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Kritik

Der Mann mit der Fistelstimme (II)

Der zweite Band der großen Lovecraft-Biographie von S.T. Joshi auf Deutsch
Hamburg

Im Jahr 1925 lief nichts so richtig gut für den Horrorschriftsteller H.P. Lovecraft. Er hatte ein kleines Apartment in Brooklyn Heights gemietet, nicht die beste Wohngegend damals, sah seine Ehefrau nur selten, weil sie andernorts einen Job annehmen mußte, und versuchte kurzfristig, sich mit dem Verfassen von Anzeigen für eine Handelskorrespondenz über Wasser zu halten. Zu allem Überfluß wurde in seinen Umkleidealkoven eingebrochen – man stahl ihm vier Anzüge –: eine mittelschwere Katastrophe für den bekennenden Anzugträger. Es ist geradezu rührend, wie S.T. Joshi am Beginn des zweiten Bandes seiner großen Lovecraft-Biographie die Jagd nach neuen passenden und natürlich möglichst günstigen Anzügen beschreibt. Hier wird die ganze Schrulligkeit des Autors ebenso deutlich wie seine prekäre finanzielle Situation, die dazu führte, daß er die tägliche Mahlzeit aus Brot und kalten Bohnen in Briefen an die ihn unterstützenden Tanten als gesündeste Nahrung überhaupt anpries.

New York war buchstäblich Gift für Lovecraft, die vielen (meist nächtlichen) Spaziergänge zur Erkundung der Umgebung konnten ihn nicht für den Anblick der fremdartig aussehenden Menschen (das waren für ihn im Grunde alle Nicht-Neuengländer) entschädigen und verstärkten seinen latenten Rassismus bis ins Unerträgliche. ___STEADY_PAYWALL___ Erst die Rückkehr ins heimatliche Providence, sein ›wiedergewonnenes Paradies‹, setzte die Phantasie bei ihm frei, die ihn zu einem weiteren Höhepunkt des Schaffens antrieb: Es entstanden in schneller Folge unter anderen die Erzählungen »The Call of Cthulhu« und die Kurzromane »The Dream-Quest of Unknown Kadath« und »The Case of Charles Dexter Ward«. In ihnen entfaltete Lovecraft seine kosmizistische Weltsicht weiter, die aber nicht das einzige Thema ist, wie noch auszuführen sein wird.

Wenig bekannt ist, daß Lovecraft auch sehr viele Reiseberichte und Essays verfasste und ein exzessiver Briefschreiber war, dem es manchmal schwerfiel, ein Ende zu finden. Gerade die Briefe enthalten die vielleicht substanziellsten Passagen in Lovecrafts Werk. Neben der Prosa und Korrespondenz entstanden jedoch auch weiterhin Gedichte, die sich meist der Gelegenheit verdankten, denn Lovecraft erkannte inzwischen durchaus, daß seine eigentliche Stärke in der Prosa lag. Aus den Gedichten ragen die »Fungi from Yuggoth« heraus, ein Zyklus von sechsunddreißig Sonetten, mit dem er in den besten Momenten seine neu formulierte Dichtungstheorie selbst umzusetzen versuchte: »Das oberste Ziel des Dichters ist es, sich der Schwerfälligkeit & leeren Originalität zu entledigen & sich in die Niederungen des Schlichten, Direkten & Lebendigen zu begeben – sich dem reinen, kostbaren Stoff des tatsächlichen Lebens & der alltäglichen Redeweise der Menschen zu widmen.« Das steht zunächst im Widerspruch zu Lovecrafts Ablehnung der Moderne, doch deutet sich hier an, was ihn an der phantastischen Literatur besonders interessierte.

I never can be tied to raw, new things,
For I first saw the light in an old town,
Where from my window huddled roofs sloped down
To a quaint harbour rich with visionings.
Streets with carved doorways where the sunset beams
Flooded old fanlights and small window-panes,
And Georgian steeples topped with gilded vanes–
These were the sights that shaped my childhood dreams.

