Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
x
10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

Wenn alle Frauen schlafen...

Hamburg

Stephen King hat schon mehrfach Bücher mit anderen Autoren zusammen geschrieben. Zwei entstanden gemeinsam mit Stewart O'Nan, zwei mit Peter Straub, und erst in diesem Jahr erschien „Gwendys Wunschkasten“, eine märchenhafte Novelle über ein kleines Mädchen, das unversehens das Schicksal der Welt in Händen hat, die er gemeinsam mit Cemetery-Dance-Herausgeber Richard Chizmar verfasste.

Die Kollaboration mit seinem Sohn Owen King, die nun unter dem Titel „Sleeping Beauties“ auf Deutsch vorliegt (übertragen von Bernhard Kleinschmidt) ist nicht nur ein großartiger Vater-Sohn-Roman, sondern ein bitterböser Kommentar zu den Verwerfungen unserer Zeit. Obwohl die erste Fassung schon vor ein paar Jahren entstand, ist alles drin: Trump, #metoo, das Erstarken der neuen rechten Bewegungen. Stephen King sagt gerne, er schreibe keine politischen Bücher, er wolle nur gute Geschichten erzählen. Diese ist eine ziemlich gute und ziemlich politische Geschichte. Das mag auch seinem Sohn geschuldet sein, der in der Einordnung weniger zimperlich ist. Schon mit seinem Debütroman „Der wahre Präsident von Amerika“ (2006) legte er einen Abgesang auf die Bush-Ära vor. Und Stephen King hat Trump so lange auf Twitter getrollt, bis er von ihm geblockt wurde.

„Sleeping Beauties“ ist nichts weniger als der finale apokalyptische Krieg zwischen den Geschlechtern. Und er beginnt in dem verschlafenen Appalachen-Nest Dooling. Eine geheimnisvolle Fremde taucht dort eine Tages auf, nimmt eine Drogenküche auseinander und lässt sich dann widerstandslos festnehmen. Zeitgleich geschehen weltweit seltsame Dinge: Alle Frauen schlafen ein und spinnen sich in einen seidigen Kokon. Wer sie aufzuwecken versucht, lebt nicht mehr lange. Und irgendwie scheint die geheimnisvolle Fremde damit etwas zu tun zu haben. Doch bís sich das herumgesprochen hat, ist die Welt längst aus den Fugen. In einer Welt ohne Frauen bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Die Männer verzweifeln oder drehen durch. Und die Frauen? Erwachen in einer Parallelwelt. Ohne Männer. In einer friedlichen Welt, in der sie nicht mehr ständigen Sexismus ausgesetzt sind, in der nicht das Recht des Stärkeren regiert.

Aber ist es wirklich so einfach? Ist die Männerwelt roh und grausam und die Frauenwelt friedlich und harmonisch? Natürlich nicht. Es sind die Zwischentöne, die dieses Buch so lesenswert machen – und Kings große Stärke, die er einmal mehr ausspielt: Seine genaue Beobachtungsgabe für die Dynamiken kleiner Dorfgemeinschaften, die zerfallen, sobald sie mit ihren Lebenslügen konfrontiert werden. Wie schon in „Die Arena“ demonstriert er, wie rasch Gruppendynamiken aus eigentlich vernünftigen Menschen einen wütenden, hirnlosen Mob machen können. Es braucht nur einen mit den richtigen radikalen Ideen, der den Ton vorgibt, und schon kippt die Situation.

Das Frauengefängnis von Dooling, in dem die Ereignisse auf ihren Höhepunkt zusteuern, darf durchaus symbolisch gelesen werden für das Gefängnis, das eine männlich dominierte Gesellschaft für Frauen bedeutet, die noch heute stigmatisiert werden, wenn sie sich zu wehren beginnen gegen die Weinsteins und Trumps, gegen die verstörende Selbstverständlichkeit von Übergriffen, sei es in einer dunklen Ecke im Gefängnishof, sei es zu Hause hinter der Fassade der glücklichen Familie. Es sind zerbrechliche und zwiespältige Figuren, die dieses Dooling bewohnen.

Trotz der ausladenden Länge von 960 Seiten liest sich „Sleeping Beauties“ rasant. Ein auf mehreren Ebenen phantastischer Roman – und man darf hoffen, dass es nicht die letzte Zusammenarbeit von Vater und Sohn King bleibt.

Stephen King · Owen King
Sleeping Beauties
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Heyne
2017 · 960 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-453-27144-9

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge