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Mosaik Literaturzeitschrift
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Kritik

Ist das Realität oder muss das noch bewertet werden?

STILL #5, gelesen
Hamburg

am Horizont hallen die Hurrikans
sie trudeln durch die Troposphäre
wälzen sich über die Weiden
und wir starren ausquartiert
auf ihre Hütchenspielertricks
wie sie uns abziehen
im eigenen Kiez

Es ist ein ausgemachtes Fernhalten, das den Gedichten von Sascha Kokot ihre Atmosphäre verleiht. Hier ist die Ausbreitung groß; hier ist die Anwesenheit größerer Dinge unbestreitbar, unterhalb derer sich das Kleine und Beschauliche gestört oder ungestört vollzieht. Kollektoren und Hurrikans werden zu Göttern, die unverfänglich und mächtig in ihrer Eigenheit thronen und damit walten.

Vergangenheitsbeladen und mit bedrohlichem Anstrich kommt der Prosatext „Geflecht“ von Mercedes Spannagel daher, in dem Dünen am Strand und ein leeres Wohnhaus zum Schauplatz einer unwirklichen Feriengruppenerfahrung werden, die sich atmosphärisch irgendwo zwischen Langeweilebekämpfung und Endzeitstimmung bewegt. Verfall & Aussichtslosigkeit werden wie Sand in jede Rille, jede Öffnung der Erzählung getragen.

Colby war ein echter New Yorker. Immer wenn wir übers Wetter sprachen, sagte er, sein Grad an Behaglichkeit stehe im direkten Verhältnis zu der Anzahl an Kleidungsschichten aus Cord, die man zu tragen genötigt sei.

Den Auszug aus Filip Noterdaemes Prosawerk über seinen Partner Daniel Isengart und ihre gemeinsame, zum Kunstprojekt umgemodelte Wohnung, empfand ich als wenig spannend, wenig aussagekräftig – zumal das Werk ein „modern take on Gertrude Stein’s memoir à clef“ also die Autobiographie von Alice B. Toklas sein soll (so steht es auf Isengarts Website). So spannend die Idee mit der Wohnung als Museum ist, so belanglos ist der Text, eine Aneinanderreihung von Schickimicki und Referenzen; die subtile Ebene konnte ich nicht finden.

Auch dem Gedicht „Grau“ von Andreas Hutt kann ich wenig abgewinnen. Es ist etwas zu versessen darauf, seinem Titel und Objekt augenscheinlich gerecht zu werden und findet dadurch nirgendwohin.

also in diesem Sinne macht doch was schöneres mit ein wenig mehr tageslicht

Sascha Hargesheimers „drei versuche einer choreographie der arbeit“ ist mal ein schön konkreter, kritischer Text und doch auf grandiose Weise verspielt. Die eiserne Lady Margret Thatcher und die Kohle-Kumpels bzw. Richard Gere und the pretty callgirl Julia Roberts bzw. die Aliens und die amerikanischen Vorstadtidyllen sind die Protagonist*innen der drei Szenarien. Die reale und längst ad acta gelegte, himmelschreiende Gewerkschaftsvergangenheit oder der Hollywoodkitsch, der nach dem Happy End einfach ausblendet, um nicht sehen zu müssen, was danach noch geschehen könnte – worin zeigt sich die Verlogenheit unserer Vorstellungswelten eher? Dreimal darf man raten.

und das meer löst seine liquiditätsprobleme durch komplexe leasingstrukturen.

Man kann darauf abfahren, gewiss, aber mich nervt die Schwammigkeit von bestimmten Texten, die so wirken, als würden sie einfach Schlagwörter des Zeitgeistes aneinanderheften, bei jeder Gelegenheit eine pseudopoetische Sprungschanze einbauen und dabei Bedeutungshorizonte mit irgendwelchen stylischen Begriffen aufladen. Ja, wir leben in einer Welt , in der Digitalisierung ein Ding ist, wir haben’s begriffen. Jan Imgrunds Kurzprosa ist mitunter atemnehmend eindrücklich, in Ansätzen sogar schön, aber auf die Nerven geht sie mir trotzdem.

