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Wenigstens einem Menschen ein wenig hilfreich sein

Ein junger Bausoldat in der DDR und der renommierte Schriftsteller Günter de Bruyn wechseln Briefe unter den Argusaugen der Stasi
Hamburg

Der vorliegende Briefwechsel hatte am 01. Januar 1981 damit eingesetzt, daß sich der 17jährige Stefan Berg bei dem DDR-Schriftsteller Günter de Bruyn, Jahrgang 1926, für dessen Einsatz für einen sozialen Friedensdienst in der DDR bedanken wollte. Vorangegangen war die sogenannte „Berliner Begegnung“ vom 13. und 14. Dezember 1981 im Ostberliner „Hotel Stadt Berlin“. Dort hatte der DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin seinerzeit medienwirksam rund 100 Schriftsteller und Wissenschaftler aus Ost und West zu einer „Berliner Begegnung zur Friedensförderung“ zusammengeführt.

Mit großer Freude und Erleichterung hatte der junge DDR-Bürger Stefan Berg den Beitrag Günter de Bruyns zur „Berliner Begegnung“ zur Kenntnis genommen. In unmißverständlicher Deutlichkeit hatte sich de Bruyn für die Möglichkeit eines sozialen Friedensdienstes in der DDR ausgesprochen. Ein unerhörter Paukenschlag für ein Land, das nicht zuletzt mit dem 1978 eingeführten Wehrkundeunterricht an den Schulen einer verstärkten Militarisierung unterworfen war.

Der Briefwechsel dieses ungleichen Paares reflektiert nicht lediglich auf abstrakter Ebene Fragen des Friedens, die seinerzeit in Ost und West auf der Tagesordnung standen. Für Stefan Berg hatte sich das Problem insofern zugespitzt, da seine Einberufung zur Nationalen Volksarmee, zum „EHRENDIENST bei der NVA“, wie er ironisch hervorhob, für den November 1982 angestanden hatte: „Im neuen Jahr steckt bereits heute so viel Angst. Angst habe ich auch vor Entscheidungen“.

Im Gegensatz zu allen anderen sozialistischen Ländern war es in der DDR möglich gewesen, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Dennoch wurde man Wehrpflichtiger, wenn auch den sogenannten Baueinheiten der Nationalen Volksarmee zugeordnet und separat kaserniert. Stefan Berg bedauerte, daß es in der DDR ein Grundrecht der Kriegsdienstverweigerung wie etwa in der Bundesrepublik nicht gibt. Er hätte es vorgezogen, einen zivilen oder sozialen Ersatzdienst abzulegen.

Aktivisten wie Stefan Berg waren sich darüber im Klaren, daß ihre Entscheidung für die Einheiten der Bausoldaten Diskriminierung und Nachteile im Alltag wie in der Berufswahl mit sich bringen würde. Unwillkürlich sah sich Stefan Berg einem gewaltigen Druck ausgesetzt. Sollte er seinem Gewissen folgen und ein persönliches Zeichen zu setzen versuchen, oder sollte er den Weg des geringsten Widerstandes wählen und sich kritiklos an die gegebenen Verhältnisse anpassen?

Diese Jahre waren von einer dramatischen Spirale des Wettrüstens zwischen den großen Militärblöcken in Ost und West gekennzeichnet. Als Gegenbewegung hatte sich grenzüberschreitend Friedensbewegungen gebildet, die freilich den jeweiligen gesellschaftspolitischen Bedingungen ausgesetzt waren. Während man im Westen gegen eine Aufrüstung insgesamt protestierte, sahen sich die Friedensaktivisten in der DDR mit staatlichen Vorgaben wie „Der Friede muß bewaffnet sein“ oder „Frieden schaffen gegen NATO-Waffen“ konfrontiert.

Der vorliegende Band offenbart Ängste, Gefühle und Nöte, die der junge Bausoldat unter rührender Wahrung des Respektes vor dem angesehenen Schriftsteller ausspricht. Die vertrauliche Offenheit betrifft aber auch Mitteilungen der Freude oder kleiner Erfolge, wenn es Stefan Berg zum Beispiel gelungen ist, in seiner Einheit einen kulturell-literarischen Abend zu gestalten oder in seiner Lektüre fündig geworden ist: „Ich merke: Trotz Gefangenschaft – Entwicklung ist nicht aufhaltbar. Das Leben macht mir Spaß“.

Daß die konkreten Umstände in der DDR, die sich gerne als „Friedensstaat“ apostrophiert hatte, zuweilen geradezu neurotisch aufgeladen waren, belegen abgedruckte interne Einschätzungen und Lageberichte der allgegenwärtigen Staatssicherheit: „Berg ist Bausoldat, der eine feindlich-negative Grundhaltung zu unserem Staat hat sowie pazifistische Auffassungen vertritt. Er unterhält Verbindungen zu feindlich-negativen Personen aus religiösen und kulturellen Kreisen“ – derlei Erkenntnisse hielt die Diensteinheit HA I der Staatssicherheit in Rostock im Juli 1983 für enorm brisant.

Ein einführendes Vorwort von Stefan Berg skizziert die gesellschaftspsychologischen Hintergründe der damaligen DDR aus der Sicht kritischer Jugendlicher. In seinem ausführlichen Nachwort schildert Günter de Bruyn seine Sicht der Dinge aus dreißigjähriger Distanz und geht dabei noch einmal auf die „Berliner Begegnung“ vom Dezember 1981 ein. Seiner damaligen Teilnahme würde er jeglichen Nutzen absprechen, „hätte mir Stefan Berg nicht brieflich bescheinigt, daß ich mit ihm doch wenigstens einem Menschen ein wenig hilfreich geworden war“.

Stefan Berg · Günter de Bruyn
Landgang
S. Fischer
2014 · 17,99 Euro
ISBN:
978-3-10-000156-6

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