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Kritik

Das Garn des Odysseus.

Moshe Kahn schafft einen Zugang zu Stefano d'Arrigos Sprachkunstwerk „Horcynus Orca”.
Hamburg

Für seine Übertragung des vierzig Jahre davor in Italien erschienenen Romans Horcynus Orca”, von Stefano d‘Arrigo (1919-1992), sprach man dem in Berlin lebenden Moshe Kahn (*1942) 2015 den Italienisch-Deutschen Übersetzerpreis zu.

In der Tat setzt seine Leistung neue Maßstäbe: Um das knapp eineinhalbtausend Seiten umfassende Sprachkunstwerk erstmals in einer anderen Sprache nachzuschaffen, holte sich Kahn während der acht Jahre, die er daran arbeitete, Einverständnis und Rat bei dessen süditalienischem Schöpfer.

Herausgekommen ist eine deutsche Version des furiosen Textgiganten, die nicht nur ein großes Leseerlebnis erlaubt, sondern auch eine Vorstellung davon gibt, was noch für Abenteuer in Ausdruck und Fantasie, apollinisch und dionysisch, möglich sind, würde man Sprache beim Verstehen und Erkennen als konstituierend wahrhaben, anstatt sie lediglich zum Aufhängen des Gemeinten zu gebrauchen.

Das gewichtige Buch mit dem Titel eines Meeresungeheuers – Orcinus Orca ist der Schwertwal – stellt auf ungewöhnlich vielfältige, überwältigend einzigartige Weise den Ozean an der Meeresenge von Messina dar, von dem, aber auch: von dem bedroht – die Fischer dort leb(t)en. Darüber hinaus ist das Buch selbst ein Ozean des Italienischen, versetzt mit dem Sizilianischen, einer auf dem Griechischen beruhenden Version der romanischen Sprache, die von allen Bewohnern der Insel – darunter Araber und Normannen – etwas angenommen hat.

Wie sich der/die deutsch Lesende das von d'Arrigo geschaffene Italienisch vorzustellen hat, beschreibt der Übersetzer ausführlich im Nachwort, ebenso die Verfahren, die er bei seinem Nachschaffen entwickelt hat. Unnütz zu bemerken, dass die deutsche Version des „Horcynus Orca” nicht nur Kahns Erfahrung als Literatur-, v.a. Gedichtübersetzer, sondern in ebenso großem Maße seiner Leidenschaft zu verdanken ist. Angeblich hat er sein Haus verkauft, um sie auszuleben. Der Schweizer Verleger Ammann konnte für das Vorhaben gewonnen werden und nach Aufgabe seines Betriebs brachte der Fischer-Verlag den Orca-Roman heraus.

So ist nach vierzig Jahren erstmals eine Übersetzung aus dem Italienischen in eine andere Sprache zustande gekommen. Danke, Moshe Kahn!

Der Orca-Autor Stefano d‘Arrigo, im Alter etwa dem Protagonisten seines Romans gleich, der selbst aus der beschriebenen Gegend stammt, debütierte im Nachkriegsnorditalien als Dichter. Zwei arrivierte Kollegen kürten ihn mit einem namhaften nationalen Preis und so wurde seine erste Erzählung, „Die Tage der Fere” viel beachtet.

Die „Fere”, ein Ausdruck aus der Fischer-Sprache für eine Art Delfin, ist darin das zentrale Symbol. Unter anderen bezeichnet sie auch das Bronzeblech von faschistischen Denkmälern in Form von Mussolini-Köpfen, von den „Feminotinnen”, menschliche Pendants der Feren – bei d'Arrigo : Schmugglerinnen und Prostituierte zwischen Kalabrien und Sizilien –, als Nachttopf verwenden.

