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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Konfuses Imperium

Hamburg

Die Wurzeln das amerikanischen Provinzialismus. So ähnlich stellt Heinrich Steinfest in seinem Nachwort zum – von Christa E. Seibicke neu übersetzten – Sinclair Lewis-Klassiker Main Street eine Verbindung her zum aktuellen Amerika, das dem damaligen Amerika tatsächlich in Vielem gleicht; jedenfalls was das Verhalten des biederen, kleinbürgerlichen Figurenpersonals (des Romans) angeht.

Die Bewohner des fiktiven Gopher Prairie, Minnesota, gleich beim Lake Minnemashie, sind ein Schildbürgerensemble ersten Ranges. Selbstgerecht, brav, kapitalistisch. Carol Kennicott, eine kluge junge Frau, gerät in dieses Provinznest, und beschließt, dort aufzuräumen; Politik zu machen, Geschmack zu verbreiten, alles, was man sich vielleicht von einer Art Wonderwoman der Werte auch heute wünschen könnte, und die Gophers in allen Kabinetten zurück ins Gopher Business zu schicken. Auf fast tausend Seiten gibt Carol, "vergeistigt und übersinnlich", nicht auf, scheitert vielfach, verliert und gewinnt Freunde, hat Kinder mit einem bis zum Ende absolut dümmlichen Mannsbild von einem tüchtigen Arzt Dr. Kennicott und blickt melancholisch auf das Jahr 2000, wenn man "fliegt und vielleicht auf dem Mars" eine neue Chance hat.

Der bittere, satirische Roman hält in der Übersetzung den Spagat aus Lehrstück ohne Spielräume und gewitztem Dickens-artigen Charakterbild einer Epoche. Dabei erzählt Lewis traditionell, folgt Carol auf Schritt und Tritt, weiß einfach alles über sie und jeden ihrer Pläne und man geht auf diese Weise selber mit, durch diese Welt aus Staffage, Widerstand und Lächerlichkeiten. Die Kommentare von Lewis sind frech bis über den Rand, treffend und machen den Band zu einem kleinen Pageturner. Handlich aufbereitet in der neuen Manesse-Gestaltung, gibt es neben Steinfels' Nachwort ein sehr umfangreiches Anmerkungsregister das zusätzlich hilft, den von Hemingway, Fitzgerald, Faulkner in den Schatten gestellten "Lewis of the 20s" hierherzuholen. Gut gelungen. Aus dem Inhalt:

[Carol:] "Genau das werde ich nach dem College tun [...] Ein Zeichen will ich setzen! [...] Für die hässlichen Ortschaften hier im Nordwesten hat nie jemand etwas getan [...] Ich werde dafür sorgen, dass man einen kleinen Park anlegt, entzückende Cottages baut und eine malerische Main Street."

[So sieht es aus in Gopher Prairie:] Ein Herrenfriseur mit angrenzendem Billardzimmer. Ein Mann in Hemdsärmeln, vermutlich Del Snafflin, der Besitzer, rasiert einen Kunden mit großem Adamsapfel.

Nat Hicks' Schneiderei in einer Seitenstraße unweit der Main Street. Ein einstöckiges Gebäude. Auf einer Modezeichnung sind menschliche Heugabeln in Kleidungsstücken abgebildet, die hart wie Stahlpanzer wirken. [...]

Das muffige Schulhaus aus gelbem Backstein, umgeben vom schlackenbestreuten Hof und Sportanlage. [...]

Die Nationale Landwirtschaftsbank. Ein ionischer Marmortempel. Rein, edel, einzigartig. Eine Messingtafel mit der Inschrift "Ezra Stowbody, Präs.".

Zahlreiche ähnliche Geschäfte und Einrichtungen. [...]

Es war nicht allein die ungeniert aufdringliche Hässlichkeit und das Steife, Geradlinige, was sie [Carol] erschütterte, sondern auch die Planlosigkeit, ja der provisorische Charakter der Bauten und deren unschöne, verblasste Farben. Die Main Street war ein Durcheinander aus Strom- und Telegrafenmasten, Zapfsäulen und Frachtkisten. Ein jeder hatte sein Haus unter denkbar kühnster Missachtung aller anderen gebaut. [...] Carol flüchtete aus der Main Street und floh nach Hause.

Carol und Kennicott gehen auf Parties, mischen sich ein in den Tratsch und die Gründerzeitchancen, vor allem Carol. Sie gründet Lesegruppen, eine Theatergruppe, versucht dem chauvinistischen Kleinstädtertum Beine zu machen. Sie beteuert, "ein echtes Mitglied dieser Stadt zu werden, und trotzdem vom Spießervirus verschont." Es entwickeln sich Subplots um Bjornstam u.a., den einzigen Nonkonformisten, der letztlich aber auch verstrudelt.

Sicherstes Anzeichen des nahenden Winters war das Faktotum der Stadt: Miles Bjornstam, ein hochgewachsener, stämmiger Junggeselle mit rotem Schnurrbart, ein rechthaberischer Atheist, Ladendisputant und zynischer Weihnachtsmann.

Trotz seiner Vorhersehbarkeit und Überlänge nutzt Lewis über den ganzen Roman verteilt – ohne sie freilich aufzubrechen – früheste Techniken der Textsorten-Montage. Beispielsweise assemblierte Listen und Werbesprüche:

"Meine Füßchen hatten keinen Schimmer, was totale Trittsicherheit bedeutet, bis ich die raffiniert rassigen Cleopatra-Schuhe kennenlernte."

Und Carols erste Gehversuche ihrer Theater AG als dralle Parodie:

Als nach einem Monat harter Arbeit immerhin neun Elftel des Ensembles häufig zur Probe erschienen, als die meisten ihren Text konnten und einige sogar wie menschliche Wesen sprachen, erlitt Carol einen neuerlichen Schock, ausgelöst durch die Erkenntnis, dass Guy Pollock und sie selbst sehr schlechte Schauspieler waren, Raymie Wutherspoon dagegen ein erstaunlich guter.

Der satirische Schlussdialog ist ein resigniertes Zusammenklappen des Buches, nicht ohne ein letztes Mal zu schmunzeln über die Menschen in Gopher Prairie – und nicht nur da.

[Carol:] "Ich lasse nicht gelten, dass Geschirrspülen ausreicht, um eine Frau zufriedenzustellen! Ich habe den Kampf für das Gute vielleicht nicht bis zum Ende ausgefochten, aber ich habe mir den Glauben daran bewahrt."

"Klar. Und ob", sagte Kennicott. "Also dann, gute Nacht. Hab so das Gefühl, als würd's morgen schneien. Darf nicht vergessen, bald die Winterfenster einzusetzen. Du, hast du gesehen, ob das Mädchen den Schraubenzieher zurückgelegt hat?"

Sinclair Lewis
Main Street
Übersetzung:
Christa E. Seibicke
Manesse
2018 · 1008 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3717524540

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