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Kritik

Kleine Gespenster im Passwort

Hamburg

Der zweite Gedichtband von Sina Klein ist erschienen. Bei Klever in Wien unter dem Titel skaphander, ein nämlicher ist auf dem Buchdeckel illustriert: "1. Schutzanzug für extreme Druckverhältnisse (z.B. für Raumfahrer) / 2. (veraltet) Taucheranzug". Nach narkotische kirschen, auch bei Klever, geht Klein weiter im Werk, legt Gedichte ab, die kurz und kompakt, "selbst als Schutzanzug für extreme Druckverhältnisse fungieren" sollen.

Ein Tauchen in "(digitalen) Räumen" im Anzug, Du und Ich, "bis zur Vertauschung zusammen gerückt", dabei selbst "ausgehöhlt", vielleicht von der Kompetenz dieser digitalen Räume. So heißt es im Band über den Band. Interessant, der griechische Terminus  skaphe = ausgehöhlt in diesem Zusammenhang. Also ein Steigen und Sinken, Schieben und Verschwinden in und mittels Identitäten, durchaus digitale Vorgänge.

In verschiedenen Gedichtgruppierungen tut Klein genau das, wobei sie bei aller Knappheit der Einzelgedichte in einigen Tonlagen Gefahr läuft, in freier Betulichkeit zu navigieren. Doch steuert sie gegen und schiebt unerwartet Fremdtexte, geliehene Kommentare oder (Pseudo-) Lemmata hinein, die, im Gesamtzusammenhang gelesen, interessante Irritierungen erzeugen. Die Gedichtbereiche von skaphander könnten durchaus als Levels oder Raum = Sprech-Welten gelesen werden, durch die Identitäten im Gedicht verborgen/ geschützt als selbiges mit ihrem jeweiligen Sprechzeug unterwegs sind. Sina Kleins bisweilen harsche Weltkonfrontationen dieser verschiedenen Ichs und Dus verleihen dem Buch seine Komplexität und Relativierungen. Die reduzierte, verreimte beinah Alltagssprache in Prognosen, zurückhaltenden Pointen und Notaten trifft die andere Realität:

salz

die katze hat das salz verschüttet.
das soll es sein, was mich zerrüttet, du?

ich las: das herz wog hundertfünfzig gramm
in einer fremden hand, am ende nimmt

der kamm den ganzen kopf. und du? – du gehst
zur haustür raus (das frühstück steht noch aus),

und wunderst dich, ob was nicht stimmt mit mir,
ich sage dir: das war das letzte / salz.

schier

Apophenia (/æpoʊˈfiːniə/) is the tendency to perceive
connections and meanings between unrelated things.

(Wikipedia)

 

The shots change in their level of symmetry
during the course of the sequences. [...]
Those things start to rhyme after a while in a great way.

(78/52, Dokumentation 2017)

 

25 (scharnier)

an mir läuft nichts wie geschmiert, ich klinge
seltsam an den schnüren, wenn wir angebunden sind
und aufgezogen bis zum anschlag, wie die uhr.
ich bin verdächtig, weil das rädchen in mir bricht
und leugne das und lüge vielleicht, wie viele
nächte ich eigentlich / in reparatur ging.

Der Band zeigt immer dann Sina Kleins Vermögen an den aufbrechenden Stellen, wenn die zunächst etablierten Sprachräume, seien sie verträumt, zurücknehmend, ver-icht gegen die völlig konträren Annahmen und Mitbringsel ihrer Quellenschlepperei stoßen. Erst hier vollzieht sich jenes angesprochene Tauschen und, im Rückblick, das Bild einer sprechzeuglichen Aushöhlung der Figurenanzüge in skaphander. Unbedingt im Ganzen und in Reihenfolge zu lesen, sonst verpasst man jene Entladungen.

 

Jemanden seinen eigenen Geheimnissen gegenüber
so auszuliefern, macht man nicht.

(48.222625 / 16.37.5234 am 13.2.18)

Sina Klein
skaphander
Klever
2018 · 78 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-903110-32-8

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