Es folgt ein erster Fotoabschnitt mit Werken von Tobias Faisst, Lotte Reimann, Anne-Lena Michel, Alexander Anufriev. Mir persönlich haben vor allem die „Studys“ von Lotte Reimann und die Idee hinter Anne-Lena Michels „Die Fotografen“ gefallen.

ich wollte nach paar samen fragen, doch mein zwilling sprang, ging schwofen mit dem mann. wer schatten hat, muss für die spots nicht sorgen, sagte mrs. stein, packte ihre knöpfe ein.

 i wanted to ask for some seeds, but my twin bolted, cutting the rug with the man. two heads are better than ohne, advised mrs. stein, and packed her buttons wieder ein.

Geradezu quietschvergnügt springen einem die Prosastücke von Uljana Wolf zur Seite, shown einen around, lachen über den eigenen joke or gag or wit, kitzeln das Wonneproppen-Gefühl des eigenen Sprachempfindens heraus. Sophie Seitas Übersetzungen nehmen sich schöne Freiheiten und blitzen in manchen Ideen, allerdings geht die Dynamik des Originals meiner Ansicht nach dennoch verloren. Warum wird languages zum Beispiel nicht mit speeches übersetzt, das näher am Klang von „Sprachen“ wäre? Und in manchen Ideen (siehe oben „ohne“) gerät das Ganze etwas zu bemüht, zu verstiegen.

Petra Feigls Text mit dem Titel „wissen wie der frühling schmeckt“ kommt meiner Ansicht nach über einige leicht schmackhafte, aber überstrapazierte Wendungen nicht hinaus. Zumal die ständigen Sinnlichkeiten nicht als solche erfahrbar werden, sondern sich so abstrakt auftürmen, dass ich mir irgendwann dachte: ich hab‘s wohl falsch verstanden, es geht nicht um den Frühling, zumindest kann ich ihn bei dem Stapel an Worten nicht mehr sehen. Dabei fängt der Text großartig an und auch die blaubäuchigen Balkone sind gut. Vielleicht wäre es einfach besser gewesen dem Text eine Kürze und Leichtigkeit zu lassen.

Das Wetter in New York, das Wetter in Bagdad, die MOAB (Mother of all bombs). Ich muss offen zugeben, dass mich die Texte, die ich bisher von Kenneth Goldsmith gelesen haben, nie sonderlich gereizt haben (sie mögen ja innovativ sein, aber deswegen noch lange nicht interessant oder gut) und diesen Eindruck korrigierten auch diese beiden Wettergedichte nicht. Beim MOAB-Gedicht greift das Argument des für sich selbst sprechenden Dokumentierens schon eher.

das sind die bellenden Dörfer                                                                     
die sagen: wie lebst du bequem                                                                 
während wir dreimal aufhören                                                                  
und einmal den Anfang nicht finden      

these are the barking villages
that say: what an eays life you lead
while we come to an end three times                                                  
and can never find our way back

Die Gedichte von Daniela Danz sollte man in der Übersetzung von Monika Cassel lesen, im Original geht da viel verloren. Aber Spaß beiseite: das Dahinziehende, das in der Bewegung von Danz Gedichten dominiert, lässt sich im Englischen tatsächlich sehr gut wiedergeben und gleichzeitig profitiert das Englische noch von den flüssig-kantigeren Artikeln wie these, that und einigen anderen Möglichkeiten, geradlinig zu klingen.

John got busy looking at the car, doing all the mysteriously authoritative things men do when they evaluate machines.

