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Kritik

Widersprüche, i.e. Was?

Hamburg

Erst wenn man Simone Weil auch als Nervensäge und Tollpatsch annehmen kann und nicht nur als Heilige verehren muss, wenn man erkennt, dass Jesus und Charlot nicht nur nebeneinander, sondern in ein und derselben Person existieren können, wie es Beckett mit Godot angedacht hat, öffnet sich Simone Weils Denken in einer neuen Dimension und reicht mit ihrem immerwährenden Spekulieren bis hinein in unsere Zeit.

Das schreibt Frank Witzel in seinem wahnsinnigen Nachwort zur Neuausgabe von Simone Weils umstrittenem aber wichtigen, hochinteressanten Schwerkraft und Gnade, hier erstmals in voller Länge publiziert, heißt, inklusive aller antijudaistischen, antisemitischen Fragwürdigkeiten, die damals in den Erstausgaben der späten 40er Jahre von ihrem Übersetzer Friedhelm Kemp aus offensichtlichen Gründen ausgelassen wurden. Wie auch das gesamte Buchkonstrukt überhaupt, nämlich eine einem gewissen Thibon von ihr selbst kurz vor ihrem Anorexie-Tod überlassene Zettelsammlung, die mit Sicherheit mindestens entstellend und tendenziös von ihm posthum herausgegeben wurde. Thibon war konservativer Christ, Simone Weil definitiv zunehmend vom Christentum besessen, sodass sich eine „Mesalliance pro Gott“ hier abzeichnet, die sich bizarr liest, wenn nicht sogar “ von allen guten Geistern verlassen“. Witzel bringt es daher oben auf den Punkt – anders als Heinrich Böll, der vor Weils „Heiligkeit“ zurückschreckt oder Susan Sontag, die sie früh als „äußerst originell, obwohl man nicht alle Ansichten teilen muss“ bezeichnet, sich aber inhaltlich aus der Affäre zieht. Auch Herausgeberin Charlotte Bohn gibt einen hervorragenden Überblick zur Editionsgeschichte dieses von einigen überraschenden „Unverzeihlichkeiten“ Weils gekennzeichneten Texts. Es ist klug, zunächst die LeserInnen direkt, ohne weitere Vorrede mit Weils Gedanken, ihren Ausfällen, Höhenflügen, ihrer Literatur zu konfrontieren, um einiges zuletzt unmissverständlich ins widersprüchliche Fanatikerinterregnum einzuordnen.

Weils sich wie eine eigenartige Lebenshilfe strukturierte Aphorismen sind von ausgesprochener Kargheit gekennzeichnet. Sie streift beständig ein „zu wenig“. Man folgt ihr mit offenem Mund, diese Texte verlangen ihren Lesenden alles ab, und lassen sie dennoch wie eben gestreift zurück, nur von was? Diese Schwerkraft? „Lass dich von keiner Zuneigung gefangen nehmen. Hüte deine Einsamkeit“, schreibt Weil. Ihr völliges Aufgehen, ihr Identifizieren mit dem Leiden: „Das Schöne ist das, was man begehrt, ohne es essen zu wollen.“ Witzel, in Rekurs auf Lacan, kommentiert ihre Anorexie, „nicht nichts mehr zu essen, sondern das Nichts zu essen.“

Weil touchiert häufig das Verhältnis zum sogenannten „Andern“, ist Lévinas manchmal gar nicht so fern, doch ihre Volten ziehen im nächsten Moment, zettelkastenverfertigungs-immanent, derart woandershin, dass einem schwindelt. Sie hält das Christentum für real, andere „Religionen aber für imaginär“ usf. weil „irdisch“.

Was den Menschen zur Sünde fähig macht, das ist die Leere. Alle Sünden sind Versuche, eine Leere auszufüllen.

[...]

Das Vermögen, einen Gedanken ein für alle Mal zu vertreiben, ist die Pforte der Ewigkeit. Das Unendliche in einem Augenblick.

[...]

Ein Eichhörnchen, das seinen Käfig umtreibt, und das Kreisen der Himmelskugel. Tiefstes Elend und höchste Größe. Wenn der Mensch sich selbst als ein Eichhörnchen sieht, das einen kreisförmigen Käfig umtreibt, dann ist er, wenn er sich nicht belügt, dem Heil nahe.

„Wie befreit man sich von dem, was die Schwerkraft ist?“, fragt Simone Weil. Und von dieser Stelle an, oder frei von jenen genannten nicht-leeren Einflüssen, hebt Weils Denkprosa ab. Unendliches Kreisen im Versuch, die Bahn zu verlassen – ausgesetzt einer irgendwie erwarteten Gnade, oder künstlich herbeigeführten Ekstase in einem körperverachtenden Sinn, ohne bataillescher Aktion vorzugreifen. Simone Weil ist oft ungreifbar, was bleibt, ist eine verführerisch jenseitige Prosa. Eine großartige Edition bei Matthes & Seitz Berlin.

Simone Weil · Charlotte Bohn (Hg.)
Schwerkraft und Gnade
Nachwort: Frank Witzel, Übersetzung Friedhelm Kemp
Matthes und Seitz Berlin
2020 · 249 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-934-8

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