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Kritik

In einer Welt von Messern und Nachtigallen

Annäherung an das Werk der Dichterin Sujata Bhatt
Hamburg

Erzähl mir nichts vom Exil.
Stell meine Erinnerungen nicht infrage.

Was ist Heimat, was Zugehörigkeit, was Identität? Welchen Einfluss hat das Aufwachsen und Leben in drei Kontinenten, drei völlig unterschiedlichen Kulturen? Und was ist ausschlaggebend für die Wahl der Sprache, die im Alltag verwendet und im literarischen Werk gewählt wird?

Oder anders gefragt: Ist Sujata Bhatt nun eine indische Poetin, weil sie in Indien geboren wurde und ihre ersten Lebensjahre hier verbrachte, oder eine nordamerikanische, weil sie lange in den USA lebte, lehrte und in englischer Sprache dichtet? Kann man sie, auch wenn sie nicht in deutscher Sprache schreibt, als deutsche Dichterin bezeichnen, weil sie seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Deutschland lebt? Sie ist wohl alles auf einmal, eine indisch-amerikanisch-deutsche oder sagen wir der ___STEADY_PAYWALL___ Einfachheit halber einer kosmopolitischen Poetin, auch wenn ihr mit Einfachheit gar nicht beizukommen ist. In ihrem Gedicht „Jene, die fortgeht“ heißt es über das Weggehen und Dableiben prägnant:

Aber ich habe die Heimat nie verlassen.
Ich habe sie mit-
genommen – hier in meinem Dunkel
in mir selbst. Ginge ich denselben Weg zurück,
fände ich doch
diese erste Heimat nirgendwo dort draußen
in diesem Mutterlandort.
...
Ich bin jene,
die immer fortgeht
mit meinem Zuhause
das nur im Inneren erhalten bleibt,
in meinem Blut – meine Heimat deckt sich
             mit keiner Geographie.

Sujata Bhatt wurde 1956 in Ahmedabad im indischen Bundesstaat Gujarat geboren und wuchs in Poona im Bundesstaat Maharashtra auf. Ihre ersten Gedichte schrieb sie mit acht Jahren. „I felt that it was a natural thing to do“, sagte sie in einem Interview, das interessante Einblicke in das Werden der Lyrikerin und Übersetzerin gibt. Schon für diese ersten Gedichte wählte sie die englische Sprache, die sie ab dem 5. Lebensjahr lernte, als ihre Familie drei Jahre in New Orleans verbrachte, während sie Geschichten für ihren Bruder, für Cousins und Freunde immer in ihrer Muttersprache Gujarati erzählte. Über diesen Umstand bekennt sie: „I found it more liberating to write in English“, auch, um sich von Schriftstellern in ihrer Familie sprachlich abzugrenzen. Später wird sie den Zwiespalt thematisieren, der sich für Nachgeborene durch die Verwendung der Sprache der ehemaligen britischen Kolonialmacht auftut, etwa im Gedicht „Eine andere Geschichte“:

Welche Sprache
war nicht die des Unterdrückers?
Welche Sprache
kam in Wahrheit einem Mord gleich?
Und wie kommt es,
dass nach der Folter,
nachdem die Seele abgemäht wurde
mit der langen Sense, die herausstößt
aus dem Gesicht des Eroberers –
die ungeborenen Enkel jene
fremdartige Sprache zu lieben beginnen?

1968 übersiedelte ihre Familie endgültig in die USA. Bhatt hätte auch zu schreiben begonnen, hätte sie Indien nie verlassen, sagt sie, doch es wäre ein anderes Dichten, wären zum Teil wohl andere Themen gewesen, denn „my sense of being ‚exiled’ ... affected my writing as well as my ‚need’ to write“, erklärte sie in o.a. Interview.

