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Kritik

Rattenfänger, Hund, Schwanengesang.

Slobodan Šnajder versucht „Die Reparatur der Welt” aus der Mitte Europas.
Hamburg

Slawonien ist eine ethnisch durchmischte Donauregion im Osten des heutigen Kroatien, zwischen Südungarn, Bosnien und Serbien. Hier verlief nach dem Karlowitzer Frieden die so genannte Militärgrenze der katholischen Habsburger gegen die Osmanen. Die österreichische Kaiserin Maria Theresia ließ die fruchtbaren Ebenen zwischen Save und Drau besiedeln. Sie verschickte Protestanten und Juden zwangsweise nach „Transsilvanien”, vor allem aber aussiedlungswillige Jungbauern und -handwerker aus dicht besiedelten Gebieten des Heiligen Römischen Reichs, wo gerade Hunger herrschte. In mehreren Flößen – so genannte „Ulmer Schachteln” ­–  wurden Kolonisten aus Schwaben donauabwärts verbracht, gefolgt von Fuhren heiratswilliger Schwäbinnen:

S.30f „Beim Eintritt in das Kaiserreich beschlagnahmten die Zöllner Maria Theresias alle Lutherbibeln. Ein deutscher Kolonist durfte seine Katze, einen Hund oder eine Kuh mitnehmen, niemand hätte ihn nach Geld gefragt. Die kaiserlichen Beamten hatten ihn mit den nötigsten Papieren, mit Reiseproviant und einer kleinen, genau vorgeschriebenen Geldmenge versorgt, die die kaiserliche Kanzlei als Reisekosten verbuchte. Die Zöllner wussten, die armen Kolonisten würden keine so großen Summen ausländischen Geldes einführen, dass sie den Prägemünzen der Kaiserin hätten schaden können. Sie wussten, dass die Kolonisten sich selbst ins Kaiserreich einführten, ihre nackte Arbeitskraft und ihre Bereitschaft, sich zu vermehren.”

Einer, der von den Theresianischen „Rattenfängern” dem eigenen Herrn abgeworben worden war, hieß Georg Kempf. Der Ahn des Erzählers schlägt in Slawonien Wurzeln. Wie die donauschwäbische Mutter der Kempf-Sippe, Theresia, sich hier Terezija nennt, heißen die gemeinsamen Söhne, Enkel und Urenkel des Georg Kempf auf heimische Art Đuka.

In mehreren Generationen lebt man im Örtchen Nuštar. Den Frieden mit kroatischen und jüdischen Nachbarn stören weder Abstammung noch Religion. Vielmehr gilt das Wort der lokalen Wahrsagerin Juliška. Bei einer Läuseplage sagt sie 1914 den Weltkrieg voraus. Die Prophezeiung erweist sich als wahrer denn jede Ideologie. Wer sollte da noch glauben? Der Erzähler jedenfalls nicht. Der heißt nach dem Vater, um den es im Roman geht, Georg Kempf und ist wie der Autor Slobodan Šnajder 1947 geboren.

Slobodan Šnajder, Foto: Dirk Skiba

In „Die Reparatur der Welt” erzählt bzw. erfindet der bekannte kroatische Dramatiker, Intendant des Zagreber Jugendtheaters und Begründer der Literaturzeitschrift „Prolog”, die Geschichte seiner Eltern. Die Entstehungsgeschichte von – so der ursprüngliche deutsche Titel: „Das ehere Zeitalter” schildert der Autor in einem Interview dem „Deutschlandfunk”.

In Šnajders bekanntestem Stück „Der kroatische Faust” ging es um Verstrickung der Kultur Kroatiens mit der deutschen Besatzungsmacht, anlässlich der „Faust”-Aufführung 1941/42 in Agram/Zagreb. Wie in Klaus Manns Mephisto-Roman (1936) erweist sich der Theaterbetrieb als sehr anfällig für die eben herrschende Ideologie.

