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Kritik

Plurale Perspektiven

Hamburg

Lang und griffig ist der Titel der neuesten Essaysammlung der Schriftstellerin Siri Hustvedt. Eine Frau, also sie, die bekennende Feministin, blickt auf Männer, die wiederum auf Frauen schauen, was eine interessante Umkehrung von Blicken und Perspektiven verspricht. Doch eigentlich handelt es sich um eine Mogelpackung, denn das Buch besteht aus zwei Teilen und nur der erste, der elf Essays enthält, trägt diesen Titel, während der zweite Abschnitt mit der weniger reißerischen Überschrift „Was sind wir?“ auskommen muss, dem die Unterschrift „Vorträge über das Menschsein“ angefügt wurde. Hat man dann auch noch die marktschreierische Zuschreibung des Klappentexts hinter sich gelassen, nach der diese Essays „radikal“ seien, wo sie doch nichts anderes tun, als Denkbewegungen zu vollführen und uns durch die Verschriftlichung in Buchform erlauben, diese in der je eigenen Geschwindigkeit nachzuvollziehen, ist der Moment gekommen, sich in aller Ruhe und Konzentration auf sie einzulassen.

„Ich liebe Kunst, Geistes- und Naturwissenschaften“, schreibt Hustvedt in ihrer Einleitung. In jungen Jahren war sie an den Geisteswissenschaften orientiert, interessierte sich für Literatur, Philosophie und Geschichte. Später jedoch bemerkte die promovierte Anglistin, dass ihr etwas fehlte, was sie „den biologischen Teil“ nennt. Wie man aus früheren Büchern weiß, gilt ihr Interesse seit Jahrzehnten der Funktion bzw. Dysfunktion des Gehirns und den Disziplinen Neurologie und Psychiatrie, in die sie sich intensiv im Selbststudium sowie durch Besuch von Vorlesungen und Tagungen vertieft hat, ohne dabei eine, wie sie sagt, „formale Ausbildung“ zu durchlaufen. Zudem sei sie eine leidenschaftliche Leserin, randvoll „mit den nicht immer harmonischen Stimmen anderer Schreibender“. Was ist Wissen? fragt Hustvedt, wie sollten wir darüber denken? Gibt es biologische Wurzeln der Wahrnehmung und welche Rolle spielt das Geschlecht?

Natürlich hat mein Frausein die Geschichten, die ich erzähle, beeinflusst. Ich bin Tochter, Schwester, Ehefrau und Mutter, all diese Rollen haben geprägt, wer ich bin, zusammen mit der Geographie jenes unterschwelligen psychobiologischen Terrains, das ich mir für meine Literatur zunutze mache, aber meine Geschichten werden auch von meinem skurrilen Nervensystem, meinen breitgefächerten intellektuellen Leidenschaften, meinen unstillbaren Lesegewohnheiten geformt und, ungeachtet der Evolutionspsychologie, von meinem starken Ehrgeiz und eisernen Willen zu beherrschen, was auch immer mir an Ideen zu begegnen vermag.

Ihr Frausein prägt nicht nur die Geschichten, sondern auch ihre essayistischen Arbeiten. Sie begreift sich als wissensdurstige Brückenbauerin, die sich Dualismen annähert und versucht multi- bzw. interdisziplinär „Kluft“en zu überschreiten, jene zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, Geist und Gehirn, Psyche und Soma bzw. Psyche und Physiologie.

Die vorliegenden Essays sind zwischen 2011 und 2015 entstanden. Viele davon waren Auftragsarbeiten und sind anlassbezogen entstanden, wurden im Rahmen von Ausstellungen referiert, in Katalogen und Kunstbüchern abgedruckt. Andere hat sie an der Universität oder bei Kongressen und akademischen Konferenzen vorgetragen. Das Buch kann also als kreative Verwertung betrachtet werden, um Hustvedts Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Fragestellungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und sie in die Welt hinauszutragen. So nachvollziehbar die Beweggründe der Veröffentlichung sind, so zweifelhaft ist dieses dichte Kraut-und-Rüben-Sammelsurium in zwei Teilen, das weder thematisch noch stilistisch zu einer Einheit wird.

Der erste Abschnitt, übersetzt von Uli Aumüller, enthält eindrückliche Aufsätze zu verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern. Hustvedt geht der Frage nach, wie wir Kunst wahrnehmen und zeigt Kriterien auf, die unsere Beurteilung von Kunst und Literatur bestimmen.

Kunstgeschichte erzählt immer eine Geschichte. Die Frage lautet: Wie erzähle ich eine Geschichte? Und inwieweit wirkt sich das Erzählen der Geschichte auf meine Betrachtung und Deutung des Bildes aus?

Hustvedt hinterfragt intellektuelle Kodierungen, setzt sich mit kulturellen Sichtweisen und den Unterschieden von männlich und weiblich Kodiertem sowohl in der Kunstproduktion wie in der Bewertung auseinander. Sie zeigt die Bedeutung des Gefühls auf, das immer Teil unserer Wahrnehmung, „absolut wesentlich für das Verstehen eines Kunstwerks“ sei. Und sie weist auf das Schachteldenken im Kunstbetrieb hin (die Schachtel des weißen Mannes, die Schachtel „Kunst von Frauen“ usw.), erzählt von männlichen und weiblichen Perspektiven und führt Bedeutungszusammenhänge mit Zuschreibungen und Wertungen vor. Beredt lässt uns die Autorin begreifen, was sie an Louise Bourgeois fasziniert, warum sie „keinen Koons erwerben wolle“, setzt sich u.a. mit Karl Ove Knausgård, Susan Sontag, Pablo Picasso und Anselm Kiefer auseinander. Und sie gibt persönliche Einblicke, wenn sie über die Bedeutung der Psychoanalyse nachdenkt und die Veränderungen reflektiert, die sie durch ihre eigene erfahren hat. Beeindruckend sind auch Hustvedts Erfahrungen in einer New Yorker Klinik für Psychiatrie geschildert, in der sie stationäre Patient*innen vier Jahre lang ehrenamtlich im Schreiben unterrichtete. Das Ich der Autorin, die bekannterweise Romanschriftstellerin ist, steht in der Mitte der Geschichten, sie ist es, die sie durchlebt, die forscht, denkt, fühlt und von ihren Wahrnehmungen und Erkenntnissen erzählt. Sie tut dies wohltuend konsistent, intelligent und voraussetzungslos.