1988 erschien beim britischen Verlag Carcanet Press ihr erster Lyrikband „Brunizem“, über den es in der Verlagsankündigung hieß, Bhatt „explores the richness and the conflicts of moving between cultures and languages, in poems that are passionate, direct and eloquent“, was als Kurzcharakteristik auch auf die Gedichte der aktuellen Auswahl zutrifft. Noch im selben Jahr wurde sie für „Brunizem“ mit zwei Preisen ausgezeichnet, dem „Commonwealth Poetry Prize“ und dem „Alice Hunt Bartlett Award“. Seither hat Sujata Bhatt mehrere Lyrikbände in englischer Sprache publiziert, zuletzt 2015 „Poppies in Translation“, ist vielfach ausgezeichnet worden und ihre Texte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt, darunter auch ins Deutsche. Denn 1998 erschien mit „Nothing is Black, Really Nothing“ bereits eine erste, zweisprachige Band mit ihren Gedichten im Wehrhahn Verlag, damals übersetzt von Jürgen Dierking (unter Mitarbeit von Adam Zagajewski). 22 Jahre später gibt es nun mit „Die Stinkrose“ – eine schöne Bezeichnung für den Knoblauch – einen weiteren, ebenfalls zweisprachigen Band mit einer Auswahl ihrer Gedichte, übertragen aus dem Englischen und mit einem informativen Nachwort versehen von Jan Wagner. Man hätte sich allerdings gewünscht, dass Wagner darin auch über die Kriterien der Gedichtauswahl Auskunft gibt, denn es gibt mit dem 1995 erschienenen 4. Lyrikband Bhatts „The Stinking Rose“ ein Buch gleichen Namens, es dürfte mit „Die Stinkrose“ aber offenbar nur wenige Gedichte gemeinsam haben.

Wagner charakterisiert Bhatt als eine, die „die gesamte Welt als Heimat begreift, in der sich poetisch Wurzeln schlagen lässt“. Er schreibt auch, dass man bei der Lektüre der Gedichte bemerken werde, dass „das Unterwegssein einem dichterischen Werk seinen Schwerpunkt verleihen kann“. Dem muss „man“ (ich) widersprechen, denn obwohl wir wissen, dass Bhatt viel unterwegs war und ist, zeigt sie sich erstaunlicherweise in den meisten Gedichten eben gerade nicht als eine, die unterwegs ist und daraus kunstvoll poetische Funken schlägt, im Gegenteil, sie ist eine, die zu Hause ist nicht nur in sich selbst, siehe o.a. Gedicht, sondern gerade aus dieser Sicherheit heraus die außerordentliche Fähigkeit besitzt, oder diese in ihren Texten zumindest deutlich spüren lässt, wirkliche und nicht nur poetische Wurzeln zu schlagen und ansässig zu werden, wo immer sie hinkommt, sich voll wachem Interesse und Empathie Land und Menschen zuwendet, „tastend, fragend“ (zit. Wagner) in ihren Gedichten „ein Gefühl von selbstverständlicher Zugehörigkeit vermittelt“, gewürzt zuweilen mit einer Prise Melancholie oder einem Quäntchen Lakonie, wenn sie einem Schmerz oder einer Freude Aus- und Nachdruck verleiht, denen wir lesend nachspüren können.

Und Leid ist,
wenn ich durch Ahmedabad laufe,
denn dies ist der Ort,
den ich immer geliebt habe,
dies ist der Ort,
den ich immer gehasst habe,
denn dies ist der Ort,
an dem ich nie zuhause sein kann,
dies ist der Ort,
an dem ich immer zuhause sein werde

Auffallend ist die Vielfalt der Themen in „Die Stinkrose“. Viele Gedichte sind Porträts oder Vignetten, geschöpft aus den Erinnerungen eines Ichs, das weitgehend ident mit jenem der Autorin ist. Es sind Nachempfindungen, die oft über visuelle Eindrücke angestoßen und in freie Verse übersetzt erzählt werden, manchmal wie ein Foto oder ein Gemälde anmuten, dann wieder wie Filme in Zeitlupe vor uns ablaufen. "I’ve always been a visual person and I’ve always been interested in art “, sagt Bhatt. Und man merkt schnell, dass die Malkunst eine von Bhatts wichtigsten Inspirationsquellen ist, nicht zuletzt an Titeln wie „Ars poetica with Poppies and Birds“ oder einem Gedicht zur Malerin Frida Kahlo und ihren Papageien oder dem Briefgedicht „Schwarze Segel“, das den Untertitel „Paula Becker an Rainer Maria Rilke, September 1900 Worpswede“ trägt und die brutale Ermordung einer Ehebrecherin im Moor beklagt – vermutlich stammt dieser Text aus dem 2002 erschienen Lyrikband „A Colour for Solitude“, in dem Sujata Bhatt sich mit der deutschen Malerin Paula Modersohn-Becker und deren Werken auseinandersetzte.