Der bis dato beste Text der Ausgabe ist eine Short-Story von Michael Lowenthal, die nur auf Englisch abgedruckt ist. Über einen Collegeabsolventen, der unbedingt Schriftsteller werden will und sich dazu berufen fühlt, in die Fußstapfen seiner Vorbilder Orwell und Steinbeck zu treten – and that means: hard work. Nicht nur wegen der literarischen Klasse seiner Helden, des hohen Anspruchs, sondern auch wegen ihres Hintergrunds, zu dem er aufschließen will: beide gingen lange Zeit sehr einfachen Tätigkeiten nach, "ehrlicher Arbeit" sozusagen. Der Protagonist versucht irgendwie an einen einfachen Job zu kommen, der dennoch Potenzial für viele Erfahrungen bereithalten soll, die er später in Kurzgeschichten verarbeiten kann. Dabei stößt er auf so manches profane Problem; eins davon hat allerdings mit dem Präsidenten von Costa Rica zu tun …

Mir gefällt „Used-car Salesman“ wegen seiner Unkompliziertheit. Keine Artistik, dafür handfestes, mit passenden Schnörkeln und Kommentaren versehenes Storytelling.

Es folgen wieder Seiten mit zwei Fotokünstlern: Daniel Terna und Diegos Ballestrasse. Die Fotos von Terna, der ein und denselben Fassadenschriftzug aus unterschiedlichen Perspektiven und bei Sonnenaufgang, Untergang und bei Mondlicht fotografiert hat, gefallen mir.

I mean this fairylike spring in the paulownia tree (>>on a Croatian plain…<<), it always used to rip my heart out but now that does it matter, you know, what does it matter

Eine schöne Idee, einige Prosastücke aus Mayröckers „études“ in Englische zu übersetzen. Auch hier ist die erweiterte Spracherfahrung faszinierend – wo im Deutschen die flirrenden, sich ineinanderschiebenden Sätze ein Geflecht bilden, ein Dickicht, werden sie im Englischen (übers. von Donna Stonecipher) zu etwas Behutsamem; als würde man eine Kassette abspielen, auf der eine Stimme einfach, ohne gesicherte Zusammenhänge, weiter und weiter spricht.

Nach einem ziemlich psychedelischen Gedicht über “das sich auflösen” von Axel Görlach (von Christopher Fenwick akkurat ins Englische übertragen) folgt eine Gedichtübersetzung von Forrest Gander durch Ron Winkler:

Es klang wie das Schlurks eines ins Wasser geworfenen Steinblocks
Und wie beim Sex im Kolbenrhythmus atmen.

It sounded like chimmuck of a rock dropped into a stream
And the piston-driven breathing of sex.

Es ist schon etwas vermessen, wenn ich als Laie fertige Übersetzungen kritisiere, denn ich lasse bestimmt verschiedene Erwägungen außer Acht, die jede/jeder Übersetzer*in anstellen muss – trotzdem sind mir ein, zwei Dinge ins Auge gefallen, die ich nicht ganz verstehe.

In der ersten Zeile erscheint es mir schon wichtig, dass der Steinblock nicht einfach nur ins Wasser geworfen wird, sondern in einen stream, also eine Strömung, einen Fluss. Ich finde das macht ein ganz anderes Bild auf, auch der Gegensatz Fließen – fester, geformter Steinblock (warum ist es ein Steinblock und kein Stein?) – sehr gut finde ich allerdings den Begriff „Schlurks“ für das Geräusch. Auch in der zweiten Zeile finde ich die Formulierung etwas umständlich – hätte man nicht sagen können „und wie das Atmen beim Sex im Kolbenrhythmus“? Dann wäre auch die Verbindung zu dem „Es klang“ am Anfang irgendwie besser hergestellt.

Wahrscheinlich hat Winkler sich mit dem Autor bzgl. der Übersetzung abgesprochen und meine Anmerkungen sind folglich haltlos.

Es folgen zwei witzige, medienschrullige Gedichte von Matthias Jeschke, lässig ins Englische übersetzt von Jake Schneider, bevor es dann bei Stan Lafleur heißt:

so viel Schönheit
so viele Pumpguns

und:

„wir sollten dringend lernen die Dritte Welt als Prequel zur Ersten Welt zu begreifen“

Ja, sollten wir.

Es folgen die Werke der drei Fotokünstler*innen Johannes Heinke, Miia Autio und Kani Marouf. Mit ihren Fotos aus Kurdistan und ihren „Variation of white“- Aufnahmen sind Marouf bzw. Autio zwei der stärksten Künstlerinnen in diesem Heft.