Solche Zeilen einer stillen Verbundenheit mit der Heimatstadt drücken in Reinform aus, was Lovecraft in Briefen immer wieder schilderte und was auf den Kern seiner Werke verweist: »in diesen kurzen Augenblicken scheinen sich vor mir staunenswerte Perspektiven auf alle Wunder & Schönheiten, nach denen ich je gesucht habe, zu eröffnen & auf all jene Gärten alter Zeiten, deren Erinnerungsbilder gerade jenseits der Grenzen bewusster Erinnerung nachzittern, dabei doch nahe genug, dem Leben die einzige Bedeutung zu verleihen, die es besitzt. Alles, wofür ich lebe, ist, noch einmal ein Bruchstück dieser versteckten & wahrhaft unerreichbaren Schönheit zu erhaschen.« Indem Lovecraft auf die genau recherchierte Geschichte und Topographie Neuenglands zurückgreift, macht er die Beschreibungen der Landschaft, Städte und Häuser zum eigentlichen Mittelpunkt des Werks. Am stimmungsvollsten gelingt ihm das zum Beispiel in »The Colour out of Space« und »Shadow over Innsmouth«. Ja, in seinen besten Erzählungen ist die Vermittlung einer solchen Atmosphäre durch minutiöse Beschreibungen ebenso wichtig oder vielleicht sogar noch wichtiger als die Handlung.

Aus dieser intensiven Erfahrung rührt aber auch Lovecrafts Erkenntnis, »dass unsere sichtbare Welt der Wahrnehmung & Erfahrung in hohem Maße begrenzt & fragmentarisch ist«, deshalb beruhen seine Erzählungen, wie er an anderer Stelle weiter ausführt, »auf der Grundannahme, dass die gewöhnlichen menschlichen Gesetze, Interessen und Gefühle im unermesslichen Kosmos in seiner Gesamtheit keine Gültigkeit und keine Bedeutung haben.« Lovecraft formuliert das dezidierte zu einer Forderung an die Literatur als »eine Art nicht-übernatürlicher kosmischer Kunst«, für S.T. Joshi die vielleicht wichtigste theoretische Äußerung, die Lovecraft je gemacht hat: »Er schwört dem Übernatürlichen ab und argumentiert für eine unheimlich-phantastische Literatur, die sich darauf beschränkt, die Welt der bekannten Phänomene zu ergänzen, statt ihr zu widersprechen.«

Auch wenn sich Joshi zuweilen ein bißchen in den Details einer additiven Chronologie verliert, zeichnet er sehr anschaulich nach, wie Lovecraft seine späten Meisterwerke »At the Mountains of Madness«, »The Shadow over Innsmouth« und »The Whisperer in Darkness« schreibt, zugleich aber auch Bearbeitungen anderer Autorinnen und Autoren für wenig oder gar kein Honorar anfertigt, von denen einige ziemlich mißlungen sind. (Zu einem dieser Ghostwriting-Fehlschläge schrieb der spätere Superman-Miterfinder Jerry Siegel in einem Leserbrief, die Erzählung sei besser als alles, was Lovecraft je erreichen könne.) Obwohl Lovecraft hartnäckig behauptet hatte, es genüge ihm, ausschließlich zum eigenen Vergnügen zu schreiben, trafen ihn die oft plump begründeten Ablehnungen der Magazin-Herausgeber zutiefst und zerstörten, so wie auch die (oft völlig unbegründete) Kritik am Werk, sein ohnehin nicht sehr robustes Selbstvertrauen. Zum Teil hat Lovecraft seine Mißerfolge aber auch selbst verschuldet, indem er durch falsche Bescheidenheit die wenigen sich bietenden Chancen auf eine Buchveröffentlichung vereitelte.