Die Bedeutungsübertragungen finden vielfältig schillernd statt, in einer stromlinienartigen Prosa, die an spielende Delfinleiber erinnert. Das war komplett neu! Die literarische Szene in Rom und Mailand erwartete mit großer Spannung die Ausarbeitung von d'Arrigos Erzählung zu seinem erstem Roman. Der mittlerweile mit seiner Frau Jutta in Rom Niedergelassene ließ sich allerdings noch 14 Jahre bis zur Fertigstellung von „Horyncus Orca” Zeit. Die Handlung war schließlich auf den vielfachen Umfang ausgeufert. Erst 1975 konnte der Roman erscheinen, in der Zeit der Roten Brigaden, wo der Großteil der Literatur auf politischen Aktionismus geschaltet war, aus Pamphleten und Reportagen bestand oder sich als Avantgarde in die Moderne verstand. In diesem Kontext musste das wuchtige Roman-Ungetüm vom Zeitlupe-Tod eines Moby Dick in den Naturgewalten des Ozeans erst recht bizarr wirken, umso mehr, als hier Archaisches und Mitgeschlepptes, Überkommenes und Übernommenes aus Mythologie und literarischer Tradition den gefährlichen Müllstrudel ergeben, der alles einreißen könnte. Wie seitdem in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen, gelingt es dem von seinem „Orca” geradezu besessenen d'Arrigo, gerade aus dem dem Alten – der griechischen Sagen, den volkstümlichen Ariost-Variationen im sizilianischen Puppentheater – das Gültige zu ziehen, das vorwärts drängt durch die Vehemenz der vom Autor entwickelten literarischen Verfahren.

Obschon die Reaktionen zwischen Begeisterung und Ablehnung polarisierten, waren sich die Kritiker einig, dass hier ein Meilenstein der italienischen Weltliteratur vorlag, vergleichbar mit Joyce' „Ulysses” oder Dantes „Göttlicher Komödie”. Die hatte um 1300 eine neue – die italienische – Sprache grundgelegt. (Auf österreichische Verhältnisse umgelegt, lässt sich der Bombeneffekt des „Orca”-Romans am ehesten mit Marianne Fritz' „Dessen Sprache du nicht verstehst” von 1985 vergleichen: umwerfend außerordentlich, einzigartig, ein Koloss, den die meisten umschiffen werden.)

Die durchwegs positiven Reaktionen auf die deutsche Veröffentlichung 2015 sind allesamt lesenswert: Nur die besten Kritiker haben es mit „Horcynus Orca” aufgenommen, vereinzelt wird auch auf hohem Niveau in Lese-Blogs davon geschwelgt. Dass keiner der RezensentInnen bemerkt, dass in der bislang einzigen Auflage die Seiten 609 bis 641 doppelt eingeleimt wurden, lässt allerdings Zweifel an aller Gewissenhaftigkeit keimen.

Was ist denn nun das Außergewöhnliche an d'Arrigos Sprache?

Vielerorts gehen die Anreicherung des Italienischen mit Neologismen und Siziliansmen, neben Wortnebenbedeutungen, die jede mit unterschiedlichen poetischen Methoden weiter­gesponnen werden, grammatischen Eigenarten und Satzstellungen dem deutschsprachigen Leser in ihren Nuancen verloren; aber nicht überall: Dass man zumindest eine Vorstellung der Orca-Sprache bekommt, verdanken wir Moshe Kahn.

Nicht weniger außerordentlich ist d'Arrigos mit allen Sinnen aufgeladene Ausdrucksweise, in der, ohne irgendwo manieriert zu wirken, sämtliche Register und Stilebenen gezogen werden, wo es schillert und spiegelt, glänzt und trübt, schwarz und gleißend weiß wird. Das macht die zeitlose, d.h. den Epochen der Geschichte überlegene, ungeachtet ihrer jeweiligen Kultur gültige Stimmung aus. D'Arrigo liefert gewissermaßen den Ton zum Stummfilm des mythischen Denkens. Über fast 1500 Seiten dröhnt und schlingert, ebbt und flutet sein Text, mehr Brandung als Erzählung, und alles gehorcht seinem dem gekonnt ausgeworfenen Netz von Plot.

Worum geht es?

Der Roman beschreibt erotisch, spannend und ergreifend das Leben und Sterben am Meer mit Mitteln des Meeres: akustisch, olfaktorisch, visuell. Beim Lesen des Romans kommt einem vor, es stäche unablässig die Sonne, als röche es die ganze Zeit nach verdorbenem Fisch, als wären die Lippen immer salzig. Die Lust, wo sie im Text beschrieben wird, macht physisch nicht vor dem/der Lesenden Halt.