Für sein mitteleuropäisches Antikriegsheldenepos „Die Reparatur der Welt” hat Slobodan Šnajder die Tagebücher seiner Eltern erschöpft, ergänzt um die Geschichte der Donauschwaben, denen er entstammt. Die nach 1945 versprengte Volksgruppe lebt noch in der kroatischen Bezeichnung für Deutsche, Švabski, weiter.

Bislang hat das Völkergemisch Slawoniens erst aus Sicht der Serben Eingang in die Literarisch gefunden, in Bora Ćosić' experimentellen Romanen „Meine Familie während der Weltrevolution” und dem 150 Jahre umfassenden „Die Tutoren”, seinem in einem Atemzug mit Joyce' „Ulysses” genannten Opus magnum. Unter den zahllosen hierin aufgelisteten Namen gibt es auch einen ,Kempf’. Jüngst erzählt Christian Lorenz Müller in „Ziegelbrennen” anhand eines Frauenschicksals von Krieg und Vertreibung der Kroatin Ruzmarinka, nachdem sie einen Donauschwaben geheiratet hat. – Die deutschstämmige Bevölkerungsgruppe nähert sich erst in der heutigen Generation der problematischen Familiengeschichte.

Für den 2015 kroatisch erschienenen donauschwäbischen Vaterroman hat Slobodan Šnajder einige Literaturpreise bekommen. Deutsch übersetzt von Mirjana Wittmann und Klaus Wittmann ist er beim Wiener Traditionsverlag Zsolnay herausgekommen, welcher mittlerweile dem deutschen Branchenriesen Hanser gehört. Im März wurde der Roman von den Literaturredakteur/innen des Kultursenders Ö1, der den österreichischen RadiohörerInnen jährlich 800 Neuerscheinungen nahebringt, zum Buch des Monats gekürt.

Was ist die Geschichte, die der „Reparatur der Welt” zugrunde liegt?

150 Jahre nach seinem schwäbischen Urvater Georg Kempf geht der gleichnamige Protagonist anderen „Rattenfängern” auf den Leim: Die Nationalsozialisten machen mit Nachdruck deutschsprachige Slawonier mobil. Nachdem die ersten Kontingente „volksdeutscher” Jungmänner in Stalingrad gefallen sind, zieht man auch weniger geeignete zur Waffen-SS ein, darunter den Bummelstudenten Đuka. Nachdem sein Freund Franja bereits fort ist, dem der einsame Gelegenheitsdichter lange Briefe ins Feld schreibt, ohne dass je Antworten folgen, lässt sich auch der Vater des Erzählers als „Zwangsfreiwilliger” anwerben. In Stockerau erfährt er die Grundausbildung, rückt mit dem Regiment „Galizien” ein und wird 1943 nach Polen versetzt. Das mittels Baedeker bewunderte Krakau bleibt die letzte Bastion der Kultur. Von dort geht es ins polnische Hinterland, das Herz der Finsternis. Wo vordem die Russen gewütet haben, setzen die Deutschen mit Massenerschießungen fort. Đuka drückt sich. Er ist kein Held, aber übersteht wohl oder übel, wo hinein er in den nächsten beiden Jahren zwischen den Linien im „kleinen polnischen Krieg” gerät:

Als Verwundeter im SS-Lazarett hat er eine Affäre mit Krankenschwester Ania, die für die polnische Heimatarmee arbeitet. Sie verhilft ihm zur Desertation auf die andere Seite, wenngleich ihre Mission scheitert, ja Đuka sie letztlich verraten wird: als die Russen, auf deren Seite er schließlich abrüstet, sie als Faschistin bzw. nationalpolnische Widerstandskämpferin nach Sibirien verfrachten. Bis dahin irrt Kempf durch die polnischen Wälder, von den Bauern versteckt oder versklavt, sooft er sich, bei heruntergelassener Hose, nicht als Jude erweist, den man gegen eine Prämie den Besatzern ausliefern könnte.

