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Kritik

Sei wie in meiner Vorstellung

Was man aus Susan Sontags Erzählungen lernen kann
Hamburg

In einem sehenswerten Fernsehgespräch aus dem Jahre 1983 diskutieren die intellektuellen Schriftsteller John Berger und Susan Sontag über das Erzählen von Geschichten, fragen sich,  was das überhaupt meinen könnte: Während Berger sich sichtlich abmüht, in seinem Kopf unter Krämpfen zu visualisieren, wie eine denn Geschichte möglicherweise beginnen, wenn man versucht sich vorzustellen, dass eine Gruppe von Figuren in einem abstrakten Raum sich zueinander so und so verhält, falls das und das passiert, stellt Sontag Begriffe infrage und wägt ab, welche landläufigen Anforderungen ans Storytelling gestellt würden, aber in Wahrheit viel zu eng gefasst sind und das schriftliche Denken nur begrenzen.

Sontag, die Autorin vielgelesener und vieldiskutierter Essays, in denen sie sich u. a. gegen Interpretation von Kunst wendete, Krankheit als Metapher verstehen wollte, dem Nachdenken über Fotografie auf die Sprünge half und 1964 der in der Umgangssprache virulenten, ___STEADY_PAYWALL___doch eher negativ besetzten Bezeichnung „camp“ zu kulturhistorischen Ehren verhalf, schrieb auch Texte, die sie selbst als „Erzählungen“ klassifizierte. Im Hanser-Verlag erschienen kürzlich unter dem Titel „Wie wir jetzt leben“ fünf davon in einer tadellosen Übersetzung von Kathrin Razum und mit einem informativen, dichten Nachwort der FAZ-Redakteurin Verena Lueken.  Aber so recht wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, dass an anderer Stelle von Sontag längst zu Ende gedacht wurde, was sie in diese Geschichten packt. Sie greift nochmals oder nur vorläufig etwas auf, um eine Darstellung zu finden, die von vorne bis hinten durchgedacht ist, deshalb aber wenig Raum dafür schafft, über sie hinauszugehen.

In der titelgeben Erzählung zeigt ein Mann mit nicht wenigen Freundinnen und Freunden Mitte der achtziger Jahre in den USA Symptome einer Krankheit. Irgendwann gibt er zu, „den metallischen Geschmack von Panik im Mund“ zu haben und geht ins Krankenhaus: Sein restliches Leben, sein Überleben und seine Bereitschaft oder Verweigerung über die Krankheit zu reden, — die in Susan Sontags Erzählung namenlos bleibt, aber, nur ein kleiner Rückblick in seine Vergangenheit lässt daran kaum einen Zweifel: es geht um HIV—, letztlich er selbst, wird Thema. „Naja, alle machen sich heute um alle Sorgen, das ist jetzt normal, so wie wir jetzt leben.“ Der Erkrankte stirbt nicht in diesem Text. In Sätzen, die den Eindruck erwecken sie würden sich selbst verlängern, schiebt sich die Meinung einer Freundin unter die nächste eines Freundes darüber, was denn nun zu erwarten wäre vom weiteren Verlauf, wie man sich dazu zu verhalten hat. Hilflose Vermutungen wechseln mit klaren Ansagen. Hinweise oder kurze Geschichten wie die Freundschaft zu ihm, der genauso wenig einen Namen erhält wie die Krankheit, zustande kam, sich entwickelte, tauchen auf und wieder ab. Namen wie Ira, Jan, Quentin, Donny, Ursula Paolo, Hilda, Aileen, Max kreisen um einen, der nicht nur Fall sein soll, aber immer mehr dazu wird.

Das Problem liegt darin, dass die Erzählung nach vielen Maßstäben einfach „textbook“ ist, wie man auf Englisch sagt: Sie ist wie aus dem Lehrbuch – respektive gelehrigen Essay. An „Wie wir jetzt leben“ wird quasi-exemplarisch klar, wie die Krankheit bzw. die schiere Infektion das Denken und Sprechen der Menschen über einen der ihren verändert, ja bestimmt, und den, für den HIV nicht nur ein Thema ist, zu schweigen zwingt. Aber das diskursive Kreisen ist schnell als solches vom Leser erfasst und man bleibt ohne den Überschuss eines Interesses zurück, das über das zweifellos treffende literarische Verfahren hinausgeht.

Der Band enthält weiterhin zwei Erzählungen, in denen es auf deutlich formellere Weise ums Problem, eine Geschichte zu finden und Erfahrung zu vermitteln resp. das Schreiben von Briefen (an einen geliebten Menschen, kurz vor dem Tod, das Schreiben selbst) geht. Zudem gibt es einen Dialog zwischen einem Nachkommen Noahs und einem Vogel. Wir lesen hier immer wieder einsichtsreiche Formulierungen, schillernde Sätze, aber letztlich wirken diese Erzählungen eher wie kleine reflektorische Aufgaben, die entweder in einem Essay oder einer längeren Erzählung münden sollten, da ihnen in dieser Form subjektive Dringlichkeit und objektive Beiläufigkeit fehlen.

Die berühmtesten Texte klammern den Band. Am Anfang steht die titelgebende Erzählung, am Ende eine „Wallfahrt“ an, die Sontag als Teenagerin auf sich nahm, um Thomas Mann zu begegnen, der in Pacific Palisades, L. A. lebte, als sie ein Teenager war. Die perfekte Anekdote einer öffentlichen Intellektuellen ist der eindringlichste Text des Bandes, weil er recht mittellos daherkommt, keine große Distanz zu dem Geschehnis wahrt. Sontag erlebt ihre Kindheit als „lange Freiheitsstrafe“, hat das „Gefühl, in Gefasel zu ersaufen“. „Wallfahrt“ ist die Geschichte von früher, vielleicht verfrühter Intellektualität, von den Zweifeln einer Overachieverin. Man zimmert sich, enttäuscht von der prosaischen Wirklichkeit engstirniger Menschen, eine Identität zusammen mit dem Hören großer Musik und dem Lesen großer Literatur. Die Begegnung mit dem Autor des „Zauberbergs“ am Ende des Texts verläuft ohne positiven oder negativen Zwischenfall. Peinlichkeiten bleiben aus. Das Erstaunliche aber ist, dass Mann sich wundert, warum die junge Susan und ihr bester Freund, denn nicht Hemingway mögen und lesen. Denn so stellt er sich amerikanische Jugendliche vor. Sontag wird schnell klar, dass dieser von ihr vergötterte Mann keinen blassen Schimmer von der Realität in seinem Exilland hat, stattdessen von den jungen Leuten erwartet, sie würden seine Vorstellungen von den USA „repräsentieren“. Aber genau das wollen die beiden gerade nicht, für etwas stehen, das allen bekannt ist, und dass damit dann auch gut ist. Die Enttäuschung darüber, dass jemand, dem man mitverdankt nicht im Gefasel zu ersaufen, sondern selbstbestimmter zur Welt zu stehen, wiederum von einem erwartet, man wäre Repräsentant für etwas, von dem er keine Ahnung aus Unkenntnis der Wirklichkeit hat, führt in ihrer ziemlich unvermittelten Darstellung zu der Einsicht dieser Prosa, die am längsten haften bleibt. 

Susan Sontag
Wie wir jetzt leben
übersetzt aus dem Englischen von Kathrin Razum
Hanser Verlage
2020 · 128 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26764-0

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