Thema ist der Tod, und darin: die Überlegenheit des Todes aus dem Meer vor dem Tod, den Menschen über Menschen bringen. 1943 ist Krieg zwischen Faschisten und Alliierten, doch für die Fischer herrschte er längst: gegen die umso unerbittlichere Natur – des Meeres und seiner Ungeheuer.

An der geschilderten Meerenge fand die größte (europäische) Naturkatastrophe des 20. Jhdts. statt, am 28. Dezember 1908  das Erdbeben plus Tsunami von Messina und Reggio Calabria. Am selben Tag im Jahr 1943 werden sich die Deutschen (von Sizilien ausgehend, wo bereits die Amerikaner und Engländer standen) zurückziehen. Kurz davor spielt der Roman: Noch ist Krieg, Italien hat bereits kapituliert, vorher haben die Mussolini-Faschisten aufgegeben. Es ist Oktober 1943. Der Matrose `Ndrja Cambrìa, aus der Marine desertiert, befindet sich auf dem Heimweg in sein Fischerdorf. Die gefährliche Stelle, wo es vom kalabrischen Festland auf die Insel Sizilien geht, wird in der Odyssee mit den Ungeheuern Scylla und Carybdis beschrieben. Nicht von ungefähr: immerhin befindet sich die aus strategischen Gründen sehr umkämpfte Meerenge auch noch zwischen den Vulkanen Ätna und Vesuv, die die Bewohner ihrer reichen Hänge ständig bedrohten.

Die Kriegsherren haben alle Boote konfisziert. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, heim zu gelangen, steht dem Protagonisten eine viertägige Irrfahrt bevor. Er muss sich Prüfungen mit der Natur, Menschen und Fabelwesen aussetzen, räsoniert über den Krieg, die Fischerei und das Meer und kommt am Ende nie an. Auf der vorletzten Romanseite trifft eine verirrte Kugel den jungen Mann, der sich am Ende wie ein Gladiator für die Machthaber prostituieren musste.

Am besten stellt man sich die Atmosphäre im brachialen Schwarzweiß eines frühen Pasolini-Films vor. Auch der Viscontifilm im Neorealismo von 1948 über das Elend der sizilianischen Fischer, im deutschen Verleihtitel: „Und die Erde bebt”, vermag einen dorthin zu versetzen, wo „Orca” spielt. V.a. in den Schilderungen der Kindheiten – was die Armut mit den kleinen Seelen anrichtet, die oft mehr mit Aberglaube und Schlägen als mit Brot und Fisch aufgezogen werden – wird einem das Nachkriegselend bewusst, als Italiens Linke ihre Augen im vollen Bewusstsein auf die Landflüchtigen in den Vorstädten und die Analphabeten am rückständigen Land richteten.

Doch Fischer wie 'Ndrja und sein Vater Caitanello, dessen Erinnerungen und Erfahrungen eines Fischerlebens den zweiten Teil des Buches bilden, sind nicht die alleinigen Helden des Buches. Das Meer selbst wird personifiziert in den Feren, d.h. Delfinen, die beim Tunfischfang den Fischern die Netze zerreißen und daher ihre Feinde sind. Dennoch sind viele von ihnen einem Exemplar der klugen Meeressäuger in animistischer Beziehung verbunden. Feren sind die Geister des Elements Ozean.

Und am Ende wird der titelgebende Orca, ein in fremde Regionen geratenes und dort eigentlich machtloses Hochseeraubtier, von der Vielzahl dieser eigentlich harmlosen Tümmler getötet. In seinem perversen Tod zeigt der Schwertwal, was in der Menschenwelt im Krieg soeben passiert ist: Gut und Böse, Opfer und Täter wechseln in gewaltigem Druckwellen Oben und Unten, und am Ende ist die Fischerei, Existenzgrundlage aller Bewohner, nach einer Reihe dummer, eitler, mutwilliger Entscheidungen zerstört.

Dass „Orca” in den Orcus führt ist nur einer der wortmythischen Bezüge, von deren engem symbolischen Netz das Ungetüm dieses geschmeidigen, eleganten gewaltigen Meisterwurfs zusammengehalten wird. Auch die verspielten „Feren” (die in den Salz schmuggelnden Verführerinnen der „Feminotinnen” ihr menschliches Pendant haben, sagenhafte Meerjungfrauen als auch derbe Prostituierte gebend), d.i. unübersetzbarer Fischerjargon für „die Wilden” sind „Fähren” in den Tod gleich den Todesbarken, mit denen die Fischer einander bestatten.

