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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Ausbleibende Eskalationen

Hamburg

Normal und durchschnittlich sind die Protagonisten in Susanne Neuffers Erzählband Im Schuppen ein Mann (MaroVerlag, Augsburg 2019). Meist sind sie weder besonders erfolgreich noch besonders gescheitert, haben normale, durchschnittliche Lebensgeschichten, in denen Beziehungen auseinandergegangen sind, Träume, ohne je hochzufliegen, gleich im kontrollierten Sinkflug stattfinden, in denen die dunkle Vergangenheit zur Gegenwart gehört, ohne wirklich angesehen zu werden und selbst Amokfahrten in Halbherzigkeit stecken bleiben. Da ist die bildende Künstlerin, die unverhofft eine Ausstellung in der Hauptstadt hat, weil der eigentlich eingeladene Künstler ausgefallen ist, und die dann doch davor zurückschreckt, mit ihren Arbeiten an die Öffentlichkeit zu gehen, der alternde Mann, der mit bewährter Auftrittsstrategie die „noch Erreichbaren“ zu erreichen versucht, Frau Telling-Hofer, der der Ehemann abhandengekommen ist und die durchaus mitbekommt, dass sich der arbeits- und wohnungslose Van Houten in ihrem Schuppen einquartiert hat und aber darauf verzichtet, ihn einzuladen oder aber zur Rede zu stellen, die Frau, die in ihren Doppelgängerinnen die perfekteren Varianten ihrer selbst erkennt, oder die beiden Paare, deren Unterhaltungen sich seit Jahren aus mehr oder weniger erfundenen Erlebnissen speisen, bis dann einer mal zu sehr nachbohrt und Erzählung wie Lebensroman der Erzählerin ohne rechten Grund zusammenzubrechen drohen.

Präzise beobachtet und beschreibt Susanne Neuffer diese so unendlich normale Normalität, selten erlaubt sie sich einen spöttischen Ton, fast immer bleibt sie bei einer distanzierten und zurückhaltend kalkulierten Ironie. Die Ingredienzien sind sorgfältig ausgesucht und eingesetzt, so dass auch auf erzählerischer Ebene die Eskalation ausbleibt. Es ist das Leben der heute 50- bis 70jährigen, das da an uns vorbeizieht, bekannt und begrenzt – und irgendwie auch ziemlich trist. Ist es, war es das, das Leben? Wollte man nicht mal mehr? Alles? Großes? scheinen die Texte einem zuzurufen, die ihre eigene Ironisierung gleich mitliefern.

Eine Antwort liefert die Erzählung „Von oben“ in der Mitte des Bandes. Ein Ferienort in Norwegen, sorgfältig renovierte und, wie sich herausstellen soll, reinszenierte Fischerhäuser, ein ganzes Dorf, das Fischtrawler-Kühltechnikausstatter Jonasson aufgekauft und dann zu einem Ferienort für junge Wohlhabende umgebaut und uminszeniert hat. Mit gehobener Küche, historisierender Straßenbeleuchtung und garantiert ohne Fischfabrik, Gewerbe oder Billigtourismus. Die Fischer, die dort mal gelebt haben, wurden rausgekauft, sie waren ohnehin am Ende, heißt es. Jetzt kommen sie vielleicht noch mal zu Besuch aus dem Altenheim in der nächsten Stadt, doch kaum haben sie den Bus verlassen, dessen profane Haltestelle der einzige Makel in dieser Idylle zu sein scheint, drehen sie auch schon wieder um. Sogar die Müllcontainer sind „sehr schön diskret mit Echtholzpaneelen verkleidet (…) wie ein verkleidetes Alpendorf im Miniaturformat“ – allein: Es stinkt. Das (ehemalige) Fischerdorf stinkt nach Fisch, die Gäste beschweren sich und eine Erklärung ist nicht zu finden. Erzählt wird die Geschichte von Sonja, die Kunst und PR macht und nun die Aufgabe hat, mit Hilfe einer Drohne „schöne Bilder“ zu machen, „schwarzweiß vielleicht, und so, wie sie den Leuten aus der Stadt gefallen“ – damit sich noch mehr langfristige Mieter finden und damit noch mehr Häuser zwischen die gerade noch verbliebenen Lücken gezwängt werden können. Authentisch, versteht sich. Denn es ist die Sehnsucht nach Authentizität, die die Leute in das Feriendorf zeiht. Dieselbe Sehnsucht, die auch die Protagonisten der Texte von Susanne Neuffer durchzieht. Das Eigenheim ist abbezahlt, der Ruhestand gesichert, das Abhandenkommen des Lebenspartners lässt sich auch irgendwie integrieren, und doch bleibt da eine Leerstelle, die perfider Weise noch nicht einmal das Zeug für einen Abgrund hat und sich mit maßvoller Ironie bestens bändigen lässt.

Der Fisch, der in dem Pseudofischerdorf stinkt, stinkt dann nicht nur vom Kopf, sondern ganz prosaisch auch vom Boden her – unter den historisch angepassten aufgeständerten Häusern finden sich Fischabfälle, dort ausgelegt von Adrian, dem Sternekoch des Ortes, dessen Karriere doch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sich in seiner Person die Gewalt widerspiegelt, die dieser Reinszenierung des Authentischen inhärent ist: Sein Großvater war der letzte Fischer des Dorfes, der aufgegeben hat. Doch Sonjas Drohne, die ja nur von oben sehen und fotografieren kann, wird die Fischabfälle nicht erfassen. So kann es störungsfrei weitergehen im Uneigentlichen.

35 Texte, längere und kürzere Erzählungen und Miniaturen, sind in „Im Schuppen ein Mann“ gesammelt. Es geht um Paare jenseits der Lebensmitte, um Künstler, die sich irgendwo im Mittelmaß eingerichtet haben und es geht um Autoren, die weder Amateure geblieben noch Profis geworden sind.

Wer weiß, vielleicht haben wir ja alle so einen Mann im Schuppen. Oder sind es gar selbst.

Susanne Neuffer
Im Schuppen ein Mann
maro verlag
2019 · 224 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-87512-489-7

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