Nunmehr „Jurek” Kempf ist allein oder mit flüchtigen Juden unterwegs. Eine Zeitlang schließt er sich dem alterslos wirkenden Mordechai an. In dieser Figur verkörpert der Autor den Ewigen Juden und lässt ihn bei philosophischen Diskussionen in Anbetracht des Todes die Ansichten Hiobs vertreten: Alles Leid verhelfe zu geistiger Auseinandersetzung und alles Fragen führe den Geprüften näher zu Gott. – Zwar teilt der ungläubige Kempf diese Welterklärung nicht, doch die Sichtweise geht ihm, nachdem Mordechai kurz darnach erschlagen wird, nicht mehr aus dem Kopf: Immer wieder sieht der Anti-Held zum Himmel, wo den Juden, gemäß der messianischen Ankündigung, die Sterne Versöhnung verheißen:

S.270f „Die Hoffnung ist das Überbleibsel des Lichts. In der kosmischen Katastrophe zerbrach das Gefäß des Lichts, wir nennen das shevirat, Milliarden und Abermilliarden Funken wurden freigesetzt...<...> Diese Funken blieben in einigen Menschenwesen bewahrt. <...> Nach Äonen, wenn dieses ewige Licht wieder zu einem Ganzen zusammengeführt wird, wird die Welt gerettet. Wir nennen das tikkun olam, die Reparatur der Welt.”

Nicht, dass die ersehnte Harmonie unter den Völkern und Parteien im Lauf der Handlung eintreten würde. Doch wird Kempf den Funken empfangen, der eine solche Reparatur verheißt: einen Augenblick von makelloser Schönheit, im Frost eines Sonntagmorgens an einem Schwanenteich des polnischen Dörfchens, wo er Zwangsarbeit leistet.

Bald darauf, mithilfe seines Besitzers geflohen, sieht der zukünftige Vater des Erzählers das schon aufgegebene Vernichtungslager Treblinka schwelen. Hinter einem Gebüsch erlebt er den „Goldrausch von Treblinka”, wo polnische Männer und Frauen auf der Suche nach Wertsachen Tausende jüdische Tote ausgraben. Auf der anderen Seite wird er Zeuge, wie eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge einer jungen Mutter den Säugling wegnimmt und tötet, damit sein Gewimmer nicht alle verrät.

Mit dem Sieg der Roten Armee über die Deutschen scheint Polen befreit. Der erschöpfte Kempf nimmt die Befreiung weniger als „Sphärenmusik” denn als den Lärm der T-34-Panzer wahr:

p235f: „Ihm schien, er sei von Kolonnen Roter Ameisen umzingelt. Da war ohne Zweifel eine Operation größeren Stils im Gange, aber er befand sich im trügerisch ruhigen Auge des Sturms.”

In seiner Vision sieht der unfreiwillige Soldat den Stalinismus in Polen als „Ameisenstaat". Nichtsdestotrotz wird sich die „Bumaschka”, ein Papier, womit die Rote Armee ihm bescheinigt, für die Befreiung Polens im Sinne des Sowjetstaats gekämpft zu haben, als nützlich erweisen, nämlich auf der Flucht heim. – Dort im veränderten Kroatien ist mittlerweile die deutsche Bevölkerungsgruppe vertrieben und in Lagern nahezu aufgerieben worden. (Der Friedhof, wo seine Eltern begraben liegen, wird im Jugoslawienkrieg 1991 zerschossen werden und die letzten slawonischen Donauschwaben von einem Hochwasser in die Donau geschwemmt, welche – in anderer Richtung, hinauf ­– seit den 1960erjahren jugoslawische Gastarbeiter Richtung Nordwesten ziehen werden, um sich in der BRD ein besseres als das sozialistische Leben zu erwirtschaften.)

Das rettende Dokument, das dem Protagonisten statt der verhängnisvollen Volkstums- die unbedenkliche ideologische Identität bescheinigt, führt Kempf eingenäht in seine Bluse mit sich, während das verräterische Mal unter seiner Achsel unbemerkt bleibt: die SS-Blutgruppen-Tätowierung analog zur Beschneidung, wie sie den jüdischen Fluchtgenossen zum Verhängnis gereichte. Offenbar zwingt ihn niemand zu bekennen, d.h. den bloßen Arm zu erheben – nicht einmal der eigene Sohn, der Erzähler und spätere Biograf, den das brennend interessieren wird. Doch wagt er  die Frage nicht. Erst das Auftauchen eines westdeutschen Vertreters des SS-Kameradschaftsbundes am väterlichen Grab zu Ende des Romans wird Klarheit schaffen.