Ganz anders hingegen der zweite Abschnitt, übersetzt von Grete Osterwald, der sich mit neurologischen Störungen und psychiatrischen Krankheitsbildern beschäftigt. Acht der neun Essays entstanden als Vorträge für akademische Konferenzen, wurden ursprünglich vor einem Fachpublikum gehalten. Es sind Ausführungen etwa zu Autismus, Schizophrenie, Depression und Suizidalität, zur Wichtigkeit der Mutter-Kind- bzw. Bezugsperson-Kind-Bindung oder der synästhetischen Verarbeitung von Sinnesreizen, und die Autorin setzt sich mit sie interessierenden Themen der Philosophie auseinander. Manches an diesen Texten fesselt, anderes ist interessant. Doch man erkennt den ursprünglichen Zweck, ein Fachpublikum zu adressieren. Die Texte sind überfrachtet mit einer Unmenge an Zitaten gewiss wichtiger, gewiss beeindruckender Neurowissenschafter*innen, Psycholog*innen und/oder Philosoph*innen. Vieles wird angerissen, einiges lässt sich lesend nicht nachvollziehen und das nicht nur, wenn der fachliche Background fehlt. Hustvedt hat von „meinem starken Ehrgeiz und eisernen Willen“ (siehe oben) gesprochen, beides kann man ihr nicht absprechen, denn Essays dieser Art setzen lange und harte Arbeit voraus. Man merkt das Anliegen, dass die Autorin als Privatgelehrte eine Synthese verschiedenster Fachgebiete erarbeiten und wissenschaftlich vorgehen möchte, doch ab und zu wäre mehr Klasse und weniger Masse zielführender. Manches bleibt obendrein seltsam schwammig in der Ausführung, rutscht zuweilen deutlich ins Triviale und/oder Pseudowissenschaftliche ab.

Zwei Beispiele:

1) Im Essay „Selbstmord und das Drama des Selbstbewusstseins“ findet sich nach einem kurzen Antupfen zweier Zitate über „selbst-bewusste“ und „sogenannte Basisemotionen“ der Satz:

Nicht jeder akzeptiert diese Liste von Basisemotionen, und es wird viel darüber debattiert, wann und wie sich Selbst-Bewusstsein bei Kindern entwickelt.

Nicht jeder? Warum keine Präzision, wenigstens ein Verweis? Hier hätte man zumindest eine Gegenstimme anführen müssen. Auch ein Eingehen darauf, was denn „viel darüber“ debattiert wird und in welcher Form, wäre für eine seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung wünschenwert gewesen. Hustvedt wirkt in diesen Texten selbstgewiss, zugleich unsicher, trägt die Zitate wie ein Schutzschild vor sich her. Ihre Stärke, das Erzählen, findet zwar zwischendurch Raum, doch sie kann und will sie hier nicht ausspielen, wohl auch, weil es ihrem wissenschaftlichen Wollen widerspricht.

2) Wissenschaft und Glaube können koexistieren, sind aber allzu oft inkompatibel. Immer wieder taucht in den Essays des zweiten Abschnitts die Formel „ich glaube“ auf, was nicht einem religiösen Bekenntnis gleichkommt, sondern eine persönliche Meinung ist, die wissenschaftlich selten unterfüttert wird – es handelt sich immerhin zumeist um Texte mit wissenschaftlichem Anspruch, vorgetragen in einem wissenschaftlichem Setting. Geradezu grotesk wirkt es, wenn Hustvedts Zitierung natur- bzw. neurowissenschaftlicher Erkenntnisse ihre privat-öffentlichen Gegenpole „ich aber glaube“ (oder in der Verneinung: „ich glaube nicht), „zugleich vermute ich“, „mir scheint“ entgegengesetzt werden oder ein eingeworfenes „ich behaupte“ zuvor von ihr angerissene wissenschaftliche Erkenntnisse quasi mit einem Ich-Satz ad absurdum führen will. Hustvedt selbst stellt in den Essays immer wieder die Frage: „Was bedeutet das genau?“ und ihr Anspruch klingt an, zum Kern vordringen zu wollen, doch lässt sie die wissenschaftliche Genauigkeit in ihrem zum Teil missionarischen Eifer bei der versuchten Synthese zwischen unterschiedlichen Disziplinen leider manchmal vermissen.

Fazit: Ein großartiger erster Teil, der ein tolles eigenständiges Buch sein könnte. Ein trivial und pseudowissenschaftlich durchwachsener zweiter Teil, dem man sich auch entziehen kann.

Siri Hustvedt
Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen / Essays über Kunst, Geschlecht und Geist
übersetzt von: Uli Aumüller; Grete Osterwald
Rowohlt
2019 · 528 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3-498-03031-5

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