Schon das erste Gedicht „Muliebrity/Weiblichkeit“ führt mitten hinein in die Werkstatt der Wortmalerin Bhatt, die mit feinem Pinselstrich ein Mädchen lebendig werden lässt, dass auf der Straße Kuhdung sammelt. Oder im Gedicht „Nanabhai Bhatt im Gefängnis“ ihren sechzigjährigen Großvater erinnert, wie er, ein Freund Mahatma Gandhis, 1943 seine Zeit in einer dunklen Gefängniszelle verbracht haben mag. Oder im Gedicht „Zinzirritta“ sich lautmalerisch dem Flug der Fledermäuse in Lübeck und Ravenna nähert. Gelegentlich spitzt feiner Witz hervor, etwa wenn sie die Frage „Was ist exotisch?“ aus ihrer Sicht beantwortet, exotisch seien für sie nämlich Schweden, Estland oder Heidelbeeren.

Auch einige Liebesgedichte wurden in den Band aufgenommen, darunter „Shérdi“ (das Wort für Zuckerrohr auf Gujarati), einem sinnlichen, subtil erotischen Text.

Gleich mit mehreren Gedichten setzt Sujata Bhatt ihrer Mutter ein Denkmal. Sie versetzt sich hinein in ihr Leben als Vierjährige und erinnert, mit welcher Grazie die Mutter sich frühmorgens behände ihren Sari an den Körper wickelte. Oder ist die erwachsene Frau, die beim Lesen von Sapphos Versen den Tod der Mutter wachruft und an die vielen Arten denken muss, auf die diese für die Familie Kichererbsen zubereitete.

Etwas heraus fällt das Langgedicht „Das Loch im Wind“, ein beeindruckender Chor verschiedener Ich-Stimmen Überlebender und Toter, der zahlreiche Wasser- und Schiffskatastrophen der Jahre 1170 bis 1995 nahe der ostfriesischen Wattenmeerinsel Juist erinnert und auch Strophen plattdeutscher Sturmflutlieder enthält. Irritierend ist hier der Name Heinrich Heimreich, (der klanglich durchaus hübsch ist), zumindest für eine Österreicherin, die mit der lokalen Historie nicht vertraut und aufs Recherchieren angewiesen ist – müsste es nicht Anton Heimreich gewesen sein, Heinrichs Vater, ein Pastor, der die älteste Chronik Nordfrieslands geschrieben und darin die verheerende Buchardiflut des Jahres 1634 verewigt hat?

Übersetzungen aus dem Englischen ziehen das Problem nach sich, dass die Sprache vielen geläufig ist und Leser*innen, sich häufig bemüßigt fühlen, das eine oder andere zu bemängeln. Es sind Entscheidungen der Wortwahl, des Versbruchs usw., die Jan Wagner vielleicht sogar in Abstimmung mit Sujata Bhatt getroffen hat, die man als solche stehen lassen kann. Allerdings: Bhatt hat als Titel eines Gedichts „If You Named Your Daughter Garlic Instead of Lily or Rose“gewählt. Dies mit “Wenn du deine Tochter Knofi nennen würdest, nicht Iris oder Rosie” zu übersetzen, ist missglückt. Lily zu einer Iris zu machen, ist unnotwendig, aber Garlic mit Knofi zu übersetzen und Rose zur Rosie zu verniedlichen, hat einen Zug ins altbacken Läppische, der Bhatts Original nicht gerecht wird.

Sujata Bhatt
Die Stinkrose
übersetzt von Jan Wagner
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
2020 · 176 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26556-1

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