen Neofeudalismus, der blanke Gewalt, elegantere und weniger elegante Erpressungen und die Wucht fetischisierten Kapitals gegen den Widerstreit stellt, die Ressource zerstört, die gegen diese Barbarei immer stand und noch steht: den irgend relevanten Gebrauch des Arguments. Noch der Glaube an etwas, das gegenüber dem Postfaktischen einfach Faktum wäre und nur der Aufrichtigkeit bedürfte, ist übrigens bei Frankfurt, und das wäre zu ergänzen, bullshit, „sincerity itself is bullshit” – auch Max Blacks "The Prevalence of Humbug", ein fabelhafter Essay, ebenfalls aus den 1980ern, sei hier ergänzend erwähnt.

Dass Dietz in der Folge die „Verantwortung der Belogenen” nur in dem Sinne bespricht, ob die im berühmten Beispiel Kants durch die Wahrheit zu ihrem Opfer, das man versteckt hatte, geleiteten Mörder den, der Auskunft gab, kompromittieren, ob es hilfreich sei, dass sie aber doch selbst die Mörder bleiben, überrascht.

Es gibt auch Situationen, worin die Lüge entschuldbar sein kann – oder eine moralische Option. Gutachtendilemmata u.a. bei Kelsen führt hierfür Dietz an, wie auch etwa „Lügen zum Schutz der Privatsphäre”, die heute auch schon moralisch sein könnten: Man denke an Alexander Kluges Ausführungen hierzu. Und auch die „»Lügenpresse«” wird behandelt: Ist sie es, ist es ein Irren, das ihr manchmal eignet, ist die Vokabel Kampfbegriff derer, die bullshit verbreiten, sei’s als Opfer, sei’s als Strategen..?

Was ließe sich abschließend sagen? Dietz hat eine seriöse Einführung in einige wesentliche Fragen geboten, respektabel ist das Buch bei mancher Unterlassung und wenigen Unschärfen jedenfalls; so kann man dem Leser das Buch (plus Frankfurts Bullshit-Essay, natürlich) empfehlen. Ungelogen.

Simone Dietz
Die Kunst des Lügens
Eine sprachliche Fähigkeit und ihr moralischer Wert
Reclam
2017 · 203 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-15-011103-1

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