Vielmehr hat sich Kempf unerkannt im nunmehr sozialistischen Jugoslawien eine Existenz als anerkannter Schriftsteller aufgebaut; ungeachtet dessen, dass er als Individualist keinerlei Illusionen im Sinne der grassierenden Aufbauideologie hat. Seine Situation sieht er wie folgt:

p236: „So ist <...> eine Rote Ameise, die nach allen äußeren Merkmalen zu ihrer Art und sogar ihrer Gattung gehörte, zu deren Unglück in ihren Ameisenhügel eingedrungen, sie wollte dadurch verbergen, dass sie, obwohl sie genau wie sie aussah, in einem anderen Ameisenhaufen geboren wurde... Es soll noch einmal betont werden: Diese Ameise war nicht schwarz, sondern schön rötlich, wie sie alle.”

Die Stelle steht – neben anderen literarischen Entwürfen des Protagonisten – von der Handlung gesondert im Kursivdruck. Das ist, neben den Briefen an den vermissten Freund Franja, die Selbstgespräche bleiben, nur eine Eigenart des Romans.

Die andere sind die in serifenloser Druckschrift gehaltenen, in Rahmen gesetzten Kommentare des Erzählers, die den Fluss der väterlichen Geschichte mit der Frage begleiten, wann der Nachkomme Kempf denn nun endlich gezeugt und auf die Welt gebracht würde.

Der Mann hat auf einem Ameisenhaufen übernachtet und den Totalitarismus entdeckt. Bald wird er nicht mehr schlafen wollen, um keine Träume zu haben. Vater Kempf, lass doch deine geschichtlichen Analysen, die Zeit dafür wird schon noch kommen.

Wie von Kritikern angemerkt, gelingt dem Dramatiker Šnajder die dem Chor der griechischen Tragödie nachempfundene epische Strategie zur Spannungssteigerung nur bedingt. Sie muss spätestens, als die Handlung bei Geburt des Autors im friedlichen sozialistischen Jugoslawien von 1947 anlangt, aufgegeben werden.

Denn bei Geburt des Erzählers befinden sich die dafür zusammengefundenen Eltern bereits in Trennung. Der Sohn wird den zunehmend dem Suff verfallenden Vater erst als Neunjähriger kennenlernen und bis zu dessen Tod nicht wagen, ihn nach seiner Kriegsvergangenheit zu fragen.

Der indes zieht am Ende seines Lebens, im Altersheim, noch einmal die Lehre aus seinen Erfahrungen:

S.492: „Da fällt sein Blick auf eine Ameisenkolonie: Geschlechtslose Arbeite­rinnen, das Ameisenproletariat, schleppen hastig etwas, was ihr Staat benötigt. <...> Ameisenkriege sind heftig und werden ständig geführt. Vielleicht werden die Ameisenhaufen nach jeder Kriegszerstörung erneuert?”

Soweit die Erschreibung des Vaters durch den Autor. Weniger Raum nimmt die Geschichte der Mutter des Erzählers ein: Vera entstammt einer sozialistischen serbischen Eisenbahnerfamilie. Nachdem ihr Bruder, ein Tito-Partisan, von der Besatzungsmacht aufgegriffen und in ein Todeslager verschickt ist, tauscht man sie, als Geisel der Deutschen in Stara Gradiška interniert, aus. Am Abend ihrer Rettung wohnt das – wie alle ihres Jahrgangs um Jugend und Bildung gebrachte – Mädchen im Partisanenlager einer Tanz-Aufführung frei nach „Schwanensee” bei:

S.71 „Vera war müde, aber schon die Tatsache, dass sie plötzlich gewaschen und sauber war, bewog sie, auf immer neue Wunder zu hoffen. Sie begriff, dass in ihrem Leben gerade etwas Außerordentliches geschah, allerdings zu einem horrenden Preis, den zu bezahlen sie nie bereit gewesen wäre: Man hatte sie ausgetauscht, weil sie ihren Bruder gefasst hatten.

