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Kritik

Tragen Körper Seele auf oder füllen Seelen Körper?

Zu Siri Hustvedts umfangreichem Essay „Die Illusion der Gewissheit“
Hamburg

Die meisten Menschen beurteilen den Körper intuitiv anders als das Denken. In der wissenschaftlichen wie in der populären Literatur wird immer wieder zwischen psychologischer und physiologischer Wirklichkeit getrennt. Sind beide verschieden? Oder sind sie ein und dasselbe? In welcher Beziehung steht ein Gedanke zu den Neuronen im Gehirn? Hat die Form des Dreiecks dort draußen im Universum nur darauf gewartet, von einem Menschen entdeckt zu werden?

Das Dualitäts- oder Körper-Seele/Geist-Problem ist vermutlich eines der ältesten metaphysischen Probleme der Menschheitsgeschichte, auf jeden Fall eines der am häufigsten diskutierten. Lange Zeit war diese Diskussion in den Bereichen von Philosophie und Theologie beheimatet, im 20. Jahrhundert haben die Psychoanalyse, die Neurowissenschaften und die Molekularbiologie immer größere Teile des Problems (oder besser: seiner vermeintlichen Lösung) für sich beansprucht.

In jedem Fall war das Dualitätsproblem stets ein beliebter Zankapfel und einer der Eckpfeiler der meisten größeren philosophischen (und heute auch wissenschaftlichen) Konstruktionen und dezidierte Weltanschauungen kommen selten um eine Positionierung/Ansicht zu diesem Thema herum.  Lösungsvorschläge, Ansätze und Ausdeutungen finden sich dementsprechend sowohl in Werken mit materialistischem, empirischem Weltbild als auch in Werken mit spirituellem oder esoterischem Charakter. Vertreter*innen verschiedenster wissenschaftlicher Felder haben, basierend aus den Erkenntnissen ihrer jeweiligen Forschung, Vorstellungen entwickelt und propagiert.

In vielen Fällen ist dies vorschnell geschehen – nicht selten in dem Wissen, dass dieses Problem aufgrund seiner Dimension viel Aufmerksamkeit auf sich zieht und jeder gut inszenierte Lösungsvorschlag Wellen schlägt. Hirnareale, die DNA, kosmische Strings, Chakren oder die Seele – Vorschläge für den Sitz des Geistes gibt es genug. Seine Verortung und die Klärung seines Verhältnisses zum Körper sind Ideen, für deren unterschiedliche Konzepte sich Menschen schnell begeistern lassen (der Wunsch nach einem solchen einleuchtenden Konzept kann als eine der Grundlagen religiösen Glaubens gesehen werden).

Dieser schnellen Begeisterung ist es zu verdanken, dass sich sehr, sehr viele Allgemeinplätze eingebürgert haben, die oft nicht wissenschaftlich gesichert sind oder nicht wirklich in den spirituellen und philosophischen Traditionen stehen, die sie in Beschlag nehmen.

Das verkürzte Teilwissen wird dann zum Bestandteil einer diffusen, aber allgemeinen Ideen-Wetterlage.

U.a. gegen diese „Ideen-Wetterlage“ geht Siri Hustvedt in ihrem neusten Buch „Die Illusion der Gewissheit“ (übersetzt von Bettina Seifried) vor. Das ganze Buch ist ein einziger langer Essay, eine Analyse der Ideenwetterlagen und Meinungen - richtigstellend und aufweichend, Erkenntnisse festhaltend und Zweifel streuend - untereilt in viele Unterkapitel, die aufeinander aufbauen und zwischen denen immer wieder Verbindungen geknüpft werden.

Es gibt durchaus Etappenfokusse und Kernthemen (so beginnt Hustvedt ihr Buch mit einigen Abschnitten zur philosophischen Hintergrundgeschichte des Geist-Körper-Problems), aber letztlich ist das Buch sprunghaft, macht seinem Titel „Essay“ alle Ehre, ohne dabei allerdings willkürlich oder inkohärent zu werden.

