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Kritik

Körper und Doppelpunkt

Sophie Reyer, "Wo Städte streiten"
Hamburg

Dies ist bedauerlicherweise meine letzte Rezension auf Fixpoetry, weil, verehrte Leser*in, Sie wissen eh … Sie betrifft stimmigerweise einen Gedichtband und also nichts, das in der Schwundmasse des Printfeuilletons deutscher Zunge derzeit leicht Platz fände: Sophie Reyer, "Wo Städte streiten", erschienen bei Moloko Print.

Es bietet sich an, dieses Buch als Dialog zu lesen, einerseits die (Stimme der) Dichterin, vis-à-vis die zahlreichen abgedruckten Fotografien von Maria Tunner (Tunners "Stimme", Druckerschwärze geworden in Form dieser Bilder) – Bilder von beinahe1 vollständig menschenleeren Infrastrukturen und Landschaften. Sagen wir: Die Abbildungen zeigen Spuren menschlicher Anwesenheit in der Welt, aber nicht die Anwesenheit selbst. Reyers über 100 Gedichte dagegen, die dazwischen angeordnet sind, sie lassen sich sämtlich zumindest auch als Gedichte vom und am Menschen lesen, im Sinne einer schwer auszublendenden Erotik und einer Haiku-haften Insistenz auf erschließbare Handlung und auf, wo schon mehrdeutige, so doch entzifferbar mehrdeutige (Vor-) Geschichten. Einerseits also Sprache vom Körper, Sprache auf und aus dem Körper; andererseits Blicke, körperlos, vom Format abstrahiert, in eine körperlose Welt ("Geisterwelt" wäre als Zuschreibung zu negativ aufgeladen, aber … naja …).

Das letzte Wort , S. 171-172, hat die Fotografin ganz direkt, in einem Texteintrag, etwas länger als die meisten der Gedichte, unter dem Titel "Miteinander sein". Beschreibt sie da den eben geschilderten, verschränkten Dialog von Bild (Blick, Leere, Erlebnis) und Gedicht (Sprache, Körper, Abstraktion) innerhalb eines einzigen Subjekts, oder viel unmittelbarer: eine erzählbare Liebesbeziehung? Dass beide Lesarten taugen, beschreibt den Schwebezustand, mit dem das Buch schließt.

Zu den Gedichten selber: die meisten Einträge sind wenige Zeilen kurz, und nur drei von ihnen deutlich länger als eine Buchseite. Allen ist gemeinsam, dass sie mit einem Doppelpunkt beginnen, der einen eigenen ersten Vers einnimmt – fast vergessen wir im Rhythmus der Lektüre, uns zu fragen, was, das wir nicht sehen, da vor diesem Doppelpunkt stehen mag.Viele der Gedichte, beiläufig die Hälfte, haben eine einzeilige Schlussstrophe, oft gar nur ein Wort; das legt nahe, auch in den anderen Fällen das Schema Setup-und-Pointe mitzudenken.

Der ganze Band erweckt den Eindruck, man würde das Notizbuch oder Journal einer Kunstfigur durchsehen, die den Skandal der prinzipiellen Sterblichkeit, der Unhintergehbarkeit der Körper auch nach anderen Richtungen als nur dem Ende hin – Verdauung, Hunger, Hitze, Kälte – verarbeitet. Wenn das Fortwirken von Erinnerungen, von Kultur selbst in den Menschen an mehreren Stellen in Texten als ein "Krebsgeschwür" metaphorisiert wird, ist eine Position von Ich zu Welt gesetzt, die von Reflexion weg und zum unmittelbaren Erleben "zurück" will, aber es ist auch gesetzt, was diesem Ich in der Welt den Schrecken einjagt, der Reflexionen erst in Gang setzt. ("Kunstfigur" nenne ich die gesetzte Subjektposition, weil die Figur, deren Sprache von der Ich-Krise Reyer inszeniert, bei alledem ganz und gar fokussiert bei sich zu bleiben.)

Vielleicht trifft zu, dass jeder dieser Journaleinträge eine Szene fasst, in der die substanzielle Beschaffenheit des "Ich" – von so etwas Alltäglichem wie Stimmung zu so abstrakten Größen wie der eigenen Subjekthaftigkeit – auf je andere Weise als abhängig vom Zustand des Körpers in der Welt abhängt: des hungrigen, satten, glatten, rauen, zerbrechlichen, weichen, harten … Körpers. Die Stimmung der Gedichte wird (für mich) durch die hier nahegelegte Versuchung zur Dissoziation bestimmt – der Selbstwahrnehmung als Stein unter Steinen, Holz im Gebüsch, taubes Architekturdetail im leeren Stadtraum; Körper als Territorium, auf dem (in den Erinnerungen) die titelgebenden Städte streiten –, Dissoziation jedoch, die nicht als existenzielle Drohung bzw. Psychose daherkommt (was realitätsgerecht, aber wenig unterhaltsam wäre), sondern als Bedingung verzauberter Weltwahrnehmung – ins Gedichten gebannt und hier ungefährlich auch für die gegenteilig prädestinierten Leser*innen.

Es gibt ein paar Stellen, an denen Reyer direkter auf Mystik sich bezieht (im Sinn dieser bestimmten Art, von Grenzerfahrungen zu reden). Eine davon, wo auch das Wort "Gott" fällt, in einem der drei erwähnten langen Gedichte des Bandes, erinnert (mich) an den Modus der Wortneuschöpfungen, den man bei Meister Eckhart finden kann. Diese Stellen sind schwieriger verdaulich und werden vielleicht, längerfristig, kritischer Lektüre bedürfen, was daher rührt, dass sie Material aufrufen, das in gegenwärtigen deutschsprachigen Gedichten (mit gutem Grund) nicht häufig vorzukommen pflegt. Aus dem (körperlichen, verkörperten) Rahmen des Dialogs zwischen Bild und Text, aus dem "Wo Städte streiten" besteht, fallen sie deswegen nicht.

Womit auch gesagt ist: Sophie Reyer inkorporiert in diese Textkomposition nicht nur, was sozusagen leicht geht, sondern sie nutzt ihren Stoff im Dienst möglicher Erkenntnisinteressen. Chapeau.

 

  • 1. einmal, im Hintergrund, weit unten, sehen wir Passant*innen
Sophie Reyer
Wo Städte streiten
Fotos: Maria Tunner
Moloko Print
2020 · 174 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-943603-93-4

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