Auf dem Podium stand ein weißgekleidetes Wesen, eine vollkommene Traum­gestalt. Vera schien, sie sei aus weißem Porzellan und könne jeden Augenblick zerbrechen. Doch diese fragilen Körperglieder wurden durch Hunderte Augen­paare zusammengehalten”

Als sie der Tito-Staat nach dem Krieg studieren lässt, wählt Vera auf der Stelle Literatur. Doch die Partei will die junge Frau nützlicher und lässt sie Elektrotechnik inskribieren. Vera gehorcht, lustlos, macht sich aber als Dorf-Agitatorin in Sachen Hygiene, Obstbau und revolutionäre Moral nützlich für die Partei.

In dieser Zeit lernen sich die junge Frau und der mit sowjetischer Unbedenklichkeits­bescheinigung aus Polen zurückgekehrte Kempf kennen und heiraten. Als ihr Sohn auf die Welt kommt, sind sie bereits so entfremdet, dass die Ehe geschieden wird. Grund der Zerrüttung: unüberwindlich verschiedene Lebensansichten.

Die Schlüsselszene, in der das dem Leser klar wird, ist ein theatralisches Ereignis: eine Aufführung von „Schwanensee” in der kroatischen Hauptstadt: „Ohne es zu wissen, sehen die zwei völlig verschiedene Vorstellungen.”

Kempf hat ein bestimmtes Bild mit Schwänen im Kopf. Für ihn ist die Erinnerung mit dem zugefrorenen polnischen Dorfteich verbunden, wo er einen beglückenden Sonnenaufgang erlebt und in einem Akt vollkommener menschlicher Einigkeit zusammen mit dem Feind einen Hund vor dem Ertrinken gerettet hat.

S.294 „Voll Überraschung sah er ein Schwanenpaar. <...> Soeben stieg die Sonne über den dunklen Rand der Baumkronen: Was für ein prachtvoller Augenblick! So viel Schönheit, die niemandem nützte! <...> Ein Sonnenstrahl traf ihn, Kempf musste die Augen schließen. <...> Hinter den geschlossenen Lidern erscheint ihm ein Schwarm junger Frauen nur mit glänzenden weißen Federn angetan. <...>”

Aus der tief eingeprägten ästhetischen Erfahrung hat Kempf zwei Dinge in sein ziviles Nachkriegsleben mitgebracht: Dass die Rettung des Hundes seine einzige Tat von Bedeutung geblieben ist und dass absichtsfreie Schönheit in der Wahrnehmung ihres Moments, ob von der Natur oder von einem Künstler wie dem Schwanensee-Komponisten Tschaikowsky gestiftet, das Einzige ist, was den Menschen zu erheben vermag. – Vera dagegen verschlägt es jeden Genuss, ob in der Liebe oder in der Entrücktheit durch das Ballett, weil sie alles in den Dienst der Parteiideologie stellt.

Der Roman, der 544 Seiten hat, liest sich flüssig. Über lange Strecken wirkt die vom Weltkrieg geprägte Lebensgeschichte des in den Bloodlands des europäischen Kontinents irrenden volksdeutschen Soldaten Kempf – Brigitte Schwens-Harrant spricht von „leidvollen Schleifen” – geradezu naiv. Doch nach und nach legen die Bilder von Ratten und Rattenfänger, Schwan und Sterben, Läuseplage und Sphärengesang Fahrt auf, kehren wieder und wieder und verbinden sich gegen Ende am Grab des Helden zu einem schwanenfederleichten Reigen aus Gelebtem und Versäumten, wo in der poetischen Vorstellung stattfindet, was in der brutalen Wirklichkeit nie passieren konnte: das Heilen der Welt mit der Geburt des gemeinsamen neuen Menschen.

Slobodan Šnajder
Die Reparatur der Welt
übersetzt von Mirjana Wittmann, Klaus Wittmann
Zsolnay
2019 · 544 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3-552-05924-5

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