Allgegenwärtig – ein Ozean im Ozean – ist das Sterben, am Wellenkamm der Lust. Seine Walze betreibt den Roman, das Motiv des Sterbens gibt die Rollen, auf denen der Text sich dreht.

Wenn kleine Aale als erste Frühlingsboten ein wimmelndes Festessen für die Strandbewohner geben, gleichen sie von Kadavern lebenden Maden. In ihnen kündigen sich die verspielten Feren an, die dem Fremdling in ihren Gewässern so lange an der Fluke zusetzen, bis ihre zärtlichen Bisse ihn manövrierunfähig gemachte haben. Liebeshungrig sind die Feren seine Mörderinnen geworden. Den Topos des schönen Todes, bekannt aus Gedichten oder traurigen Liedern, erhält seine visuelle Umsetzung durch Bilder aus dem surrealistischen Film.

Das Leben der Fischer von „Cariddi”, so der Charybis entsprechende Name von ‘Ndrjas angestrebtem sizilianischem Heimatdorf, ist vom gemeinsamen Kampf – Männer mit Männern, Frauen mit Frauen – gegen die Natur, von Todesgefahr, Armut und Hunger geprägt; darüber hinaus vom geistigen Be­grenzt­sein auf eine Welt, in der Dinge und Handgriffe über Jahrhundert weitergegeben wurden, ohne dass der Mensch eine Veränderung zugelassen hätte. Eine derartig starre Welt entwickelt, und das vermag d'Arrigo so großartig wahrzumachen, grausam schön ihr starkes Eigenleben. Die Grenzen von Wahnsinn und rettender Fantasie verschwimmen, Geister erscheinen echter als die Tatsache, dass es außerhalb des eigenen, wortkargen Dorfs noch anderes geben könnte.

Etwa zeigt sich das – Seite 549ff. – in der Episode, wo der halbwüchsige 'Ndrja seinen Vater Caitanello dabei ertappt, wie er jede Nacht im imaginären Liebesspiel mit der verstor­benen Mutter Acitana flüstert. Der Bursche ist versucht, den längst auswendig gewussten Part der Mutter zu übernehmen, doch bevor es zu Schlimmerem kommen kann, wachen die beiden auf und stellen sich der Situation. Der gewisperte Dialog zwischen den Eltern erklärt sich mit einem Mario­nettenstück der sizilianischen Rolandslied-Volkstradition, das Caitanello und Acitana nach der Hungersnot als Verliebte gesehen haben und das sie über schwere Zeiten hinweg getröstet hat. Indem er die Lampe anstarrt, vermag sich Caitanello in die Kutsche zu versetzen, die ihn und seine Braut damals zu dem Schauspiel gebracht hat.

Man muss den Roman lesen. Magische Momente wie dieser, aus lächerlicher Dürftigkeit entstanden, von Stefano d'Arrigo her- und dargestellt, lassen sich nicht nacherzählen.

Zumal der Autor mit allen Sinnen und Stilmitteln arbeitet, die ab und an auf- und untertauchen: Es wimmeln die kleinen Fische zum Netz, es wimmeln die verspielten Feren im Liebesspiel um den gigantischen Orca, es wimmeln die Straßenbuben um den Wehrmachtssoldaten, umstellen seinen Panzer und werden ihn nicht lebend davonkommen lassen. – Jede dieser Szenen bringt einem der Autor unter die Haut, in einer Schilderungswut, von deren Strom alles aufgeladen wird, prickelt.

„Horyncus Orca” ist ein Ungeheuer wie die Bestie im Titel, und – wie jedes seltene Kunstwerk – vom Aussterben bedroht, d.h. vom Ignoriertwerden; solange Leser den Aufwand scheuen, dem Roman Hingabe in dem Maß zu gewähren, das ein neues Element, will man sich darin zurechtfinden, fordert.

Stefano D'Arrigo
Horcynus Orca
Aus dem Italienischen von Moshe Kahn
S. Fischer
2015 · 58,00 Euro
ISBN:
978-3-10-015337-1

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