Weltuntergangstext kommt horny und depressiv-apathisch um die Ecke geschlendert, das wäre die Schlagzeile, mit der ich Andreas Thamms Text ankündigen würde. Schon irgendwie nett zu lesen, flach und tief zugleich.

Müsste ich der Realität eine Schulnote geben, bekäme sie eine 4-.

Wenig war in dieser Ausgabe so unterhaltsam und hat mich so inspiriert wie die Kurzprosa und die Gedichte von Jonas Mölzer. Nichts Intensives, aber viel cooles Zeug.

Intensiver geht es dafür bei dem Auszug aus Sandra Santanas Gedichten zu. Intensiv und illuminierend. Als wäre jedes schmale Gedicht ein Fächer, der beim Lesen aufgeschlagen wird und einem seine Worte wie Gerüche und Farben entgegenfächert.

Ich weiß nicht, wie diese Transaktion nun verlaufen ist, aber danach ist Alberto wie aus Putzlappen gemacht. Ich versuche ihn vom Fleck zu bewegen, aber bringe ihn nur zum Blinzeln.

Dann was für die Freunde der inszenierten Absurdität. So würde ich zumindest die Dynamik in dem Auszug aus dem Prosastück von Pablo Katchadjian bezeichnen. Eine meta-spaßige Szene folgt auf die nächste, Alberto und der Ich-Erzähler sind wie ein moderner Don Quijote bzw. Sandro Pansa, nur ist nicht Don Quijote ent/verrückt, sondern die Welt.

Also betten wir uns mitten darunter, das heißt:  

Zum Schluss noch ein als Epilog sehr passender Text von Sudabeh Mohafez, sehr meditativ und doch bohrend, sprachskeptisch und doch wieder malerisch.

Das war also STILL #5. Die Zeitschrift ist auf jeden Fall auf der Höhe der Zeit und des Diskurses – wer wissen will, worin zeitgenössische Literatur sich umtut (diesseits und jenseits des Atlantiks), wird mit STILL einen Volltreffer landen (das Gleiche gilt vermutlich für die zeitgenössische Fotographie, aber da habe ich nicht genügend Ahnung). Die vielen Deutsch-Englisch und Englisch-Deutsch gedruckten Übersetzungen sind ein weiterer großer Pluspunkt. Ein bisschen schade, aber vermutlich unvermeidbar, ist, dass unter den vielen guten Beiträgen auch so mancher pseudocoole Beitrag ist, finde ich. Nun ja: Launen und Moden – diese abzubilden ist ja eine der Aufgaben von Literaturzeitschriften. Insofern eine klare Empfehlung: lesen sie STILL.

 

Alle an der Ausgabe beteiligte Autor_innen und Künstler_innen: Writing: Tobias Amslinger, Ines Berwing, Monika Cassel, Daniela Danz, Sirka Elspaß, Petra Feigl, Christopher Fenwick, Forrest Gander, Kenneth Goldsmith, Axel Görlach, Sascha Hargesheimer, Andreas Hutt, Jan Imgrund, Daniel Isengart, Mathias Jeschke, Pablo Katchadjian, Sascha Kokot, Magdalena Kotzurek, Stan Lafleur, Michael Lowenthal, Friederike Mayröcker, Sudabeh Mohafez, Jonas Mölzer, Filip Noterdaeme, Alexander Ossia, Sol Pérez Corti, Sandra Santana, Sophie Seita, Mercedes Spannagel, Donna Stonecipher, Andreas Thamm, Jordan Valentine Tucker, Talí Waiss, Ron Winkler, Uljana Wolf. Photography: Alexander Anufriev, Miia Autio, Diego Ballestrasse, Tobias Faisst, Johannes Heinke, Kani Marouf, Anne-Lena Michel, Lotte Reimann, Daniel Terna. Die in der Rezension erwähnten Autor_innen und Künstler_innen sind, sofern wir einen Pfad gefunden haben, verlinkt.

STILL 5 / Berlin Edition
STILL Magazine
2017 · Perfect-bound, 108 pp, 23x31 cm. Edition of 400, numbered. · 15,00 Euro

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