In den einzelnen Kapiteln wirft Hustvedt Schlaglichter auf die Umgebung ihrer, meist in aller Bündigkeit vorgetragenen, Fragestellungen, illustriert sie mit Geschichten, mit Beispielen aus der Sekundärliteratur und mit polemischen, manchmal sogar fast poetischen Intermezzi.

Eine immer wieder auftauchende und zentrale Kritik des Buches richtet sich, wie bereits angemerkt, gegen die en vougen Allgemeinplätze, die selbstgefälligen Eindimensionen-Erklärungen der Populärbestseller und die verkürzten Theorieextrakte, die als unerschütterliche Fakten präsentiert werden und mithilfe derer sich Querleser*innen gerne über andere erheben, denen sie meist suggerieren, dass ihre Weltbilder längst abgehängt sind.

Im Laufe des Buches wird man so auch mit den Fallstricken konfrontiert, die vielen wissenschaftlichen Methoden innwohnen – wobei es Hustvedt nicht daran gelegen ist, die Wissenschaft generell auf tönerne Füße zu stellen. Sie will lediglich klarstellen, dass auch die Wissenschaft bei DIESEM Problem (bisher) keine wirklich überzeugenden Lösungen zu bieten hat und sich der Weg, den sie derzeit beschreitet (und der bereits viele Ansätze zu Erkenntnissen beinhaltet) noch nicht als Ziel verkaufen lässt. Vor allem, da die unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mehr und mehr für sich allein operieren und sich nicht genug mit anderen Disziplinen innerhalb oder gar außerhalb der empirischen Wissenschaften austauschen.

Wenn mentale Probleme Erkrankungen des Hirns und nicht Erkrankungen des Geistes sind, warum gibt es dann die Psychiatrie zur Behandlung der Seele und die Neurologie zur Behandlung des Gehirns? Warum nicht nur ein Fachgebiet, das sich mit Hirnkrankheiten befasst?

In vielerlei Hinsicht ist dieses Buch eine Bereicherung, Wissensvermittlung und anregender Fragenkosmos in einem. Doch muss darauf hingewiesen werden, dass es keine leichte Lektüre ist. Zum einen, weil Hustvedts Sprunghaftigkeit, bei aller Gewandtheit, mitunter auch zu kleinen Verwirrungen führt und sich Gedankengänge teilweise über einen sehr langen Zeitraum, unterbrochen von Einwürfen und Nebenschauplätzen, entwickeln. Zum anderen ist es Hustvedt ernst mit dem korrekten theoretischen Unterbau und so müssen dann und wann Begriffe nachgeschlagen oder komplexere, innerhalb von speziellen Wissenschaftszweigen entstandene Vorstellungen von den Leser*innen durchdrungen werden.

Es lohnt sich, aber es ist Arbeit – eine Lektüre, von der man vielleicht jeden Abend 50 Seiten in sich aufnehmen kann, mehr nicht. Dafür wird man in ein faszinierendes Feld entführt, in die Untiefen eines Problems, das jeden von uns betrifft.

Menschen sind die einzigen Tiere, die für Ideen töten, deshalb ist es ratsam, Ideen ernst zu nehmen, ratsam, die Frage zu stellen, woraus sie sind und wie sie zustande kommen.

Siri Hustvedt ist eine der glänzendsten Essayist*innen unserer Zeit (wobei ich ihre Bände „Leben, Denken, Schauen“ und „Being a man“ mehr schätze) und sie hat sich mit diesem Buch an eine Sisyphos-Aufgabe gewagt, was nicht mehr viele tun, vor allem nicht mit einem solchen, von Zweifel und Erkenntniswillen gleichsam bedingten Impetus. „Die Illusion der Gewissheit“ liefert in den seltensten Fällen Erklärungen, sondern schafft vielmehr Freiräume zwischen den sich drängenden Definitionen und Determinismen. Das ist, glaube ich, eine der wichtigsten Aufgaben der Literatur, eine der größten Qualitäten von Essays.

Siri Hustvedt
Die Illusion der Gewissheit
übersetzt von: Bettina Seifried
Rowohlt
2018 · 416 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-498-03038-4

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