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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Chaos als Durchgangsstadium.

Hamburg

okzident express – falsch erinnerte lieder, so hat Stefan Schmitzer seine acht Langgedichte überschrieben, und der Titel enthält schon sehr präzise die Spannung, von der die Texte leben. Denn Schmitzer zeigt uns die bunte, brutale, westlich gewordene Welt, die ja bekanntlich schon seit längerem als Fortschritts-Schnellzug in den Abgrund fährt. Er zeigt sie uns, indem er ihre »Lieder« – also Popsongs, Theorie, Dichtung, Filme usw. – sprechen lässt, diese wild vermischt, verfremdet, collagiert. Die Gedichte wollen dabei die katastrophische Gegenwart sagbar machen.

Im Klappentext ist von einer Tracklist die Rede: Schmitzer featuring Brinkmann, Celan, Rühmkorf, Morgenstern, Marx und Engels, Hegel, Villon, Homer, Ovid, Marlene Dietrich, Ton Steine Scherben, DJ Koze, Beyoncé uvm. Und ja, all diese Namen stehen dann über den Gedichten, oft findet man die Bezüge in den Zeilen darunter, manchmal aber auch nicht (man kann ja auch nicht alles kennen.)

Einer der nicht explizit genannt wird, dafür aber als wiederkehrend zitiert wird, ist Walter Benjamin, genauer gesagt seine berühmte Interpretation von Paul Klees Angelus Novus, den Benjamin zum »Engel der Geschichte« macht, der in die Zukunft geweht wird, und nur Trümmer hinter sich sieht. Das ist klug gewählt, immerhin bleiben Benjamins Geschichtsthesen bis heute relevant, geht es in ihnen doch um einen Ausweg aus der von Gewalt und Unterdrückung geprägten Geschichte. Schmitzer gibt Benjamin aber nicht einfach wieder oder illustriert dessen Thesen. In den vorletzten Zeilen des ersten Gedichts »0 Einschwingen« heißt es:

wir werden in unsere träume ein blei gwicht zaubern müssn . damit die
                                                                                                      richtign lieder an die
wir uns falsch erinnern einmal für die dauer von so ein paar flügl schlägl
                                                                                                               vom herrn engl15
der ge sturm ge schichte lang an ort und stelle still stehn bleibn .

wie so so stelen felder stehen16 .

und dann dann die die traum versjonen von den richtigen liedern
                                                                              im falschn gedächtnis . mit
blei stifft abzeichnen .

Was passiert hier? Die »richtign lieder«, an die wir uns falsch erinnern, in ihnen liegt vielleicht das Glücksversprechen der Kunst, von dem Adorno sprach, der ja hier ebenfalls zitiert wird. (»Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«) Und im unaufhaltsamen und katastrophischen Gang der Geschichte, sollen die Lieder einmal still gestellt werden, damit wir sie abzeichnen können, ihre »traum versjonen«. Doch geht das? Diese Zeilen handeln eher von der Unzulänglichkeit der Lieder, in der gleichzeitig ihre Kraft liegt. Sie führen uns auf keinen festen Grund, nur auf ein weiteres verzerrtes Bild, vom Traum zum Lied zur Zeichnung im Traum, der ja zugleich den surrealen Zustand im Schlaf, und das (phantasierte) gute Leben meint. In solchen Zeilen gelingt Schmitzer viel. Hier wird ein »poetisches Denken« (Metz) möglich, das in den philosophischen Dialog tritt, ohne Philosophie zu sein, da das feste Resultat ausgesetzt wird, und die Zeilen eher eine Bedeutungsexplosion nach sich ziehen, anstatt Bedeutung festzuschreiben.

Leider gehen diese im besten Sinne dichten Stellen in Schmitzers Text oft ein wenig unter, doch warum eigentlich? Schmitzer versucht durch chaotische Setzungen der Strophen, durch onomatopoetische Wiederholungen von Silben, alltagssprachliche Elemente, Fußnoten und einem wirklich ungesund-häufigen Gebrauch von Ellipsen einen eigenen, gegenwärtigen Stil zu finden. Die Sprache will sich hier der verzerrten und gebrochenen Gegenwart, die sie beschreibt, angleichen, oft ist das aber eher willkürlich und führt zur Unaufmerksamkeit beim Lesen. Es wäre auch schön, wenn man nicht ständig von Großbuchstaben angeschrien würde.

Die Katastrophen-Dichtung Schmitzers berauscht sich am Untergang der westlichen Welt. Wahlweise soll es den Literaturbetrieb treffen (»LET US STÜRM KLAGENFURT«), an anderen Stellen ist der rechts-deutsch-österreichischen average man das Ziel. Migration und Klimawandel lassen den Okzident-Express entgleisen, klar, und das ist bei Schmitzer auch gut so. Migrantisch und »schwarz« werden soll der Globus, so lesen wir es in VII »MESTIZAJE. KLIMAWANDEL JA, ABER RICHTIG«. Doch das Eintreten der Krise, die in ihrer Potentialität gefeiert wird, und eine neue Welt gebären soll, entfesselt eben nicht automatisch die Emanzipation, was man übrigens bei Benjamin nachlesen kann. Das ist vielleicht noch kein Argument gegen Schmitzers Gedicht – die Kunst muss politischen Ansprüchen nicht genügen – aber wenn sie schon so welthaltig sein will, dann könnte sie solche Widersprüche auch in sich aufnehmen.

Schmitzer versucht in VII »MESTIZAJE. KLIMAWANDEL JA, ABER RICHTIG« Klimawandel, Spätkapitalismus, Migration und Rechtsruck zu besingen und begrüßt – wie gesagt – das Chaos als Durchgangsstadium. Es wird ein apokalyptisches Panorama aufgespannt, doch die Sprache wird so seltsam brutal und infantil zugleich, dass es einen doch manchmal schüttelt:

furchtbringend in die schwarze mutter erden rein flut hammer
                                                                                                           hämmert
dass mit der schwarzn mutter erdn diese ganze insl wuschig wird
so bumst dann alles bumst die menscheit pflanzt
und pflanzt sich fort

Bumsen? Hammer hämmert? Was soll das? Die theoretische Referenz zu all dem findet man, auch wenig subtil, ein paar Zeilen darüber:

(k)                   OSMOSE

Also bitte auch noch den Guattari in die lange Tracklist (der bekanntlich ein Buch mit dem Titel »Chaosmose« geschrieben hat, das, vereinfachend gesagt, von der Entstehung des Neuen durch Ausnahmesituationen handelt). Hier übernimmt sich der Autor. Alles soll ins Gedicht passen, die ganze Welt, doch die Sprache, die das leisten soll, ist nicht reich genug, trägt das alles nicht. Die theoretische Referenz bleibt nur eine solche, die Leserin kann sich höchstens fürs Bescheidwissen beglückwünschen.

Ärgerlich wird es auch dann, wenn ein formal eher anspruchsloses und irgendwie so dahinplätscherndes Gedicht über zwei Geckos mit drei Jahrhundertwerken überschrieben wird:

(sag mir wo die Blumen sind, marlene dietrich nach pete seeger)
(grundlinien der philosophie des rechts, g. f. w. hegel)
(todesfuge, paul celan)

Da wäre dann doch etwas mehr Bescheidenheit angesagt. Es ist eine große Kunst, mit dem Werk eines Anderen in den Dialog zu treten. Keine große Kunst ist es, sich mit den Werken der Anderen zu schmücken, das ist vor allem bourgeoise und gehört in die alte Welt.

Stefan Schmitzer
okzident express / Falsch erinnerte Lieder
Droschl
2019 · 72 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
9783990590287

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