Ein Nachlassen der schöpferischen Kräfte war die unvermeidliche Folge, er schrieb in den letzten Lebensjahren immer weniger. Daß Lovecraft jedoch so arm war, daß er verhungerte, enttarnt Joshi als posthumen Mythos. Daß aber die ungesunde Ernährungsweise, zu der die miserable Zahlungsmoral der Magazinherausgeber sicherlich beitrug, seine Erkrankung immerhin beschleunigte, daran dürfte kein Zweifel bestehen. Als Lovecraft 1937 nach einigen qualvollen Wochen starb, hatte er im Grunde kein einziges seiner Werke in Buchform bei einem größeren Verlag gesehen. S.T. Joshi gewährt en passant einen kleinen, aber prägnanten Einblick in die Veröffentlichungsweisen der Pulpmagazine, für die Lovecraft zu schreiben gezwungen war, da der phantastischen Literatur grundsätzlich nicht die Qualitäten ernsthafter (oder zumindest gut geschriebener) Texte zugebilligt wurden, die ihrerseits jedoch immer wieder mit seiner als langatmig und zu anspruchsvoll empfundenen Schreibweise überkreuz lagen. Wenn Joshi abschließend auf rund sechzig Seiten den Einfluß nachweist, den Lovecraft nach seinem Tod auf einige Autoren genommen hatte – die nicht immer in seinem Sinne an einem ›Cthulhu-Mythos‹ fortschrieben, den Lovecraft weder geplant noch ausgeführt hatte –, dann wird ersichtlich, daß er mit seinen Neuerungen in der phantastischen Literatur und generell mit diesem Genre in seiner Zeit ›zwischen allen Stühlen saß‹, unbequem, unangepaßt, wie ein Fremdkörper. Das Interesse an seinem Werk flammte erst mehrere Jahrzehnte nach seinem Tod auf, vor allem in Europa, doch inzwischen ist Lovecraft durch die Aufnahme in die renommierte Library of America zu posthumen Ehren gekommen; denn eine starre Grenze zwischen U- und E-Literatur existiert nicht mehr.

Joshis Biographie ist so spannend zu lesen, weil er keinen der Stars ihrer Zeit porträtiert, der im Literaturbetrieb etabliert war, sondern einen Durchschnittsautor, der mit Horrorstorys den Lebensunterhalt zu bestreiten gedachte, voll vieler kleiner und einiger größerer Marotten, hochintelligent und idiosynkratisch, in vielem sympathisch, in manchem jedoch höchst unangenehm. Sie zeigt auch die – gar nicht einmal so kleine – Gesellschaft der sogenannten amerikanischen Amateurjournalisten, begeisterte und nicht immer mit großen Talenten gesegnete Schreiberlinge, die im Grunde das darstellten, was wir heute als Hobbyautoren bezeichnen würden, im literarischen Leben jedoch wenig zu melden hatten, sich gleichwohl aber organisierten und auch zu elitären Zirkeln zusammenschlossen. 

Sehr angenehm fällt auf, daß Joshi bei aller Liebe zum faktischen Detail sich nicht vor harschen persönlichen Urteilen scheut. »Neben der Abgedroschenheit der übernatürlichen Elemente überrascht an der Geschichte am meisten, wie schlecht sie geschrieben ist«, heißt es beispielsweise über »The Horror at Red Hook«. Sie sei im Grunde nur ein Vehikel für den »offenen Rassismus«, den Joshi – bei allem Verständnis für die Zeit- und Lebensumstände des Autors – zu Recht erneut vehement geißelt. Die Inhaltsangaben der wichtigsten Werke machen die Biographie gleichzeitig zu einer Einführung in Lovecrafts Werk und ermöglichen vielleicht selbst jenen Lesenden, denen das Genre eher fremd ist, sich dank der kurzen, hellsichtigen Kritiken eine Meinung zu bilden. Zum Schluß sollte nicht unerwähnt bleiben, daß das vorliegende Buch sehr ansprechend übersetzt und auch gestaltet ist, sicherlich eine Großtat für einen Kleinverlag. Sogar die beim ersten Band bemängelten zahlreichen Druckfehler sind erfreulicherweise auf ein nicht erwähnenswertes Minimum geschrumpft. Mit einer solchen Veröffentlichung läßt sich das erkaltete Interesse an phantastischer Literatur mühelos wieder entfachen!

S.T. Joshi
H. P. Lovecraft – Leben und Werk 2
Golkonda
2020 · 760 Seiten · 39,90 Euro
ISBN:
978-3-944720-52-4

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