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Kritik

In wirren Wäldern

Hamburg

Bei einer Gesprächsrunde mit Studenten an seiner ehemaligen Uni wurde Stephen King vor einigen Jahren gefragt, ob er eigentlich hin und wieder Alpträume hätte. King lächelte verschwörerisch und sagte: „Nein. Das ganze Zeug lade ich ja bei euch ab.“

Aber immerhin, es gibt Dinge, vor denen Stephen King sich fürchtet. Vorm Fliegen zum Beispiel – was ihn dazu veranlasste, im Frühjahr gemeinsam mit Bev Vincent die Anthologie „Flug und Angst“ herauszugeben, eine Sammlung mit Kurzgeschichten (und einem Gedicht) von Arthur Conan Doyle bis heute, die auch auf interessante bis amüsante Weise zeigt, wie sehr sich doch die Vorstellung vom Fliegen binnen weniger Jahrzehnte gewandelt hat.

Und es gibt da noch etwas: Den Horrorclown im Oval Office, der sicher gruseliger ist als alles, was King sich je ausdenken könnte. Während er an seinem neuen Roman schrieb, in dem es um entführte Kinder geht, begann die Trump-Administration, Kinder von ihren Eltern zu trennen und einzusperren – nur weil sie das Pech haben, keinen amerikanischen Pass zu besitzen und obendrein nicht weiß zu sein. Das habe ihn erschreckt, erzählte King unlängst der New York Times.

„Das Institut“ (Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt) ist der dritte Roman, den King während Trumps Amtszeit verfasst hat, und wie schon das gemeinsam mit seinem Sohn Owen King geschriebene „Sleeping Beauties“ (2017) und „Der Outsider“ (2018) ist das Buch voll mit Anspielungen und Seitenhieben auf jüngste politische Ereignisse, will aber von King, wie üblich, nicht als politischer Roman verstanden werden. Und das ist er auch nicht, zumindest nicht vordergründig – aber King hat schon immer ein Hintergrundrauschen der politischen Weltlage in seinen Werken verarbeitet, nicht zuletzt in seinem großen amerikanischen Schauermärchen „Es“ (wovon man in der neuen und abermals komplett überflüssigen Verfilmung freilich nichts mitbekommt).  

„Das Institut“ ist eine streng geheime Anlage, gut versteckt gelegen in den tiefsten Wäldern des US-Bundesstaates Maine. Dorthin werden Kinder wie der zwölfjährige Luke Ellis entführt, in Nacht-und-Nebel-Aktionen, die Eltern werden ermordet. Auch ohne dass King es extra hätte erwähnen müssen, hätte man sich an die Berichte erinnert, nach denen in den USA zehntausende Kinder als vermisst gelten.

Luke erwacht nach seiner Entführung in einem Zimmer, das exakt so aussieht wie sein eigenes – nur das Fenster fehlt. Im Institut gibt es eine Menge solcher Fake-Kinderzimmer. Und eine Menge Kinder, die eines gemeinsam haben: schwache telepathische oder telekinetische Fähigkeiten. Wochenlang werden in finsteren Laboren Tests an den Kindern durchgeführt, ein verkappter Dr. Mengele, der tief im Untergeschoss des Instituts abstruse Experimente ersinnt, scheint aber nicht der eigentliche Grund für die Entführungen zu sein – der verbirgt sich im „Hinterbau“, in den die Kinder nach wenigen Wochen im Institut gebracht werden. Doch was dort vor sich geht, weiß niemand so genau. Nur eines: Dass kein Kind je aus dem Hinterbau zurückgekehrt ist.

Das ändert sich, als der hochintelligente und hochbegabte Luke einen Fluchtplan schmiedet...

Unterm Strich ist das alles – leider – weit weniger spannend und originell, als es auf den ersten Blick klingt, und die Auflösung, der Grund für die Entführungen und Experimente, gehört zum Albernsten, was King je zu Papier gebracht hat. Dass der Roman geradlinig und vorhersehbar und bisweilen furchtbar langatmig ist, macht es kaum besser. Da wirken die Einbettung in aktuelle gesellschaftlich-politische Kontexte und die optimistische Grundhaltung zwar sympathisch, da kommt zwar immer mal wieder durchaus Spannung auf, aber am Ende muss man doch konstatieren, dass „Das Institut“ ein typischer King im nicht so positiven Sinne ist, gestrickt nach einem Schema, das allzu simpel und allen King-Lesern allzu vertraut ist. Das ist schade, denn Potential für mehr, für viel mehr, hätten Stoff und Figuren durchaus geboten.

Stephen King
Das Institut
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Heyne
2019 · 768 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3-453-27237-8

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